RTL-Interview mit deutschem IS-Kämpfer Infoporno zur Selbstimmunisierung

Der Solinger Christian Emde (re.) im Gespräch mit Jürgen Todenhöfer. Maskierte Kämpfer überwachen das Interview.

(Foto: RTL)

RTL zeigt im Nachtprogramm ein Interview von Jürgen Todenhöfer mit einem 30-jährigen IS-Kämpfer aus Solingen. Ist so ein Gespräch der richtige Weg, der Propaganda eines Fundamentalisten beizukommen?

Von Matthias Drobinski

Man kann über Jürgen Todenhöfer sagen, was man will: Mutig ist er und hartnäckig dazu. Er hat nicht locker gelassen, bis er in die Stadt Mossul reisen konnte, in der die Kämpfer des Islamischen Staates (IS) das Sagen haben. Es mag ihm seine Bekehrung geholfen haben, die ihn, den einst kalten Krieger, zum Ankläger gegen die Kriege des Westens im Irak und in Afghanistan werden ließ.

Die Reise in die Welt des IS ist zunächst ein Scoop: Wie es dort zugeht, möchte man schon gerne wissen. Todenhöfer will darüber ein Buch schreiben; im RTL Nachtjournal veröffentlicht er vorab das Gespräch mit einem, der aus Deutschland in den Heiligen Krieg gezogen ist.

Übliche Floskeln der Fundamentalisten

Was also sieht und erfährt man dort? Man sieht einen dicken, blassen Mann mit langen Haaren und Fusselbart, dem man keinen Kilometer Dauerlauf zutraut. Christian Emde heißt er und stammt aus der Solinger Extremisten-Szene, von wo aus er nach Syrien verschwand. Der dicke, blasse Mann faselt vom Töten, vom millionenfachen Mord an Ungläubigen und Andersgläubigen, an Schiiten, Amerikanern, Europäern.

Er entwirft die Vision von der weltweiten Kopfabschneiderdiktatur. Er tut das in den überheblichen Floskeln des Fundamentalisten: Nicht er hat sich das alles ausgedacht, es kommt direkt von Gott.

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Jürgen Todenhöfer lässt ihn reden, fragt ihn ab, wendet mal mit leiser Stimme ein, dass das doch ganz schön viele Tote seien, von denen der dicke Mann da spreche. Was soll er auch tun? Selbst wenn nicht die vielen schwarzmaskierten, bewaffneten und gut trainierten Typen um die beiden herumstünden - der Selbstimmunisierung eines Fundamentalisten ist mit dieser Art Gespräch nicht beizukommen.

Ausreiser als Propagandisten

Man erfährt nichts über Herrn Emde, nichts über Mossul; man bekommt die Mordfantasien des IS in deutscher Übersetzung präsentiert. Man kann sich als Zuschauer daran aufgeilen, die eigene Angst, die eigenen Vorurteile, den eigenen Hass und die eigenen Mordfantasien aufsteigen lassen, wie das ist, wenn das Offenbare noch einmal unverhüllt gezeigt wird.

Und die Aufklärung verschwimmt zum Infoporno. Es heißt, der IS benutze die Ausreiser aus dem Westen als Kanonenfutter oder als Propagandisten. So gesehen haben die Jungs vom Islamischen Staat ihre Sache gut gemacht.

RTL Nachtjournal Spezial, Donnerstag, 0.30 Uhr.