Verlust des Mannes und Tochter Ich habe das Meiste von dem erlebt, was überhaupt zu erleben möglich ist

Karoline Obermann: Ich habe keine Ziele mehr. Ich nehme jetzt, was kommt (Symbolbild Trauerweide)

(Foto: Johannes Simon)

Karoline Obermann verlor erst ihren Mann und dann ihre Tochter. Über den Horror des Todes, Freunde, die sich zurückzogen und wie sie weiterlebt. Trotz allem.

Protokoll: Christiane zu Salm

Ich habe nach Michaels Tod viele Bilder angeschaut, schon in der ersten Nacht. Auch nach dem Tod unserer Tochter Anna, die ein halbes Jahr nach ihm starb. Das war wie ein Zwang. Ich habe alle elektronischen Dateien durchgesehen und viele Fotos bestellt, von beiden auch viele Fotos verteilt an nahestehende Menschen, die etwas haben wollten, so kleine Sets zusammengestellt, die ich dann weitergegeben habe. Und für mich habe ich auch ganz viele bestellt und mir diese Bilder dann sehr intensiv angeguckt.

Im Laufe der Jahre ist das aber schwieriger geworden. Ich tue mich jetzt schwerer damit, mich auf die Bilder einzulassen. Ihr Sterbejahr ist jetzt sieben Jahre her, und ich bin zwar insgesamt ein wenig stabiler, aber die Fotos können mich heute schwer runterziehen, schwer packen. An manchen Tagen denke ich, eigentlich könnte ich mich jetzt mal wieder in Ruhe hinsetzen und ein paar Fotos von meinem Mann und unserer Tochter angucken - aber dann laufe ich geradezu weg von den Bildern. Denn ich weiß, dass es mich dann wieder ganz tief reinzieht in ihr Leben, in unser Leben, das es nicht mehr gibt.

Wir waren über zehn Jahre zusammen, als er starb

Zu Weihnachten hatte mir Michael einen wunderschönen Brief geschrieben. "Das war unser Jahr" stand da drin. Und dass er so glücklich ist über unser Kind. Denn wir hatten uns schon lange eins gewünscht. Wir waren über zehn Jahre zusammen, als er starb. Und wir hatten es viele Jahre weit weggeschoben und uns gar nicht mehr eingestanden, dass wir eigentlich einen Kinderwunsch hatten.

Dann wurde ich irgendwann zufällig schwanger, habe dieses Kind aber verloren nach etwa sechs Wochen. Der Verlust dieses ungeplanten Kindes hat bei uns beiden alles gedreht. Wir waren beide so traurig darüber, dass das nicht geklappt hatte, dass wir von da an alles drangesetzt haben, doch ein Kind zu bekommen. Das war dann Anna, die drei Jahre später geboren wurde. Das war so ein wunderschönes Geschenk. Die Zeit der Schwangerschaft und auch die kurze Zeit, die wir zu dritt hatten, war das Schönste, was wir zusammen erlebt haben.

Michael schrieb in seinem Weihnachtsbrief auch, dass er sich ein zweites Kind mit mir wünschen würde und dass er sich so freuen würde auf unsere Expansion als Familie. Wir suchten auch seit Längerem schon nach einem Haus, das wir kaufen wollten. Am Neujahrstag, einen Tag bevor er starb, waren wir faul und haben nichts Besonderes gemacht. Eigentlich hatten wir vor, spazieren zu gehen, an dem Haus vorbei, das wir kaufen wollten, um die Umgebung ein wenig zu erkunden. Es war herrlich verschneit draußen. Dann gingen wir aber doch nicht raus, weil Michael in der Silvesternacht zu lange auf war und zu müde, um am nächsten Tag spazieren zu gehen.

Nichts fehlte unserem Glück

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Am Silvesterabend waren wir zu Hause mit unserem Baby. Früher sind wir immer auf irgendwelche Partys gegangen an Silvester, aber in diesem Jahr waren wir zu dritt zu Hause mit unserer Anna, die gerade ein paar Monate alt war. Um zwölf ist Michael runter auf die Straße gegangen und hat ein bisschen rumgeballert. Ich stand mit dem Babyfon auf dem Balkon, und wir wünschten uns ein frohes Neues Jahr. Nichts fehlte unserem Glück.

