Zum 100. Geburtstag von Albert Camus Der Visionär

Am Ende der Karriere, statt auf dem Höhepunkt: Albert Camus, kurz nach der Verleihung des Literatur-Nobelpreises im Jahr 1957.

Es ging ihm darum zu revoltieren, ohne sich für ideologische Utopien vereinnahmen zu lassen: Albert Camus wurde zu Lebzeiten von der linken Intelligenz verrissen, doch heute ist sein Antitotalitarismus moderner denn je. An diesem Donnerstag vor 100 Jahren wurde der Nobel-Preisträger geboren.

Widerstand gegen totalitäre Strukturen, gegen Revolutionsbewegungen und Gesellschaftsentwürfe, die Menschenopfer verlangen, und Revolte gegen eine absurde Welt: Der französische Schriftsteller Albert Camus suchte in seinen Werken nach moralischen Grundsätzen und Positionen, die 100 Jahre nach seiner Geburt mehr denn je den Zeitgeist treffen.

Zum 100. Geburtstag von Camus überschwemmen Publikationen zu seinem Werk und Leben den Markt. Allein der französische Verlag Gallimard veröffentlichte 22 Camus-Titel.

Der mit 46 Jahren bei einem Autounfall tödlich verunglückte Autor gehört mit Jean-Paul Sartre zu den Hauptvertretern des Existenzialismus. Er hat Essays, Romane und Theaterstücke geschrieben, darunter "Der Fremde", "Der Mythos des Sisyphos", "Die Pest", "Die Gerechten" und "Der Mensch in der Revolte", eines seiner letzten Werke.

Für Camus ist der Mensch das Maß aller Dinge. "Je me revolte, donc nous sommes" (Ich protestiere, also sind wir), steht in "Der Mensch in der Revolte". Die ersten Seiten des Werkes hat Camus in der Zeit der deutschen Okkupation geschrieben. Es besteht aus einer Sammlung philosophisch-politischer Essays, in denen er unter anderem die großen politischen Utopien für den Tod von Millionen von Menschen verantwortlich macht. Camus' Revolte ist das Aufbegehren des Einzelnen gegen ungerechte Bedingungen der menschlichen Existenz im ideologiefreien Raum.

Das Gefühl des Absurden

In den vergangenen Monaten haben wichtige Ereignisse illustriert, wie modern seine Haltung wieder ist. In New York, Berlin, London, Madrid und Lissabon gingen vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise Hunderttausende auf die Straße.

Die Occupy-Bewegung ist eine Revolte im Sinne Camus'. "Sie folgt keiner neuen Ideologie, keiner Geschichtsutopie, sie weiß nicht unbedingt, wo das, was sie heute tut, enden wird. Das ist diese offene und freie Revolte, von der Camus in seinem "Der Mensch in der Revolte' gesprochen hat", sagt die Literaturkritikerin Iris Radisch.

Die Zeit-Feuilletonistin hat sich mit dem Schriftsteller intensiv in der von ihr vor wenigen Wochen erschienenen Biografie "Camus. Das Ideal der Einfachheit" auseinandergesetzt.