Süddeutsche Zeitung

Ausstellung zu "Single Moms":Der Höllentrip der Alleinerziehenden

Lesezeit: 5 min

Schon Goethe beschrieb das Schicksal einer "Single Mom" - und bis heute hat sich deren Situation nur unzureichend verbessert. Eine Ausstellung fordert grundlegende Reformen für Alleinerziehende.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Goethes wichtigstes Werk handelt von einer Single Mom: Gretchen. Dass die Vorlage zu der entscheidenden Figur in "Faust" eine echte Person des Zeitgeschehens war, wissen aber nur wenige. Die Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt hatte 1771 in der Waschküche ihrer Dienstherrin in einem Frankfurter Gasthof ein nicht eheliches Kind geboren, das später tot aufgefunden wurde. Der Prozess gegen sie erregte großes Aufsehen: Sie wurde zum Tode verurteilt und öffentlich hingerichtet.

Heutzutage müssen alleinerziehende Mütter zwar nicht mehr mit der Todesstrafe rechnen - dass viele von ihnen aber immer noch ausgegrenzt oder ihnen zumindest der Lebensweg beschwert wird, daran erinnert derzeit eine Ausstellung in Berlin. An einem ungewöhnlichen Ort: Im Foyer des Kriminalgerichts Moabit zeugen Schautafeln, Bilder und Kunstwerke vom virulenten Thema "Single Moms".

Vor der katholischen Kirche war es gar nicht so schlimm

Wie sich das Thema über die Jahrhunderte in der Menschheitsgeschichte entwickelt hat, wird eindrucksvoll dargestellt. Bevor die katholische Kirche auf dem Konzil von Trient (1545 bis 1563) die Ehe als Voraussetzung zum Zeugen von Kindern ausgerufen hatte, war die Situation für nicht eheliche Kinder und deren Mütter gar nicht so verschärft. Denn ritualisierte voreheliche Sexualbeziehungen galten in vorindustrieller Zeit noch zu den Sitten des Brauterwerbs.

In Skandinavien und Teilen Mitteleuropas war eine Verlobung Legitimation genug für Sex, auch wenn die Hochzeit noch in weiter Ferne lag. Und die hing eher davon ab, wann sich das Paar einen eigenen Haushalt leisten konnte. Kam es aus irgendwelchen Gründen nicht zur Trauung, war ein nicht eheliches Kind kein Makel. Ließ der Vater eine geschwängerte Frau sitzen, hatte sie sogar Anspruch auf finanzielle Entschädigung für die verlorene Jungfernschaft und den Unterhalt des Kindes. Über die Höhe wurde verhandelt oder vor Gericht gestritten. Vor allem auf dem Land war diese Praxis üblich.

Dienstmädchenproblem im Alpenraum

In den Städten wurden die Moralvorstellungen rigider und die Umstände schwieriger, als durch das Dienstmädchenwesen in vielen Regionen die nicht ehelichen Geburten stark zunahmen. Vor allem im Alpenraum und Bayern wurde das zum Problem. Um 1900 gab es hier die meisten nicht ehelichen Geburten im Deutschen Reich. Zusammen mit den strikteren Moralvorstellungen, die die Kirche durchgesetzt hatte, wurde das Leben für nicht ehelich Gebärende zum Faust'schen Höllentrip. Während in früheren Jahrhunderten Ausgrenzung durch Kleiderordnung, Auspeitschen und Exkommunizierung betrieben wurde, wurden Schwangere ohne Mann noch im 18. Jahrhundert mit dem Tode bedroht. Überführte Kindsmörderinnen wurden öffentlich ertränkt - auch als Mahnung an die anderen Frauen.

Erste Hilfe kam Ende des 17. Jahrhunderts in Form von Hebammen, die zuerst in Regensburg ein Haus für private Geburten einrichteten. Mit diesen wohltätigen Einrichtungen sollte der Kindsmord durch verzweifelte Mütter, denen die Gesellschaft ihren Platz verwehrte, verhindert werden. Nach und nach übernahmen Ärzte die Aufsicht über diese Kindbettstuben, 1751 eröffnete die erste "Gebäranstalt" in Göttingen. Ledige Schwangere dienten dort als Lehrobjekte und mussten sich rund um die Uhr Untersuchungen zur Verfügung stellen. Lediglich wohlhabende Frauen durften in Ruhe gebären - und danach, wie aus der Sommerfrische, nach Hause zurückkehren. Ihr Kind hatten sie dagelassen und konnten somit ihre nicht eheliche Schwangerschaft zu Hause verheimlichen. Doch die Gebäranstalten waren nicht ohne Risiko: In München starben in einer solchen Anstalt im Frühling 1838 von 23 Wöchnerinnen 20 am Kindbettfieber.

Vor Kindsmord geschützt - aber dann verhungert

Durch die Einrichtung solcher Häuser sollten nicht eheliche Kinder vor Kindsmord geschützt und zu für den Staat nützlichen Bürgern erzogen werden. Das Wiener Findelhaus, eines der größten in Europa, nahm von 1784 bis 1910 ingesamt 750 000 Kinder auf. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts starben etwa 70 Prozent der Kinder dort an Mangelernährung. Für unverheiratete Frauen waren Findelhäuser trotzdem oft die einzige Option.