Den Spaziergang verlegten wir dann um einen Tag. Eigentlich wollten wir am späten Vormittag los, aber Michael kam nicht aus dem Bett. Ich war natürlich schon wieder seit vielen Stunden wach, weil das Kind mich geweckt hatte. Und ich war auch ein bisschen böse, weil er mich so lange allein ließ und im Bett lag. Dann bin ich irgendwann zu ihm gegangen, habe ihn geweckt und gesagt: "Eigentlich hatten wir doch eine Verabredung. Wir wollten doch los." Er bat mich, noch ein bisschen liegen bleiben zu dürfen, es sei ihm gestern Abend so schlechtgegangen. So habe ich ihn noch ein bisschen schlafen lassen.

Eine Stunde später turnte er frisch durch die Wohnung, und als ich ihn fragte, warum es ihm am Vorabend schlechtgegangen war, wollte er es mir nicht sagen. Irgendwann wurde ich ärgerlich und dachte: Was ist das denn? Ich habe fünfmal gefragt, und er hat fünfmal gesagt: "Nein, ich sage es dir nicht, sonst machst du dir Sorgen."

Vielleicht eine verpasste Chance

Aufgeregt sagte ich: "Und so mache ich mir jetzt keine Sorgen? Was denkst du eigentlich?" Ich war ärgerlich und fragte nicht weiter - leider. Später hat mir der Rückblick auf diese Szene unglaublich wehgetan. Vielleicht war das eine verpasste Chance.

Der Ärger war dann aber schnell verflogen, und wir sind zu einem wunderschönen Spaziergang aufgebrochen. Es war eine ganz unberührte Winterlandschaft, durch die wir spaziert sind. Unvorstellbar, dass er am selben Tag sterben sollte. Michael machte Scherze. Er hatte irgendwo in der Nähe des Hauses, das wir angeschaut hatten, Nachbarn draußen gesehen, die Schnee fegten. "Die musst du demnächst immer nett grüßen, damit wir hier eine gute Beziehung in der Nachbarschaft haben." Die Stimmung war spaßig und leicht. Als es dunkel wurde, haben wir kurz etwas gegessen, waren gut gelaunt und voller Neujahrspläne. Alles ohne den Anflug eines Verdachts.

Wir fuhren nach Hause und parkten irgendwo. Michael holte Anna aus dem Auto, trug sie im Maxi-Cosi die Treppe hoch, schloss die Wohnungstür auf und verschwand sofort in der Küche. Während er aufschloss, hörte ich ein Husten. Eigentlich ein heftiges Husten. Aber ich habe mir keine Gedanken gemacht, weil er als Raucher manchmal einfach so einen Husten hatte.

Später fand ich im Maxi-Cosi noch Blut von ihm

Tatsächlich ging es da aber los. Da hatte er schon das erste Blut gehustet und ging schnell in die Küche, um sich dort über den Spülstein zu stellen. Ich habe dann später auch im Maxi-Cosi von Anna noch ein bisschen Blut gefunden. Er hatte sie im Flur abgestellt. Ich habe noch völlig entspannt meinen Mantel ausgezogen, hatte nicht den Hauch eines Verdachts. Ich stand an der Garderobe, als irgendwann eine etwas röchelnde Stimme aus der Küche kam: "Karoline!" Als ich in die Küche kam, schoss schon das Blut fontänenartig aus ihm heraus. Ich schrie.

Der letzte Satz, den er überhaupt noch sprechen konnte, war: "Ruf die Feuerwehr." Das habe ich panisch auch gemacht und bin noch, während ich das Telefon am Ohr hatte, zur Nachbarschaft auf meiner Etage gelaufen, habe überall geklopft und Hilfe gerufen. Eine Nachbarin kam auch, und die habe ich dann gebeten, sich um das Kind zu kümmern.