Ausstellung zu "Single Moms" Der Höllentrip der Alleinerziehenden

Beschwerlicher Weg: Wer sein Kind allein groß zieht, und das sind in Deutschland zu 90 Prozent Frauen, ist finanziell schnell am Ende.

(Foto: dpa)

Schon Goethe beschrieb das Schicksal einer "Single Mom" - und bis heute hat sich deren Situation nur unzureichend verbessert. Eine Ausstellung fordert grundlegende Reformen für Alleinerziehende.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Goethes wichtigstes Werk handelt von einer Single Mom: Gretchen. Dass die Vorlage zu der entscheidenden Figur in "Faust" eine echte Person des Zeitgeschehens war, wissen aber nur wenige. Die Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt hatte 1771 in der Waschküche ihrer Dienstherrin in einem Frankfurter Gasthof ein nicht eheliches Kind geboren, das später tot aufgefunden wurde. Der Prozess gegen sie erregte großes Aufsehen: Sie wurde zum Tode verurteilt und öffentlich hingerichtet.

Heutzutage müssen alleinerziehende Mütter zwar nicht mehr mit der Todesstrafe rechnen - dass viele von ihnen aber immer noch ausgegrenzt oder ihnen zumindest der Lebensweg beschwert wird, daran erinnert derzeit eine Ausstellung in Berlin. An einem ungewöhnlichen Ort: Im Foyer des Kriminalgerichts Moabit zeugen Schautafeln, Bilder und Kunstwerke vom virulenten Thema "Single Moms".

Vor der katholischen Kirche war es gar nicht so schlimm

Wie sich das Thema über die Jahrhunderte in der Menschheitsgeschichte entwickelt hat, wird eindrucksvoll dargestellt. Bevor die katholische Kirche auf dem Konzil von Trient (1545 bis 1563) die Ehe als Voraussetzung zum Zeugen von Kindern ausgerufen hatte, war die Situation für nicht eheliche Kinder und deren Mütter gar nicht so verschärft. Denn ritualisierte voreheliche Sexualbeziehungen galten in vorindustrieller Zeit noch zu den Sitten des Brauterwerbs.

In Skandinavien und Teilen Mitteleuropas war eine Verlobung Legitimation genug für Sex, auch wenn die Hochzeit noch in weiter Ferne lag. Und die hing eher davon ab, wann sich das Paar einen eigenen Haushalt leisten konnte. Kam es aus irgendwelchen Gründen nicht zur Trauung, war ein nicht eheliches Kind kein Makel. Ließ der Vater eine geschwängerte Frau sitzen, hatte sie sogar Anspruch auf finanzielle Entschädigung für die verlorene Jungfernschaft und den Unterhalt des Kindes. Über die Höhe wurde verhandelt oder vor Gericht gestritten. Vor allem auf dem Land war diese Praxis üblich.

Dienstmädchenproblem im Alpenraum

In den Städten wurden die Moralvorstellungen rigider und die Umstände schwieriger, als durch das Dienstmädchenwesen in vielen Regionen die nicht ehelichen Geburten stark zunahmen. Vor allem im Alpenraum und Bayern wurde das zum Problem. Um 1900 gab es hier die meisten nicht ehelichen Geburten im Deutschen Reich. Zusammen mit den strikteren Moralvorstellungen, die die Kirche durchgesetzt hatte, wurde das Leben für nicht ehelich Gebärende zum Faust'schen Höllentrip. Während in früheren Jahrhunderten Ausgrenzung durch Kleiderordnung, Auspeitschen und Exkommunizierung betrieben wurde, wurden Schwangere ohne Mann noch im 18. Jahrhundert mit dem Tode bedroht. Überführte Kindsmörderinnen wurden öffentlich ertränkt - auch als Mahnung an die anderen Frauen.

Erste Hilfe kam Ende des 17. Jahrhunderts in Form von Hebammen, die zuerst in Regensburg ein Haus für private Geburten einrichteten. Mit diesen wohltätigen Einrichtungen sollte der Kindsmord durch verzweifelte Mütter, denen die Gesellschaft ihren Platz verwehrte, verhindert werden. Nach und nach übernahmen Ärzte die Aufsicht über diese Kindbettstuben, 1751 eröffnete die erste "Gebäranstalt" in Göttingen. Ledige Schwangere dienten dort als Lehrobjekte und mussten sich rund um die Uhr Untersuchungen zur Verfügung stellen. Lediglich wohlhabende Frauen durften in Ruhe gebären - und danach, wie aus der Sommerfrische, nach Hause zurückkehren. Ihr Kind hatten sie dagelassen und konnten somit ihre nicht eheliche Schwangerschaft zu Hause verheimlichen. Doch die Gebäranstalten waren nicht ohne Risiko: In München starben in einer solchen Anstalt im Frühling 1838 von 23 Wöchnerinnen 20 am Kindbettfieber.