15. Februar 2013 08:28 Eurovision-Vorentscheid "Unser Song für Malmö" Umpf-umpf für Deutschland

Eine TV-Kritik von Mirjam Hauck

Mehrheit für die Mitstampfmusik: Mit einem Lied, das dem Vorjahressiegersong der Schwedin Loreen sehr ähnlich ist, gewinnt die Eurodance-Combo Cascada den deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest. Wie dieses Ergebnis zustande kam, irritierte nicht nur Moderatorin Anke Engelke.

Was hatte die ARD nicht für großartige, oder sagen wir besser großspurige Pläne. An Schwedens "Melodienfestivalen" wollte sich die Anstalt orientieren, einer Sendung, die es seit 1958 im schwedischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt, die in mehreren Vorentscheiden den Teilnehmer für den Eurovision Song Contest ermittelt - und äußerst erfolgreich ist. Fünf mal haben die Schweden bislang den Titel geholt. Zuletzt vergangenes Jahr, als Loreen erst das Melodienfestivalen gewann und dann den Eurovision Song Contest in Baku, Aserbaidschan.

Da die ARD nach dem Ausstieg von Pro Sieben und ESC-Königinnenmacher Stefan Raab wieder alleine für die Songauswahl für den weltgrößten Liederwettbewerb zuständig ist, will man eben klotzen. Und eine Blamage wie 2008 vermeiden, als sich die No Angels mit Polen und Großbritannien den letzten Platz teilen mussten.

Kompliziertes Abstimmungsverfahren

Dass es jetzt aber doch kein ARD-Festival, sondern nur eine Show namens "Unser Song für Malmö" gab, lag laut ARD-Verantwortlichen einfach daran, dass keine mittelgroßen Hallen frei waren. Nur die Tui-Arena in Hannover und da passen immerhin 11.000 Leute rein.

Aber ganz verzichten auf irgendwas Mehrteiliges wollte die ARD doch nicht und rief ein dreiteiliges Abstimmungsverfahren ins Leben. Die Hörer von neun Popwellen (Bayern 3, HR3 und so weiter) durften vergangene Woche über die zwölf Teilnehmer-Lieder online abstimmen, eine sogenannte Fach-Jury aus Schlagerbardin Mary Roos, ESC-Kommentator Peter Urban, Vorjahres-Finalteilnehmer Roman Lob sowie Sänger Tim Bendzko und Schauspielerin und Silly-Frontfrau Anna Loos vergab Punkte; die Zuschauer wählten während der Sendung per Telefon und SMS. Zu je einem Drittel flossen die Resultate schließlich in das Endergebnis ein.

Klingt schrecklich und schrecklich kompliziert. Aber das Abstimmungsverfahren war der eigentliche Höhepunkt einer an vielen schrecklichen Liedern reichen Veranstaltung. Drei Priester nebst Opernsopranistin schmetterten den Gotteslob-Hit "Meerstern, sei gegrüßt". Eine optisch wie stimmliche Mischung aus Lucilectric und Lena trällerte Liedzeilen à la "Wenn ich reden will, gehe ich zu Tocotronic, wenn ich Sex will, gehe ich zu dir". Zudem traten Bands auf, die es schon ins Fernsehen zu X-Factor und ins Vorprogramm von Roxette geschafft hatten. Glaubt man ESC-Guru Jan Feddersen, sollen sich bekanntere Künstler wie Nena, Juli oder Peter Fox nicht getraut haben, am Vorentscheid teilzunehmen - aus Angst vor einer Blamage.

Doch zurück zur Abstimmung: Sahen die Radiohörer einheitlich die bayerischen Blechbläser von La BrassBanda vorn, versagte der verschwitzte Gaudiburschen-Charme bei der Jury völlig. Lediglich einen Punkt gab's von Mary Roos und Kollegen. zwölf Punkte verteilte die Jury an die Elektropopper von Blitzkids Mvt, die bei den Radiohörern komplett durchgefallen waren. Und so musste am Ende das Televoting die Entscheidung bringen.

Verwunderte Anke Engelke

Es gewann die Eurodance-Combo Cascada, die mit "Glorious" ein Lied performte, das Loreens "Euphoria" sehr ähnlich ist. Allerdings in einer etwas tumb-eingedeutschten Umpf-umpf-Version. Da lässt es sich besser Mitstampfen und Mitklatschen. Das mögen nicht nur Großraumdiscobesucher, sondern auch Zuschauer in Tui-Arenen und vor dem Fernseher.

Moderatorin Anke Engelke war ob des ungewöhnlichen Votings etwas irritiert und fragte: "Ist das jetzt schön oder unheimlich?" Und Mary Roos blickte ob der widersprüchlichen Ergebnisse leicht bedröppelt in ihre Mitstreiterrunde. Am 18. Mai kann der deutsche und internationale Fernsehzuschauer Cascada wiedersehen, in Malmö beim 58. Eurovision Song Contest. Dann werden wir hören und sehen, von welchem Siegerlied sich Komponisten, Textdichter und Plattenfirmen im kommenden Jahr inspirieren lassen können - oder ob es nicht doch besser wäre, wenn die ARD künftig auch keine großen Hallen mehr mieten könnte.