"Hart aber fair" Von Tabus und Verschwörungstheorien

Die Runde bei "Hart aber fair" im Berliner ARD-Studio: Alexander Gauland (AfD), Claus Strunz (Journalist), Anja Reschke (Moderatorin), Sebastian Krumbiegel (Musiker), Katrin Göring-Eckardt (B'90/Grüne) und Frank Plasberg

(Foto: WDR/Oliver Ziebe)

Bei Frank Plasberg diskutieren die Gäste, was am "Lügenpresse"-Vorwurf dran ist. Die Diskutanten bleiben besonnen - die Anschuldigungen eines Polizisten wiegen schwer.

TV-Kritik von Deniz Aykanat

Kleiner Einblick in den Arbeitsalltag der Social-Media-Redaktion einer großen deutschen Tageszeitung: Artikel müssen auf Facebook gepostet, Eilmeldungen über WhatsApp verschickt, das Wichtigste vom Tag kompakt über Twitter vermeldet werden. Und natürlich: Leser-Feedback muss beantwortet und Diskussionen moderiert werden.

Übergriffe an Silvester Warum die Medien so spät über Köln berichteten

Tagelang ließ die Kölner Polizei offen, wie viele Frauen am Hauptbahnhof angegriffen wurden. Erst eine Pressekonferenz offenbarte das ganze Ausmaß - und erregte dann bundesweite Empörung.

Gerade das ist in den vergangenen Monaten zunehmend schwieriger geworden. Man braucht nur das Wort "Flüchtlinge" in eine Artikelüberschrift zu schreiben, um von derartigen Hasstiraden überrollt zu werden, dass die Social-Media-Redakteure kaum noch hinterherkommen. Dabei scheint es egal zu sein, ob der betreffende Artikel Flüchtlinge positiv oder negativ darstellt, oder ob es sich ganz einfach um trockene, sachliche Berichterstattung handelt. An Letzteres glauben viele Leser scheinbar ohnehin nicht mehr.

Gibt es in Deutschland Tabus in der Berichterstattung?

Tragen Journalisten und Polizisten durch ihren bisherigen Umgang mit dem Thema dazu bei, dass bestimmte Themen in Deutschland zum Tabu erklärt werden? Oder sind das alles nur Verschwörungstheorien, mit denen sich sogenannte Wutbürger zu Opfern stilisieren?

Diesen Fragen will die "Hart aber Fair"-Diskussionsrunde mit Frank Plasberg nachgehen. Als Gäste sind geladen: Alexander Gauland, stellvertretender Parteisprecher der AfD, Katrin Göring-Eckardt, Fraktionschefin der Grünen, Axel-Springer-Journalist Claus Strunz, die Leiterin des ARD-Politikmagazins "Panorama", Anja Reschke, und "Prinzen"-Sänger Sebastian Krumbiegel, der sich gegen Rechtsextremismus engagiert.

Als wäre die Stimmung nicht ohnehin schon angespannt genug, haben die Übergriffe in Köln nun noch einmal Öl ins Feuer gegossen. Polizei und Medien wird vorgeworfen, Informationen zu verheimlichen. Viele in Deutschland glauben, dass sie darüber getäuscht werden, wie es tatsächlich um die Flüchtlinge steht und mit welcher Häufigkeit sie kriminell werden, kurz: ob die Asylsuchenden eine Gefahr darstellen. Zu Recht?

Eigentlich ist im Pressekodex klar geregelt, wann eine Nennung der Herkunft eines Straftäters geboten ist und wann nicht. Einfacher macht das die Arbeit aber nicht. Die Stimmung ist so aufgeheizt, dass es nicht mehr reicht, die Richtlinien des Presserats heranzuziehen. Längst ist die Diskussion in die Sphären des Hochemotionalen abgedriftet. Muss man sie nun auch auf dieser Ebene führen?

Muss man die Debatte so emotional führen?

AfD-Sprecher Alexander Gauland würde diese Frage offensichtlich mit Ja beantworten. Den Begriff der Lügenpresse findet er zwar überzogen, aber: "Viele Menschen empfinden so. Wir sollten von den öffentlich-rechtlichen Medien erzogen werden. Wir sollten die Flüchtlingspolitik der Regierung gut und richtig finden."

ARD-Kommentatorin und Journalistin des Jahres Anja Reschke will diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen. Sie zählt auf, aus wie vielen migrantischen Brennpunkten der Republik sie schon Dokumentationen mitgebracht hat. Vor Köln und auch schon vor dem vermehrten Zuzug von Flüchtlingen. Sie erwähnt das später noch mal und auch ganz zum Schluss der Sendung, als eigentlich schon alle ihr Schlusswort abgeliefert haben.

Journalismus in Dresden Wo Reporters Muskeln wachsen

Seit mehr als einem Jahr berichtet die "Sächsische Zeitung" über Pegida. Wie arbeiten Journalisten, die in ihrer eigenen Stadt als "Lügenpresse" beschimpft werden? Ein Hausbesuch.

Wahrgenommen werden diese Beiträge aber offenbar nicht. Nicht von Gauland und vermutlich auch nicht von den Bürgern, die sich jeden Montag in Dresden zu Pegida-Demos versammeln. Das aber ist genau das Problem: eine selektive Wahrnehmung. Man pickt sich heraus, was in das eigene Weltbild passt. Genau das ist aber auch der Vorwurf, den Gauland den Medien macht: "Die Öffentlich-Rechtlichen propagieren, das was Merkel macht, gut zu finden. Das Fernsehen ist einseitig und unvollkommen."