Zum Tod von Leonard Cohen Abschied von einem Schmerzensmann

Leonard Cohen war ein Poet des Scheiterns. Kaum jemand schrieb schöner über die Sehnsucht in den dunkelsten Stunden.

Nachruf von Julian Dörr

Man kann versuchen, sich mit einem Gedanken abzufinden, sich bereit zu machen, und dann haut es einen doch um. So wie die Nachricht vom Tod Leonard Cohens. Zum zweiten Mal in diesem musikalischen Trauerjahr hat einer der ganz Großen seinen eigenen Tod mit einem allerletzten Album eingeleitet. Bei David Bowie war das nur im Nachhinein verständlich, die Anspielungen, die Finalität, die sich erst nach seinem Tod erschloss. Bei Leonard Cohen war das anders. Er wollte uns vorbereiten. Es hat nichts genützt.

Vor wenigen Tagen ist "You Want It Darker" erschienen. "If you are the dealer, I'm out of the game", singt Cohen da in den ersten Zeilen - wenn du die Karten gibst, dann bin ich raus. Der alte Songwriter, er war bereit zu gehen: "I'm ready, my lord." "You Want It Darker" war ein großer Abschied, das letzte Schmerzensalbum eines Schmerzensmannes. Sein Sohn Adam hat es produziert. Cohen selbst rauchte Marihuana (als Medizin), quälte sich aus seinem Stuhl, tanzte vor den Lautsprechern. Das letzte Fest, der letzte Akt. Nun ist der tiefschwarze Vorhang gefallen, die Bühne ist leer.

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Leonard Cohen ist kein Musiker, er ist Lyriker

Leonard Cohen wird 1934 in einem Vorort von Montreal geboren. Die Eltern sind gläubige Juden, Religiosität wird seine Kindheit und sein ganzes Leben prägen. In den Siebzigern wird er sich dem Buddhismus hinwenden, er wird einem Mönch folgen, sich in ein Zen-Kloster in den Bergen von LA zurückziehen. Doch das ist Jahre später. Hier, in der kanadischen Vorstadt der Vierzigerjahre beginnt der junge Cohen Gitarre zu spielen. Er will ein Mädchen beeindrucken, wie er später selbst sagen wird. In dieser kleinen Anekdote steckt viel von dem Leonard Cohen, der zu einer der ikonischen Figuren seiner Zeit werden sollte. Ein Mann, der sich vor der Größe seiner Kunst immer ganz klein gemacht hat. Leonard Cohen, der Schürzenjäger. Leonard Cohen, der Bescheidene.

Doch Cohen ist zunächst kein Musiker, sondern Lyriker. Und bleibt es bis zum Ende. Seine musikalischen Arrangements sind rudimentär, seine Musik filigran. Sie ist auf das Nötigste ausgerichtet und das ist das Wichtigste: die Begleitung und Untermalung seiner Texte. Cohens Gitarrenspiel ist flüchtig, seine Lyrik jedoch von einer überwältigenden Körperlichkeit. Voll Schmerz, voll Sex, voll unerfüllter Leidenschaft. Verlangen als Zustand. Cohen ist ein Poet des Scheiterns, wie ihn sich Samuel Beckett nicht besser hätte ausdenken können.

In seinen Texten gräbt er sich tief ein in die menschliche Existenz, in die einsamen Träume, die schmutzigen Gelüste und Sehnsüchte. Cohen ist kein Gossen-Dichter wie Charles Bukowski. Er blickt auf die Risse im Leben, die Brüche, die dunklen Stunden. Er vergrößert sie, er verstärkt sie, bis sie ihre wahre Gestalt offenbaren: die großen Momente unseres Daseins. In seinem ersten Roman "The Favourite Game", den er Anfang der Sechziger auf der griechischen Insel Hydra verfasst, beschreibt Cohen eine Szene aus der Kindheit seines autobiografischen Protagonisten. Ein Mädchen klettert auf einen Baum, sie stürzt, sie fällt, sie bricht ihren Arm. Das Krachen hallt durch die Luft. "The air was like a microphone", schreibt Cohen nur.

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Auf Hydra, dem Rückzugsort des einsamen Schreibers, lernt Cohen die Norwegerin Marianne Ihlen kennen, die Frau, die ihn zu zwei seiner größten Songs inspirieren wird: "So long, Marianne" und "Bird On The Wire". Ende der Sechziger verschiebt sich Cohens Fokus. Aus dem Dichter wird ein Musiker. Er zieht nach New York City, 1967 erscheint sein erstes Album, "Songs of Leonard Cohen". Cohen wird zum Held der Gegenkultur, seine Lieder vielfach gecovert. Das wohl bekannteste Beispiel: "Hallelujah". Ist das Lied für Cohen im Jahr 1984 nur ein bescheidener Erfolg, avanciert Jeff Buckleys Interpretation 1991 zur Standarduntermalung emotional ergreifender Filmszenen. Cohen selbst sagt im Jahr 2009, er habe nun genug Cover-Versionen gehört: "Ich denke, es ist ein guter Song, aber zu viele Leute singen ihn."

Zu oft wird Leonard Cohen auf diesen Song reduziert, zu komplex ist sein Lebenswerk - als Musiker, als Poet. Was soll man jetzt anderes schreiben als: Gebt ihm den Literaturnobelpreis. Aber das ist ja Unsinn. Cohens Werk braucht diese Ehrung nicht, die menschliche Existenz braucht keine Krönung. In Leonard Cohens Gedichten, seinen Liedern, seinen Büchern liegt ihre Erfüllung immer in der dunkelsten Stunde der Nacht, wo nur die Leuchtfeuer der Sehnsucht noch Licht spenden.

"We are ugly, but we have the music"

Kaum jemand hat schöner und besser über Sex geschrieben, über die Lust, die im Leben steckt - manchmal verschlossen und verkümmert, manchmal tosend und ekstatisch. Der berühmte Blowjob auf dem ungemachten Bett des "Chelsea Hotel #2". Ein Moment, so erhaben wie traurig. Das große Glück und seine Vergeblichkeit, gebannt in einen Song. "We are ugly, but we have the music."

"There's a crack in everything", hat Leonard Cohen einmal geschrieben, "that's how the light gets in." Das Licht strömt erst durch die Risse in unser Leben. Das ist der einzige Trost an diesem traurigen Tag. Leonard Cohen hinterlässt einen großen Riss.

Hallelujah

Seinen bekanntesten Song konnte Cohen selbst irgendwann nicht mehr hören. Hommage an ein vernichtend hoffnungsvolles Lied. Von Juliane Liebert mehr...