Wahlkampf Das sind die "hart arbeitenden Menschen", die Martin Schulz erreichen will

Hart arbeitende Menschen in Deutschland: Simone Hinneberg, Frank Külper und Robin Berz.

(Foto: Inga Kjer/photothek, Oliver Klaasen (2))

In fast jeder Rede werden sie vom SPD-Kanzlerkandidaten umworben. Doch wer sind diese Menschen eigentlich? Was bewegt sie? Und schafft es Schulz, sie wieder für seine Partei zu gewinnen? Beobachtungen aus den letzten Wochen des Wahlkampfes.

Reportage von Oliver Klasen

Die "hart arbeitenden Menschen" nehmen im Wahlkampf von Martin Schulz breiten Raum ein, doch einer der am härtesten arbeitenden Menschen in diesen Tagen ist: er selbst. 60 Termine in fast jeder größeren Stadt in Deutschland, dazu etliche Fernsehauftritte. Zum Beispiel ein Montag Anfang September. Es ist der Tag nach dem TV-Duell mit Angela Merkel, das Schulz nach Meinung vieler Beobachter versemmelt hat - versemmelt jedenfalls gemessen an den hohen Erwartungen, die die SPD hatte.

Schulz redet, Schulz rudert, Schulz rackert. Schon nach zehn Minuten muss der Kanzlerkandidat das Jackett ausziehen und die Ärmel hochkrempeln. Es ist heiß, sein Hemd wird später nach Brathendl riechen. Er kann nur wenige Stunden geschlafen haben. Egal jetzt, weitermachen, Daumen hoch, in die Menge winken, Gewinnerlächeln.

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Schulz ist zu Gast auf dem Gillamoos-Volksfest in Abensberg, wo traditionell Vertreter aller großen Parteien auftreten - in Bayern kombinieren sie Politik gerne mit Bier. Der hemdsärmelige Schulz tut also das, wozu er am Abend vorher im Fernsehen keine Gelegenheit bekam: potenzielle SPD-Wähler ansprechen. Er findet zurück zu den Anfängen seines Wahlkampfes. Zu der Zeit, als die SPD in den Umfragen auf mehr als 30 Prozent zulegte und alle vom Schulz-Effekt sprachen. Damals kamen die "hart arbeitenden Menschen", die Schulz in rheinischem Dialekt manchmal auch als "hacht arbeitende Menschen" ausspricht, in fast jeder seiner Reden vor.

Kann besser Bierzelt als TV-Duell: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.

(Foto: AFP)

Zum Beispiel Simone Hinnenberg, 35, Altenpflegerin in der "Villa Finow", einem Seniorenheim im brandenburgischen Eberswalde. Fünf Minuten mit ihr genügen, um sicher zu sein, dass sie eine derjenigen ist, die Schulz meint. 6:55 Uhr, Zimmer 1, Frau Paulsen. Für sie steht am Nachmittag gemeinsam mit anderen Bewohnern ein Ausflug zu einem nahegelegenen Reiterhof an. Damit sie den ausgeruht antreten kann und ihre Kräfte schont, pflegt Hinnenberg sie heute im Bett und nicht im Bad. Gesicht waschen, dann Hände, Oberkörper, Füße, Beine und den Intimbereich, anschließend kämmen und eincremen. Frische Kleidung anziehen, Unterwäsche im Kleiderschrank rechts im kleinen Fach, T-Shirt links, Hose oben. Ist noch genug Inkontinenzmaterial - Hinnenberg sagt "IKM-Material" - im Sideboard? Ja, ist noch da. "Holen Sie mich nachher ab zum Frühstück?" - "Klar, wie immer".

7.12 Uhr, nächstes Zimmer, Herr Franke. Er sitzt schon auf der Toilette, etwas zitternd und verwirrt, überall Blut, wahrscheinlich die Hämorrhoiden, aber das muss später ein Arzt abklären. Vorsichtig zurück in den Krankenstuhl. Reinigung mit Trockentüchern, Feuchttüchern, grob auch die Toilettenschüssel und den Boden davor sauber machen, die Reinigungskräfte gehen später gründlich durch. Hände desinfizieren, neue Gummihandschuhe. Dann das Plaster gegen das Wundliegen am Rücken erneuern. Anziehen, Rollstuhl an den Wohnzimmertisch schieben.

