Druck auf "Guardian" nach Snowden-Enthüllungen Angriff auf die Aufklärer

Verhör auf dem Flughafen, zerschmetterte Festplatten im Redaktionskeller: Wie die britische Regierung mit dem "Guardian" umgeht, ist einer westlichen Regierung unwürdig. Die Vorgänge belegen, was der Überwachungsskandal um den Whistleblower Edward Snowden schon nahegelegt hat - Journalismus wird in seiner Substanz attackiert.

Ein Kommentar von Stefan Plöchinger

Lassen Sie uns für ein paar Momente das Wort "Großbritannien" in den Meldungen der vergangenen zwei Tage durch den Namen eines beliebigen autoritär regierten Staates dieser Welt ersetzen. Russland, sagen wir.

Ein russischer Journalist enthüllt also aus dem brasilianischen Exil heraus federführend einen Skandal, der die Welt aufrüttelt. In einer Überraschungsaktion wird sein Partner neun Stunden lang am Moskauer Flughafen festgesetzt - und mit Verweis auf Anti-Terror-Gesetze befragt, als wäre Journalismus Terrorismus. Geheimdienstagenten suchen die wichtigste, kritischste Tageszeitung des Landes heim, für die er arbeitet, und zwingen sie, das Material zum Skandal entweder herauszugeben oder zu zerstören. Die Zerstörung überwachen sie dann persönlich, im Keller des Redaktionsgebäudes.

Bedrohung der freien Presse

Nur Zurückhaltung gegenüber einem befreundeten Staat verhindert noch, dass das, was in Großbritannien den Schilderungen des Guardian zufolge gerade mit dieser Zeitung geschieht, als das gebrandmarkt wird, was es ist: eine Bedrohung der freien Presse. Journalisten sollen nach dem Willen der Mächtigen etwas im Dunkeln lassen, was nach westlichem Verständnis von Journalismus durchaus ans Licht gehört. "You've had your fun", zitiert Chefredakteur Alan Rusbridger einen Regierungsmann, "now we want the stuff back." Man wolle das Material zurück, denn die Zeitung habe ihren "Spaß gehabt".

Falsch. Die Zeitung hat einfach ihren Job gemacht.

In Zeiten wie diesen, in denen etablierte Redaktionen wie der Guardian von finanziellen Überlebensängsten geplagt werden, könnte es keinen schlagkräftigeren Beleg dafür geben als den aktuellen Skandal, wieso es Journalismus mit der Schlagkraft und der Integrität einer solchen Redaktion braucht.

Journalisten unter Druck

Die Dreistigkeit, mit der unliebsame Berichterstattung verhindert werden soll, erinnert Deutsche vielleicht vage an die Spiegel-Affäre, aber natürlich verbieten sich solche Vergleiche. Großbritannien hat im Gegensatz zur damals jungen Bundesrepublik eine lange Tradition von bissiger, kritischer Publizistik, die in der Welt ihresgleichen sucht.

Wenn in diesem Mutterland des angelsächsischen Journalismus der Staat nun Journalisten bedroht und Redaktionen zur Zerstörung von Recherchematerial anweist, steht das in einer Linie mit etwa dem Vorgehen der US-Regierung gegen Whistleblower wie Manning und Snowden. Natürlich kann man beide des Geheimnisverrats und schlimmerer Verbrechen bezichtigen und Strafverfahren anstrengen wie einst gegen Daniel Ellsberg. Aber wie kurz der Weg dahin ist, mit der gleichen Logik auch Journalisten unter Druck zu setzen, sieht man jetzt. Derlei haben sich die britische und die US-Regierung bei den Wikileaks-Enthüllungen noch nicht getraut.