Magersüchtige über GNTM "Wir müssen alle Puppen sein"

Mit geradem Rücken aus dem Pappkarton: Barbie-Puppen-Auftritt bei Germany's Next Topmodel.

(Foto: Getty Images)

Der Schlankheitswahn bei "Germany's Next Topmodel" mache junge Frauen krank, sagen Wissenschaftler. Und was denken die, die wirklich an Essstörungen leiden? Ein Fernsehabend mit Patientinnen.

Von Felicitas Kock

Die Stimmung in der WG kippt, als die Barbies das Zellophan zerreißen. Disko-Barbie ist als erste an der Reihe. Mit geradem Rücken kämpft sie sich lächelnd aus ihrem Pappkarton mit Zellophan-Front und stakst in Richtung Heidi Klum. So sieht das aus, wenn man Germany's Next Topmodel werden will. Es folgen die drei anderen Finalistinnen der Model-Show, inszeniert als Braut-, Hula- und Cowgirl-Barbie. Die Musik wummert, die Scheinwerfer zucken. Am Ende kreischt Heidi Klum: "Ihr seid alle wunderschöne Puppen." Die 8000 Menschen in der SAP-Arena in Mannheim flippen aus.

Die jungen Frauen, die sich um den Fernseher geschart haben und das Topmodel-Finale verfolgen, ehe es wegen einer Bombendrohung abgebrochen wird, können über die Inszenierung nur den Kopf schütteln. Zu siebt sitzen sie auf drei Sofas verteilt. Joggingklamotten, Hausschlappen, die Handys liegen griffbereit, die Gespräche drehen sich um den neuesten Klatsch, Jungs, die Wochenendgestaltung. Gelöste Stimmung - bis zum Barbie-Auftritt, der ihnen Wut in die Stimmen treibt. Sind die Mädchen auf der Bühne nicht schon Anziehpuppen genug? Müssen sie jetzt auch noch als willenlose Plastikfiguren inszeniert werden? Dass sie das überhaupt mit sich machen lassen - alles für den großen Traum. "Wir müssen alle Puppen sein", sagt jemand resigniert.

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Die jungen Frauen wissen, was das ist, dieser Traum vom Schönsein. Und was er anrichten kann. Sie leben zusammen in einer betreuten WG des Vereins ANAD, weil sie an einer Essstörung erkrankt sind, an Magersucht oder Bulimie.

Wenn man sagt, dass sie auch krank geworden sind, weil sie so sein wollten wie die Mädchen auf der Bühne, ist das nicht falsch. Als im Jahr 2006 die erste Staffel Germany's Next Topmodel lief, waren die jüngsten unter ihnen gerade mal acht Jahre alt, die ältesten zehn. Sie sind mit der Sendung aufgewachsen. Wenn Klum am Abend ihre Mädchen über den Laufsteg schickte, habe es am nächsten Morgen in der Schule kein anderes Thema gegeben, erzählen sie. Und aus den Fernsehbildern wurden schnell Träume: "Wenn du noch zwei, drei Kilo abnimmst, könntest du auch Model werden", habe es auf dem Schulhof geheißen, sagt Daria (alle Namen geändert), ein selbstbewusst auftretendes Mädchen, die dunklen Haare zum Dutt gebunden. Sie habe sich wirklich ausgemalt, bei Heidi im Finale zu stehen. "Ich auch, ich auch", ruft eine Mitbewohnerin. Die anderen nicken.

Magersucht - die tödlichste psychische Erkrankung

Ich will auch Model sein, Puppe sein und bin bereit dafür zu leiden - diesen Zusammenhang sieht auch die Wissenschaft. Heidi Klums Sendung befördere Essstörungen, heißt es in einer Studie, die das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen Ende April veröffentlicht hat. Befragt wurden 241 Menschen, die zu dem Zeitpunkt wegen einer Essstörung in Behandlung waren. Das Ergebnis: 85 Prozent gaben an, die Modelshow könne Essstörungen verstärken. Ein Drittel bescheinigte der Sendung gar einen "sehr starken Einfluss" auf ihre eigene Erkrankung.

Pro Sieben verteidigte sich mit der Mitteilung, bei Germany's Next Topmodel sei "gesunde und nachhaltige Ernährung" ein wichtiges Thema, genauso wie Sport. Zudem sei Übergewicht ein viel größeres gesellschaftliches Problem. Ein Gegenschlag, den viele als zynisch empfanden. Magersucht, die sich häufig gerade in einem Übermaß an sportlicher Betätigung ausdrückt, ist die tödlichste psychische Erkrankung weltweit. Den wütendsten Einwand formulierte der Kölner Psychiater Manfred Lütz in einem Zeitungsinterview: Wenn der Sender sich für diese unsägliche Erklärung nicht entschuldige und endlich Konsequenzen aus der Studie ziehe, nehme er offensichtlich eiskalt den Tod junger Frauen in Kauf.

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Magersüchtig mit elf, in der Klinik mit 14 Jahren

In der WG haben sie die Studie und den nachfolgenden Schlagabtausch zur Kenntnis genommen. Wirklich verwundert ist über das Ergebnis hier niemand, sie kennen sich ja aus mit dem Schlankheitswahn.

Wer bei ANAD landet, hat einiges hinter sich. Teresa aus Italien etwa: Sie war gerade elf Jahre alt, als sie magersüchtig wurde. Ihre Mutter gab ihr gestörtes Essverhalten an die Tochter weiter. Der Verzicht auf Nahrung entwickelte sich zum Konkurrenzkampf. Wer ist dünner, wer hält sein Gewicht niedriger? Als Teresa 14 ist, findet ihre Mutter im Kinderzimmer einen Müllsack voller Lebensmittel. Das Mädchen entsorgt, statt zu essen. Da greifen die Eltern durch, bringen Teresa in eine Klinik in München, wo ihr Vater lebt. Als sie dort ankommt, wiegt sie noch 29 Kilo. Es folgen weitere Klinikaufenthalte. Jetzt ist Teresa 19, arbeitet auf ihren Schulabschluss hin und lebt seit fast acht Monaten in der Wohngruppe.

Lara ist noch neu in der WG, ihre Magersucht hat sie über die Kinder- und Jugendpsychiatrie und eine Klinik für Psychosomatik hierher geführt. Die Worte, mit denen sie den Beginn ihrer Krankheit beschreibt, wählt die 18-Jährige bewusst. Sie habe sich pummelig gefühlt und sei sehr unzufrieden damit gewesen. Es habe Stress mit Freunden gegeben, Stress mit den Eltern, dazu Leistungsdruck in der Schule. "Irgendwie kam alles zusammen", sagt Lara und so ganz scheint sie selbst noch nicht fassen zu können, wie das in eine schwere Essstörung münden konnte.