Medienfall Kachelmann Schuldig? Anne Wills Fernsehgericht tagt

Was geschieht mit Jörg Kachelmann? Der Fall des Wettermoderators ist längst zur Medienschlacht geworden. Bei "Anne Will" gerieten zwei Journalistinnen aneinander.

Eine kleine Nachtkritik von Johanna Bruckner

"Wir nehmen gerade die Hauptverhandlung vorweg." Die Sonntagsrunde von Anne Will in der ARD hat ihre Halbzeit längst überschritten, als dieser Satz fällt. Christian Schertz sagt ihn, der "Prominenten-Anwalt", der auch Günther Jauch vertritt, jene TV-Größe also, die in einem Jahr die Talkmoderatorin Will just an diesem Sendeplatz ersetzt.

Dabei sollte es im Ersten ausdrücklich nicht um Schuld und Unschuld gehen. Nicht um die Frage, ob Jörg Kachelmann zu verurteilen ist, jener Moderator und Wettermann, der in der ARD für Regen-Späße der gröberen Art bekannt wurde. Anne Will hatte dies eingangs ihrer ARD-Talkrunde zum Thema "Der Fall Kachelmann - Justiz-Alltag oder Promi-Pranger?" betont.

Passend zum Wetter ein "heißes Thema", rechtfertigt die Moderatorin ihre außergewöhnliche Gesprächsagenda in einem Sender, dessen Nachrichtenangebot Tagesschau sich anfangs eine Berichterstattung zu Kachelmann noch geschenkt hatte. Die ARD hatte sich bislang mit dem Thema - der eigene Meteorologe ist wegen Vergewaltigung und Körperverletzung angeklagt - eher zurückgehalten. Und Anne Will diskutiert ansonsten lieber über Politisches - aber ist nicht auch der Casus Kachelmann längst politisiert?

Bereits die Vorstellung der Gäste lässt ahnen, dass es doch um nicht weniger als die Wahrheit im "spektakulärsten Kriminalfall des Jahres", wie der Stern titelte, gehen wird. Das ARD-Fernsehgericht tagt. Und Anne Will hat mit dieser Rolle ihre lieben Probleme.

Gift und Galle

Das liegt an zwei streitbaren Damen, die reichlich Gift in die Runde spritzen und die die Kameras auf sich ziehen: Gisela Friedrichsen, die Gerichtsreporterin des Spiegels, die irgendwann auf den großen Gerhard Mauz gefolgt ist. Und Alice Schwarzer, die Feministin und Gründerin der Zeitschrift Emma.

Die zwei haben augenscheinlich ein unentspanntes Verhältnis zueinander. Sie diskutieren mit Gift und Galle darüber, ob die Tatsache, dass das mutmaßliche Opfer im Fall Kachelmann nach der Vergewaltigung ihre Wohnung aufgeräumt hat, ein Indiz für die Tat sei. Sie hat nicht geduscht, ruft Friedrichsen auf einmal aus, als sei das ein wahres Indiz. Hätte sie geduscht, wäre sie vorher wohl vergewaltigt worden?

Die Spiegel-Frau übernimmt in diesem Fernsehgericht die Rolle der Verteidigerin des Angeklagten. Bereits im April habe die Staatsanwaltschaft Mannheim gewusst, dass das vermeintliche Opfer in Teilen die Unwahrheit gesagt habe. Diese Ungereimtheiten in der Aussage der einzigen Belastungszeugin gegen Kachelmann hätten aber erst in der vorigen Woche dazu geführt, dass der dringende in einen hinreichenden Tatverdacht umgewandelt - und Kachelmann freigelassen worden sei, doziert die erfahrene Prozessbeobachterin.

Friedrichsen: "Man hat ihn sitzen lassen, man hat ihn sitzen lassen, man hat ihn sitzen lassen." Am Tag der Haftaufhebung hatte sie bei Spiegel Online im Stil eines Fans kommentiert: "Endlich! Die Entscheidung des Oberlandesgerichts Karlsruhe war überfällig." Der Fall Kachelmann belege, dass von einem Prominentenbonus längst nicht mehr die Rede sein könne, "eher von einem Malus". Den beschuldigten Kachelmann nennt sie einen "Luftikus" und "notorischen Fremdgänger". Aber Vergewaltiger?

"Das wird dem Ernst der Sache nicht gerecht", echauffiert sich Alice Schwarzer über die luftige Vulgär-Psychologie der Spiegel-Reporterin. Wenn das Liebesleben des Wettermoderators tatsächlich dem medial gezeichneten Bild entspreche, sei dieser "ein ziemlicher gestörter Mensch, der in Therapie gehört", sagt die Frau von Emma. Kachelmann soll bekanntlich gleichzeitig Beziehungen zu mehreren Frauen unterhalten und dabei große Liebe vorgespiegelt haben.

