Tatverdächtige in Köln Warum viele Marokkaner unter den Kölner Verdächtigen sind

Nahe des Düsseldorfer Hauptbahnhofs liegt das sogenannte Maghreb-Viertel, in dem die Polizei einen Rückzugsort für Taschendiebe vermuten.

(Foto: imago/flight-pictures)

Im Maghreb-Viertel in Düsseldorf leben seit Jahrzehnten Nordafrikaner. Inzwischen ist es aber auch Rückzugsort für Taschendiebe und Einbrecher.

Von Bernd Dörries, Karin Janker und Kristiana Ludwig

"Die setzen sich neben Flüchtlinge aus Syrien in den Warteraum, warten, bis sie einschlafen und klauen ihnen dann die Sachen". So beschreibt ein Flüchtlingshelfer im Kölner Hauptbahnhof das, was er dort immer wieder beobachtet. "Nordafrikaner", so nennt er sie, kommen jeden Tag in den Bahnhof, um zu klauen. Durch die Lautsprecher läuft die Dauerdurchsage: "Vorsicht, es sind Taschendiebe unterwegs." Es ist eine Art Hintergrundmusik zu einem Stück, das mitten in Köln fast jeden Tag aufgeführt wird. Japanische Touristen werden beklaut und Flüchtlinge, die eine monatelange Odyssee hinter sich haben. Ein paar Meter weiter wird offen mit Drogen gedealt, Frauen werden belästigt. Die Zeitungen in Köln weisen seit Jahren auf das Problem hin, verändert hat sich nicht viel.

Die Kölner Polizei kann zumindest ganz gut dokumentieren, was passiert. Seit 2011 gehen Taschendiebstähle vor allem auf das Konto von Personen aus Algerien, Tunesien und Marokko. Auch beim sogenannten Antänzer-Trick stehen Täter aus diesen Herkunftsländern ganz oben. "Seit 2014 begehen diese Täter mit einem stark ansteigenden Trend auch andere Delikte im Bereich der Eigentumskriminalität", belegt ein interner Bericht. Eine Aufschlüsselung der Tatverdächtigen hat demnach ergeben, "dass lediglich 0,5 Prozent der syrischen Zuwanderer innerhalb eines Jahres Straftaten begangen haben, während diese Quote bei den Nordafrikanern bei etwa 40 Prozent liegt". Die Zahl bezieht sich auf Personen, die wegen illegalen Aufenthalts in Deutschland erfasst wurden, und dann erneut straffällig geworden sind.

Im Jahr 2015 wurden in Köln 1947 nordafrikanische Tatverdächtige ermittelt. Zu den Straftaten gehören spätestens seit Silvester auch "massenhafte sexuelle Übergriffe", die im arabischen Raum "taharrusch dschamai (تحرش جماعي)" heißen. Unter den Verdächtigen der Kölner Silvesternacht sind Marokkaner in der Mehrheit. "Das waren unsere Leute", vermutet ein Marokkaner, der in der Silvesternacht im Kölner Bahnhof war. Diebesbanden handelten abgestimmt und verstünden sich blind. Das könnte auch am Silvesterabend der Fall gewesen sein, bestätigen Ermittler.

Marokkaner erstmals unter den Top fünf der Flüchtlingsgruppen

Nach Angaben von Innenminister Ralf Jäger hat der Zuzug aus nordafrikanischen Ländern in den vergangenen Monaten massiv zugenommen. Im Dezember waren Marokkaner erstmals unter den Top fünf der Flüchtlingsgruppen. Bei marokkanischen und tunesischen Familien werde oft der älteste Sohn ausgewählt, um nach Deutschland zu reisen, wo er innerhalb kurzer Zeit das Geld für die Schleuser verdienen müsse, sagt Innenminister Jäger.

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Samy Charchira, Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und im Landesvorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW, beobachtet, dass seit drei bis vier Jahren mehr Jugendliche aus den Maghreb-Staaten, vor allem aus Tunesien, Algerien und Marokko in Deutschland ankommen. Viele von ihnen landeten früher oder später in Köln oder Düsseldorf. "Diese Jugendlichen suchen Anschluss, sie können kein Deutsch und wissen nicht, wohin", sagt Charchira. Deshalb ziehe es sie in die großen Städte von NRW. Die meisten hätten dort zwar keine direkten Bekannten, fänden aber immerhin Menschen, die die gleiche Sprache sprechen. Manche der Ankommenden würden auch die derzeitigen Flüchtlingsströme nutzen, um illegal nach Deutschland einzureisen, sagt Charchira.

Auch Kriminalbeamte beobachten, wie Zuwanderer aus den Maghreb-Staaten, die mit der Absicht kommen, Geld für ihre Familie zu verdienen, in Nordrhein-Westfalen in kriminelle Strukturen geraten. Typisch dafür ist etwa das sogenannte Maghreb-Viertel am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Hier habe sich Ermittlern zufolge ein "soziales, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum gebildet", ein Rückzugsraum für Taschendiebe, Straßenräuber und Einbrecher. Bereits im Juni 2014 hatten sie ein Projekt eingerichtet, in dem die Beamten die kriminellen Strukturen zwischen mehr als 2200 Verdächtigen analysierten.

Banden werben Personal in Flüchtlingsheimen an

Die Kriminalpolizei beobachte zudem immer häufiger, wie kriminelle Banden gezielt Neuankömmlinge in Flüchtlingsheimen anwerben, heißt es aus Ermittlerkreisen. In einigen Heimen in Nordrhein-Westfalen wurden mittlerweile Handys gefunden, die am Silvesterabend in Köln gestohlen wurden.

Bei der Aufklärung der Silvestervorfälle wolle man Erkenntnisse aus Vierteln wie in Düsseldorf nun nutzen, sagt ein Polizeisprecher. Doch bisher habe "das eine mit dem anderen nichts zu tun. Und wir haben rund 450 Tatverdächtige im letzten Jahr festgestellt. Dieser Bereich wird intensiv bearbeitet."

Auch in Köln gibt es eine spezielle Ermittlungsgruppe gegen Taschendiebe und Antänzer, die oft aus den Maghreb-Staaten kommen, aber häufig mit syrischen Papieren nach Deutschland einreisen, wie Ermittler berichten. Die Polizisten seien allerdings mit der Größe des Phänomens überfordert. Das führe zu einem Teufelskreis: Weil die Aufklärungsquote sinkt, ziehe es noch mehr Täter nach Köln.