Vom Pflegefall zum Globetrotter "Der Hirntumor ist eine Bombe, die jederzeit explodieren kann"

Ich habe keine Träume. Ich mache einfach das, was ich will: Sven Marx vor der Kulisse des Grand Canyon, USA

(Foto: Sven Marx)

Sven Marx steht mitten im Leben, als bei ihm ein Tumor am Hirnstamm diagnostiziert wird. Mit 42 ist er halbseitig gelähmt - und kämpft sich auf dem Rad zurück ins Leben. Seine Weisheit? Gib das alte Leben auf!

Protokoll: Lars Langenau

"Ich habe keine Träume. Ich mache einfach das, was ich will. So habe ich früh angefangen zu reisen: mit dem Moped und Zug, trampen. Eigentlich wollte ich mal Stuntman werden, aber dazu brauchte ich in der DDR eine abgeschlossene Lehre. Also dachte ich, gehst du mal hoch hinaus - und lernte Dachdecker. 1989 war ich beim Mauerfall dabei und danach mit dem Motorrad jedes Wochenende unterwegs. Bis Italien. Später erlebte ich eine Pleite mit einer eigenen Dachdeckerei, hatte mich aber zu dieser Zeit auch schon als Tauchlehrer ausbilden lassen.

2001 war ich damit fertig und bin 2003 ins Ausland gegangen: auf den Sinai, die DomRep, Kroatien. In Ägypten wollte ich eine Tauchbasis übernehmen. Aber nach einem Tauchgang war mir plötzlich furchtbar übel. Erst dachte ich, dass sei meine Anfälligkeit für Seekrankheit. Doch das Gleiche ist mir dann bei spiegelglatter See passiert. Irritiert hat mich, dass sich die Übelkeit plötzlich auch bei Spaziergängen meldete. Dazu kamen dann noch Sehschwierigkeiten, ich sah Doppelbilder. Schließlich haben sie mich ins CT geschoben. Und da war dann klar: Ich habe einen Tumor im Hirnstamm. Operation so schnell wie möglich.

Mit 42 war mein Leben auf den Kopf gestellt

2009 war mein Leben mit dieser Diagnose auf den Kopf gestellt - mit 42 Jahren. Vom Paradies, jeden Tag Sonne, tauchen gehen und kurze Hose zu einem schwer kranken Mensch. Ich hatte nie über Krankheiten nachgedacht oder dass mich so was erwischen könnte. Die Gedanken gingen in diesem Moment auch nicht besonders tief. Ich dachte eher so was wie: Wenn dein Auto kaputt ist, dann gibst du das ja auch in die Werkstatt und die reparieren dir das.

Doch während der Operation gab es Komplikationen, und die haben die Hälfte des Tumors drin gelassen. Inoperabel. Zudem kam es zu Einblutungen im Gehirn und Herzversagen. Drei Mal Reanimation. Ich lag drei Monate auf der Intensivstation: Halbseitige Lähmung, konnte nur über Schläuche atmen und wurde über andere ernährt. Ich war ein Pflegefall.

Dann wurde ich in die Frühreha verlegt. Dort haben sie die Medikamente runterdosiert und ich bin völlig durchgedreht. Trotz meiner halbseitigen Lähmung wollte ich sofort abgeholt werden, wollte einfach nur weg. Schon das Hinsetzen tat mir weh, durch das lange Liegen waren die Muskeln geschwunden. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen Lebensmut mehr. Null.