"Sind Sie jetzt die Richterin über Herrn Kachelmann", kontert Friedrichsen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was die männlichen Diskutanten dem Gespann Schwarzer-Friedrichsen entgegenzusetzen haben.

Die häufigsten Dauerredner

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Die Emma-Chefredakteurin unterstellt der Gerichtsreporterin des Spiegels bei Anne Will, für sie gebe es ja sowieso keinen Sexualstraftäter, der nicht unschuldig sei oder eine "brutale Mutter" habe. Den Schlusssatz in Friedrichsens Spiegel-Kommentar - es wird auf ein "überfälliges Wunder" im Fall Kachelmann gehofft - deutet Schwarzer als Wunsch eines Freispruchs für Kachelmann. Als Friedrichsen sich gegen diese Interpretation ihrer Worte wehrt, wird sie kurzerhand abgebügelt: "Sie sind wirklich ein dreister Vogel!"

Der Streit der beiden Journalistinnen dominiert das Gespräch. Der Wortmaschine Schwarzer setzt Friedrichsen eher hilflose Ausbrüche des Beleidigt-Seins entgegen, ganz so, als habe jemand beim Five-o'clock-tea etwas Unpassendes gesagt. Über diesem Geplänkel gerät das eigentliche Sendungsthema in den Hintergrund: Wie sind vor dem aktuellen Hintergrund der Causa Kachelmann die Fälle des steuerflüchtenden Ex-Post-Chefs Klaus Zumwinkel, des exzessiv feiernden Michel Friedman und der Popsängerin Nadja Benaissa einzuordnen? Was ist mit der Informationspolitik von Staatsanwaltschaft und Verteidigung? Was ist mit Persönlichkeitsrechtsverletzungen?

Im Studio aber geht es um: Schuldig oder nicht schuldig?

Dominantes Amazonen-Gespann

Es ist das gleiche Spiel, das schon seit Wochen läuft. Da schwangen sich Spiegel und Zeit zu Schützenhelfern Kachelmanns auf, gespickt mit erstaunlichen Einblicken in Prozessakten, schön selektiv geordnet, alles eher aus Verteidigersicht. Da untermauerten auf der Gegenseite Focus und Bunte aus dem Hause Burda die Vorwürfe aus Anklägersicht, garniert mit unappetitlichen sexuellen Details.

Sex nach der Pasta oder vor der Pasta, und was ist mit Fesselsex und dergleichen?

Ex-Bild-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje, seit einiger Zeit PR-Großstratege, weiß von einem direkten Draht einer Staatsanwaltschaft in die Redaktion einer großen deutschen Zeitung zu berichten, fällt aber an diesem Frauenabend als Lautsprecher aus. Anwalt Schertz wiederum berichtet von einer Schauspielerin, deren Missachtung einer roten Ampel direkt bei den Boulevardmedien landete und der ehemalige Berliner Staatsanwalt Hansjürgen Karge philosophiert über die verlorengegangene Prozesskultur.

Doch die Einlassungen der männlichen Diskutanten verblassen vor dem Amazonen-Gespann Alice Schwarzer und Gisela Friedrichsen.

Die Moderatorin selbst scheint ihr Eingangsstatement irgendwann vergessen zu haben. Anne Will moderiert das erste Mal seit der Sommerpause, in der sie überraschenderweise erfahren hatte, das Günther Jauch sie 2011 ersetzen wird. Da will sie beim Neustart souverän wirken, doch das Thema Kachelmann birgt zu viele Emotionen. Und so reitet Will auf der Tatsache herum, dass Kachelmanns Ex-Geliebte, das mutmaßliche Opfer, bislang keine Interviews gegeben habe.

"Nimmt Sie das für sie ein?", fragt die Moderatorin den Medienanwalt Schertz. Der lobt diese Strategie und kritisiert dagegen die Interviewlust des gerade aus der Haft entlassenen Jörg Kachelmann. Der redet mit dem Fernsehen und dem Spiegel.

Ein letzter Versuch von Anne Will, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, endet verhängnisvoll: Auf die Frage an Ex-Staatsanwalt Karge, ob er denn nach seinen eigenen Erfahrungen bei Vergewaltigung zur Anzeige raten würde, antwortet der Jurist: "Meiner Tochter würde ich im Zweifelsfall raten, nicht zur Polizei zu gehen."

Zeit, dieses Statement zu erörtern, fehlt. Ein Urteil oder eine Antwort auf die Frage des Abends liefert Wills Fernsehgericht nicht. Eine neue Chance zur Klärung der Schuldfrage in der Causa Kachelmann bietet sich am 6. September: Dann beginnt in Mannheim der tatsächliche Prozess.