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Unfall-Tod der Eltern:Das Ausmaß des Verlustes

überleben

An einem Ort stiller Trauer: Renate Folkers hat dieses Foto ihrer Eltern selbst anlässlich des vierzigsten Todestages am 9. August 2012 aufgenommen

(Foto: privat)

Renate Folkers verlor ihre Eltern durch einen Autounfall. Mit Anfang 20 kümmerte sie sich um ihren kleinen Bruder, der das Unglück überlebte.

"'Ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll', quälte sich Tante Berta, unsere Nachbarin, um es mir beizubringen. 'Theo, hol uns mal einen Schnaps', hob sie abermals an. 'Deine Eltern hatten gestern einen Autounfall. Dein Vater ist tot und deine Mutter liegt schwerverletzt im Krankenhaus.'

Sie umarmte mich und schluchzte. Ich griff nach dem Schnapsglas und kippte den Inhalt herunter. Das widerliche warme Zeug brannte. Das, was ich gerade gehört hatte, war nicht für mich bestimmt. Sicherlich hatten die alten Leute etwas in den falschen Hals bekommen. Doch es war so: Meine Eltern waren verunglückt. Mein Vater war tot und Mutter schwerverletzt. Ich stand unter Schock. Ich war 22 Jahre alt. Mein Bruder zwölf. Er saß mit im Auto und ist einfach nur rausgerollt, mit ein paar Schürfwunden davongekommen. Aber was die Seele abbekommen hat, sieht niemand.

Bei der Polizei erkundigten wir uns nach dem Unfallhergang. Dann besuchte ich meine Mutter. Sie lag ohne Bewusstsein im Krankenhaus auf der Intensivstation. Niemals zuvor hatte ich sie so kümmerlich gesehen. Angeschlossen an Geräte, lag sie blass und regungslos in der weißen Bettwäsche. Ich erschrak. Der Boden unter meinen Füßen begann zu schwanken.

Dicht trat ich ans Bett heran und streckte meine Hand aus, um meiner Mutter die Wange zu streicheln. Schnell zog ich sie wieder zurück, aus Angst ihr wehzutun. Für einen kurzen Moment öffnete sie die Augen, die mich ansahen, mich aber nicht wirklich wahrnahmen. Sie fragte mich, ob ich ein bisschen Tee mit ihr trinken wolle. Mit einem nassen Wattestäbchen befeuchtete ich ihre Lippen, dann ließ ich sie allein. Beinahe wäre ich ohnmächtig geworden.

Schwermut befiel mich. Als ich mir die Zahnbürste zwischen die Zähne schob und das Volumen der Zahncreme sich verdoppelte, dachte ich, ich müsste ersticken. Ich würgte und kotzte. Immer wieder wurde ich von Weinkrämpfen geschüttelt. Ich konnte nicht begreifen, was geschehen war. Vater war tot.

Im Bett ließ ich meiner Trauer freien Lauf. Mein Kopf war heiß, schwer - kein Gedanke ließ sich zu Ende denken. Tausende von Fragen blähten ihn auf. Ich wünschte, er würde platzen, die kochende, vergiftete Masse könnte herausschießen und mich von den Qualen befreien. Ich hörte Geräusche, die aus weiter Ferne zu kommen schienen. Kamen sie aus der Stille, in der mein Vater sich jetzt befand oder aus dem Schlafzimmer meiner Eltern? Ich starrte in den Sternenhimmel, in die Unendlichkeit. Von Verzweiflung getrieben, stand ich noch einmal auf und schlug mehrere Male meinen Kopf gegen die Wand.

Ich musste ein weißes Hemd für den toten Vater kaufen

Am nächsten Morgen holte mich der Wecker ins Leben zurück. Das Unfassbare wurde zur düsteren Gewissheit. Mit dem Bestatter besprachen wir die Beerdigung, die ohne meine Mutter stattfinden musste. Eine schreckliche Situation. Eine weitere schwierige Aufgabe: Ich musste ein weißes Hemd für den toten Vater kaufen. 'Soll es etwas Festliches sein, mit Krawatte oder Fliege getragen werden?', fragte mich die Verkäuferin. 'Ja, das festlichste Hemd, das sie haben. Bitte schneeweiß, und mein Vater trägt Manschettenknöpfe.'

Die Beerdigung zog wie ein Film an mir vorüber. Menschen, Beileidsbekundungen, Umarmungen. Den Vater nicht mehr gesehen, zugeschaufelt, entsorgt. Dieses alles ohne die Witwe, meine Mutter, die immer noch ohne Bewusstsein auf der Intensivstation lag. Von der Grabstelle machten wir Fotos als Erinnerung für meine Mutter.

Am Abend des siebzehnten Tages nach dem Unfall erhielt ich einen Anruf. Man teilte mir mit, dass meine Mutter eingeschlafen sei. Es dauerte, bis ich begriff, dass meine Mutter ihren Verletzungen erlegen war. Dass meine Mutter nicht überleben würde, hatte sich abgezeichnet. Dennoch traf mich die Nachricht wie ein Schlag. Die Begebenheit auf der Intensivstation an ihrem Bett, als sie mit mir Tee trinken wollte, tat weh, ließ mich das Ausmaß des Verlustes, zukünftig keine Umarmung, kein Wort, gar nichts mehr zu bekommen, nur erahnen.