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Zum Tod von Leonard Cohen:Hallelujah

Musik übernimmt, wo Worte nichts mehr zu sagen haben: Leonard Cohen ist tot.

(Foto: AFP)

Seinen bekanntesten Song konnte Cohen selbst irgendwann nicht mehr hören. Hommage an ein vernichtend hoffnungsvolles Lied.

Von Juliane Liebert

Es ist schwer, sich von Gemeinplätzen fernzuhalten in diesem Jahr. Hält man sich von ihnen fern, ist nicht viel zu sagen. Der Tod ist eine Sache der Sprachlosigkeit.

Spricht man doch - es kann angemessen sein. Man könnte sagen "Leonard Cohen ist gestorben", man könnte sagen "Einer der größten Musiker unserer Zeit", man könnte ihm irgendwelche Wünsche und Dankesbezeugungen mit auf dem Weg geben. Man könnte versuchen, seine Bedeutung einzuordnen, seine großen Songs aufzählen, die üblichen Geschichten erzählen. Doch zum Glück kann zuweilen Musik übernehmen, da, wo man nichts sagen will oder kann: Sondern hören.

Das Lied, das in diesem Moment wohl viele hören, sein bekanntestes, meist zitiertes, ist "Hallelujah". Es ist, auch das ist tröstlich, ein zugleich vernichtendes und hoffnungsvolles, ein in seinem Ernst humorvolles Lied. "The fourth, the fifth, the minor fall and the major lift," dazu die Akkorde F - G - Am - F, je nach Version, und die rhetorische, fast alberne Frage: "But you don't really care for music, do you?"

"Es ist ein guter Song, aber zu viele Leute singen ihn"

Es heißt, Cohen selbst habe 80 Strophen geschrieben. Der Song wurde so oft gespielt, dass Cohen im Juli 2009 im Guardian darum bat, "Hallelujah" doch bitte eine Weile nicht mehr zu covern. "Ich habe gerade eine Rezension des Filmes 'The Watchmen' gelesen," sagte er, "und der Rezensent schrieb 'Can we please have a moratorium on Hallelujah in movies and television shows?'. Und es geht mir nicht anders. Es ist ein guter Song, aber zu viele Leute singen ihn."

Dabei hatte es fünf Jahre gedauert, den Song zu schreiben - und 15, bis er berühmt wurde. Das Album, auf dem "Hallelujah" war, "Various Positions", wollte Sony nicht einmal veröffentlichen. Sie fanden es nicht gut genug. Erst Jeff Buckleys Version machte das Lied berühmt; Buckley, der es nicht als eine Hommage an Gott sah, sondern als "das Hallelujah des Orgasmus". Als eine "Ode an das Leben und die Liebe." Er zweifelte so sehr an seiner Version, dass er hoffte, Cohen würde sie niemals hören (ein Wunsch, der wohl unerfüllt blieb).

Es wurde viel geschrieben über die Vermischung christlicher und sexueller Bilder im Song, darüber, wie in Cohens Fassung Delilah Samsons Locken abschneidet. "She tied you to her kitchen chair, she broke your throne and she cut your hair". Aber eigentlich ist es der Küchenstuhl, der die biblische Szene in die Gegenwart versetzt, und das Lied wird wohl noch gegenwärtig sein, wenn es schon eine Weile keine Küchenstühle mehr gibt.

Und bis dahin? "Ich glaube nicht, dass ich jemals unter den Sternen verweilen werde. Ich glaube nicht, dass ich jemals einen Lorbeerkranz haben werde. Ich glaube nicht, dass Geister erotische Botschaften in mein warmes Haar flüstern werden. Ich werde nie eine anmutige Art finden, einen braunen Lunchbeutel auf einer Busfahrt zu tragen. Ich werde zu Beerdigungen gehen, und sie werden mich an nichts erinnern", schrieb Cohen in seinem Buch "Beautiful Losers".

In vielen Dingen hatte er recht, in manchen nicht. Er weilt jetzt unter den Sternen. Es wird noch viele Coverversionen von "Hallelujah" geben. Viele Beileidsbekundungen, echte und leere. Cohen war immer für beides, für das Häßliche und das Schöne, das Hohe und das Profane. Vielleicht ist sein Tod ein Anlass, ein Zeichen zu setzen - für die Schönheit und gegen die Herrschaft des Geschwätzes, das alles hässlich macht. Das liegt letztlich in der Gewalt der Hörenden.

Denn um eine rhetorische Frage zu beantworten, "But you don't really care for music, do you?" Doch, tun wir. Wer nicht?

© SZ.de/doer/lala
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