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der unverheirateten bürgerlichen Frauen zu - und damit ein Stück der Normalität, wie wir sie heute kennen. Die ersten Frauen wurden berufstätig, andere zogen mit Freundinnen zusammen. Dass eine Bürgerliche mit ihrem Kind ganz alleine wohnte, war noch undenkbar. Aber es gab Pionierinnen, wie etwa die Schriftstellerin Gabriele Reuter, die im Alter von 38 Jahren ein nicht eheliches Kind bekam, dies 1908 in ihrem Roman "Das Tränenhaus" verarbeitete. Sie schrieb über die drastischen Zustände in einer Pension für Schwangere und löste damit einen öffentlichen Skandal aus. Heute ist die Schriftstellerin fast vergessen. Auch die Münchner "Skandalgräfin" und Schriftstellerin Franziska zu Reventlow brach Tabus, indem sie ein eigenständiges und unkonventionelles Bohème-Leben führte, mehrere Fehlgeburten hatte und die Erziehung junger Frauen zu "höheren Töchtern" öffentlich diffamierte. Sie bekannte sich stolz zur "freien Mutterschaft".

So sieht es heute für alleinerziehende Mütter aus

Seitdem sind 100 Jahre vergangen und die Situation der alleinerziehenden Mütter hat sich in Deutschland stark gewandelt. Dennoch sind auch heutige "Single Moms" mitnichten eine verwöhnte Bevölkerungsgruppe - die immer größer wird. 1,6 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern leben heute in Deutschland, ein Viertel mehr als noch 1996. Damit ist jede fünfte Familie eine Ein-Eltern-Familie, in der Mehrfachbelastungen durch Beruf, Erziehung und Haushalt zu 90 Prozent allein von der Mutter getragen werden. Die Hartz-IV-Quote von Alleinerziehenden-Haushalten lag 2013 in Sachsen-Anhalt etwa bei fast 57 Prozent. Zum Vergleich: Im selben Bundesland lag der Hartz-IV-Anteil von Paar-Haushalten bei zwölf Prozent. In Bayern: 24,6 zu 2,7 Prozent.

Und während der Anteil der Familien an der Gesamtbevölkerung sinkt, steigt der Anteil der Alleinerziehenden stetig. Sowohl das Unterhalts- als auch das Steuer- und Sozialrecht haben zudem durch Reformen der vergangenen zehn Jahre den finanziellen Druck auf Alleinerziehende weiter verschärft. Sozialpolitische Maßnahmen, die Familien einen Weg aus Hartz IV ebnen sollten, kommen bei Alleinerziehenden oft nicht an. Den Kinderzuschlag bekommen viele Alleinerziehende nicht oder nur teilweise, so dass 39 Prozent aller Ein-Eltern-Familien auf Grundsicherung angewiesen sind. Im Bundesdurchschnitt fünf Mal so oft wie Paarfamilien. Jedes zweite Kind der 1,9 Millionen Kinder, die von staatlicher Grundsicherung leben, wächst in einer Ein-Eltern-Familie auf - die meisten bei ihren Müttern.

Blick auf Europa und den Rest der Welt

In Deutschland ist die Lage besonders brenzlig, wie der europäische Vergleich zeigt: Die Belastung von Alleinerziehenden im unteren Einkommensbereich durch Steuern und Sozialabgaben ist hierzulande fast doppelt so hoch wie in Dänemark und dreimal so hoch wie in den Niederlanden oder Großbritannien. Gezielte Reformen seien notwendig, fordert die Ausstellung explizit, und macht auch ein paar Vorschläge: Beim Unterhaltsvorschuss etwa sollten Begrenzungen für Bezugsdauer und Alter wegfallen, im Steuerrecht müsse der Entlastungsbetrag für Alleinerziehende deutlich erhöht werden. Langfristig müsse ein altersgerechter Bedarf für Kinder ermittelt und allen Kindern garantiert werden.

Wie immer lohnt sich ein Blick über europäische Grenzen hinaus: In einigen Ländern ist der Druck auf die Single Moms zum Teil noch größer: In China etwa müssen unverheiratete Schwangere in einigen Provinzen noch Geldbußen bezahlen, in manchen Regionen gilt eine Mutterschaft außerhalb der Ehe immer noch als Tabu. In vielen Gegenden Afrikas dagegen kümmern sich Väter kaum um ihre Kinder. Doch die Mütter würden sich nicht als alleinerziehend bezeichnen, weil die Kinder im großen Familienverband aufwachsen und versorgt werden. Familien werden dort auch oft durch Arbeitsmigration getrennt. Die Auswanderer der vergangenen Jahrzehnte waren vor allem Familienväter, die durch Geldüberweisungen in ihre Herkunftsländer ihre Frauen und Kinder unterstützen.

Ein Blick nach Afrika zeigt außerdem, dass das Wort "alleinerziehend" nicht überall als Makel gesehen wird. In ländlichen Regionen mit Polygamie etwa leben die Zweit-. und Drittfrauen eines Mannes mit Kindern in eigenen Hütten. Der Vater schaut nur gelegentlich als Gast vorbei.

Es gibt noch viel zu tun

Dass die Situation für alleinerziehende Mütter in Deutschland heute überhaupt erträglich, wenn auch immer noch schwierig ist, war ein langer Weg, der immer noch nicht abgeschlossen ist. Davon zeugt die Ausstellung unter anderem mit Kunstwerken alleinerziehender Mütter. Und dass zwischen dem Gretchen von damals, das aufgrund einer Schwangerschaft kriminalisiert wurde, und der Single Mom von heute, die kaum genug Geld zum Leben hat, manchmal nur kleine Unterschiede liegen, auch daran erinnert die Ausstellung - mit ihrem Sitz im Kriminalgericht.

Die Ausstellung ist noch bis zum 8. März geöffnet, dem Internationalen Frauentag, werktags von 9 bis 16 Uhr. Zutritt nur mit Personalausweis.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2863912
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/tamo/dd
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.