Hinnenberg wird von ihren Kollegen "Flitzi" genannt, weil sie so schnell über die Gänge läuft. 35 Personen haben sie und ihre vier Frühschichtkollegen zu versorgen. In der Spätschicht sind sie zu viert, nachts zu zweit, jedenfalls, wenn sich niemand krank meldet oder Urlaub hat. Der Personalschlüssel habe sich in den vergangenen Jahren mit den Pflegereformen leicht gebessert, sagt Angela Matthes, die Leiterin der Einrichtung. "Es gibt Altenpfleger, außerdem Betreuungspersonal, Ergo- und Physiotherapie, aber ein Tropfen auf den heißen Stein ist es trotzdem." Manchmal bräuchten die alten Menschen einfach jemanden, der zuhört, wenn sie von früher erzählen. "Wir versuchen, das möglich zu machen, aber wie alle, die in der Pflege arbeiten, machen wir da eine Grätsche", sagt Matthes.

7:35 Uhr, drittes Zimmer, Herr Seeber. Er ist Spastiker und die meiste Zeit bettlägerig, spricht einen eisenharten brandenburgischen Dialekt, aber wenn er einen Witz macht, und das macht er oft, gluckst seine Stimme ein bisschen. "Kiekste ma nach der Fernbedienung?". "Ist hier auf dem Regal". Rasieren, Gesicht waschen, eincremen, zur Seite drehen, Rücken waschen, neues IKM-Material auflegen, zurückdrehen. Seeber macht immer gut mit bei der Grundpflege, sagt Hinnenberg, nur das Zähneputzen hasst er.

Sie achten darauf, dass die alten Menschen, die hier leben, sich etwas Eigenständigkeit bewahren, ein Stück Autonomie über den eigenen Tagesablauf. Deshalb wecken sie diejenigen, die ihr ganzes Leben lang Spätaufsteher waren, möglichst erst nach 8 Uhr. Deshalb darf jeder, zusätzlich zur Standardausstattung aus Krankenbett, Schrank und Tisch, eigene Möbel, Bilder, Dekozeug und Erinnerungen mitbringen. Deshalb sagen sie Bewohner, nicht Patienten. Und deshalb ist es okay, wenn Betty, der Hund der Pflegedienstleiterin, auf den Gängen und manchmal auch in den Zimmern umhertapst. "Ist ja ein Zuhause hier, kein Krankenhaus", sagt sie.

Altenpflegerin Simone Hinnenberg versorgt einen Patienten.

(Foto: Inga Kjer/photothek.net)

Irgendwann in der Mitte von Schulz' Rede kommt immer der Altenpfleger aus Viersen. Der habe ihm erzählt, "dass sein Job etwas für Melancholiker sei", sagt Schulz im Gillamoos-Bierzelt, denn am Ende jedes Arbeitstages komme er stets mit dem Gefühl nach Hause, nie genug getan zu haben. In früheren Reden war es auch mal der Altenpfleger aus Moers, liegt beides am Niederrhein, nur 35 Kilometer auseinander, also nicht so wichtig.

Der Altenpfleger aus Viersen ist für Schulz das, was für Angela Merkel einst die schwäbische Hausfrau war, an deren Beispiel sie ihre knauserige Haushaltspolitik erklären wollte: etliche Seiten Parteiprogramm in einem einzigen Bild, eine rhetorische Schablone, die sich gefahrlos immer wieder bringen lässt. Wer hört sich schon mehrere Schulzreden hintereinander an?

Die Tradition des Malochertums

Der Altenpfleger aus Viersen könnte ebenso gut Krankenschwester sein oder Erzieherin. Schulz erwähnt bei seinen Auftritten manchmal auch Installateure oder Eisenbahnschaffner. Arbeitnehmer, die eher nicht im Büro sitzen. Die ranklotzen und die Ärmel hochkrempeln müssen, so wie er im Bierzelt.

Mit den "hart arbeitenden Menschen" hat er eine griffige Formel gefunden. "Die hat aber keine beschreibende, sondern eine politisch mobilisierende Funktion", erklärt Sighard Neckel, Soziologieprofessor an der Universität Hamburg. "Auch gut verdienende Freiberufler, Fachärzte oder Finanzmanager sehen sich - subjektiv völlig zu recht - als hart arbeitende Menschen. Die will Schulz nicht in erster Linie ansprechen. Er will eine Identifikation auslösen bei denjenigen, bei denen die Tradition der körperlich belastenden Arbeit, des Malochertums noch eine gewisse Rolle spielt", sagt Neckel.