"Anne Will" zu Antisemitismus "Antisemitismus ist eine kollektive Bewusstseinskrankheit"

Anne Will ließ ihre Gäste am Sonntagabend zum Holocaust-Gedenken debattieren.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Wie antisemitisch ist Deutschland? Eine befriedigende Antwort auf die Frage kann die Talkrunde von "Anne Will" nicht geben. Zumal sich die Diskutanten wertvolle zehn Minuten lang an einer anderen Frage abarbeiten.

TV-Kritik von Paul Katzenberger

Anne Will hat sich in ihrer Talkshow am Sonntagabend ein schweres Thema vorgenommen: "Holocaust-Gedenken - wie antisemitisch ist Deutschland heute?" Anlass ist der Holocaust-Gedenktag, der seit 1996 am 27. Januar begangen wird - dem Tag, an dem im Jahr 1945 das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde. Als Gäste hat sie an diesem Sonntagabend mit Julius Schoeps, Wenzel Michalski und Esther Bejarano drei Juden eingeladen. Mitdiskutiert haben die Katholikin und Kulturstaatsministerin Monika Grütters von der CDU. Sowie die Muslima und SPD-Politikerin Sawsan Chebli.

Bejarano ist Auschwitz-Überlebende. Sie wanderte 1945 nach Israel aus. Zog aber 1960 wieder in die Bundesrepublik zurück. Eine solche Vita verlangt besonderen Respekt: Sie kam in der ersten halben Stunde der Sendung allein zu Wort. Eine angemessene Wertschätzung für die 93-Jährige.

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Bejarano überlebte den Holocaust, weil sie in das Mädchen-Orchester des Konzentrationslagers aufgenommen wurde. Obwohl sie ihr Instrument, das Akkordeon, bis dahin gar nicht spielen konnte. Trotzdem schaffte sie es, in dem überlebenswichtigen Vorspiel, die richtigen Akkorde zu treffen. "Du hast Glück bei den Frau'n, Bel Ami!", war der Titel des deutschen Schlagers, den sie spielen sollte.

Ihre Geschichte gibt Bejarano die nötige Autorität, den Antisemitismus im heutigen Deutschland in einer Schärfe zu kritisieren, die manchem Zuschauer übertrieben vorkommen mag. Sie macht keinen großen Unterschied zwischen der NS-Zeit und dem heutigen Deutschland: "Ich bin der Meinung, dass Deutschland immer antisemitisch war. Dass sich da nicht viel geändert hat."

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Ein schwerer Vorwurf. Der gesellschaftliche Konsens wird ja auch vor dem Hintergrund der NS-Herrschaft bis 1945 eher so beschrieben, dass Antisemitismus in diesem Land nichts zu suchen habe. "Ist diese Aufarbeitung gar nicht gelungen?", fragt Anne Will die Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Ihr Versuch, Bejaranos Anklage wenigstens ein bisschen zu entschärfen, wirkt hilflos. Sie setzt Bejarano kaum mehr entgegen als Allgemeinplätze: "Wir tun ehrlichen Herzens sehr viel, und wir tun auch immer mehr", sagt sie. Es "gehen immerhin fünfeinhalb Millionen Menschen jährlich in unsere Gedenkstätten. Aber ich glaube, es kann nie genug sein." Erinnerungskultur sei "immer ein Abgleich der Vergangenheit mit der Gegenwart".

Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch Deutschland, widerspricht Grütters: "Ich glaube, es wird viel über Erinnerungskultur geredet, aber es wird wenig dafür getan." Seit Jahrzehnten gingen Leute an irgendwelchen Gedenktagen auf die Straße und forderten: "Wehret den Anfängen!" Und bekämen gar nicht mit, "dass die Anfänge ja da sind. Es hat ja angefangen." Michalski verweist auf die AfD, die seit Herbst mit knapp 13 Prozent der Wählerstimmen im Bundestag vertreten ist.

Der Historiker Julius Schoeps geht noch weiter: "Ich halte den Antisemitismus für eine kollektive Bewusstseinskrankheit. 15 bis 20 Prozent der deutschen Bevölkerung haben antisemitische Einstellungen."

Was also tun? Eine befriedigende Antwort auf die Frage kann die Runde nicht geben. Zumal sich die Diskutanten wertvolle zehn Minuten lang in die Frage verirrten, ob der Besuch einer Holocaust-Gedenkstätte verpflichtend sein sollte. Eine Forderung, die die Berliner Staatssekretärin Bürgerschaftliches Engagement, Sawsan Chebli, aufgestellt hatte. Den Antisemitismus beenden kann so eine Sendung nicht. Aber sie kann einen wichtigen Beitrag zur Debatte liefern. Das hat diese Ausgabe von "Anne Will" getan.

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