Zukunft von Bibliotheken Lest nicht, begegnet euch!

Bücher lesen, sich treffen, arbeiten - all das will die Bibliothek von Helsinki den Besuchern von Dezember 2018 an bieten. Und mehr.

(Foto: http://keskustakirjasto.fi)

Bibliotheken sind der ideale Ort des 21. Jahrhunderts - aber nur, wenn sie mehr sind als reine Bücheraufbewahrungsorte.

Von Carolin Gasteiger

In einer Ecke, gleich beim Eingang, inszenieren zwei ältere Männer und eine Dame das perfekte Klischee-Symbolbild für den Begriff "Bibliotheken". Im Tweedsakko sitzen sie eingepfercht zwischen Aufzugschacht und Treppenhaus, die Lesebrillen auf den Nasen, die Zeitungen in den Händen. Mehr Inspektion als Lektüre.

Man hat sich das im Vorurteilshirn ja genau so ausgemalt, als man an einem Winternachmittag in der Stadtbibliothek im Münchner Gasteig vorbeischaut: In Bibliotheken trifft man auf älteres, weißes Bildungsbürgertum. Ein Nischenpublikum, vom Aussterben bedroht. Letzte Bewohner eines ohnehin sterbenden Biotops. Wenn jeder im Smartphone recherchieren kann, wer braucht dann noch Bibliotheken?

Aber das ist die falsche Frage. Eine bessere: Wie sollen Bibliotheken künftig aussehen? Eine realistischere: Wie nicht? Im Gasteig etwa stehen unbequeme Stühle verloren auf dem grauen Teppich. Kaffee gibt es im Pappbecher, an einer Säule steht ein Automat. In den Stadtteil-Filialen ist es nicht viel einladender. In einer versperren kurz nach dem Betreten grün lackierte Stahlregale die Sicht. Die Rubriknamen der Bücher - Philosophie, Religion, Autoren A-Z - stehen auf ausgedruckten Papierzetteln. In vielen Regalen klaffen große Lücken. Manche stehen leer an der Wand, als wollten sie in den Arm genommen werden. Es gibt schließlich wenig, das so traurig, nutzlos und bemitleidenswert aussieht wie ein leeres Regal in einem großen Raum.

Wie sich Bibliotheken für die Zukunft wappnen

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Dabei suchen - so paradox das klingt - immer weniger Menschen in einer Bibliothek nach Büchern. Der deutschen Bibliotheks-Statistik zufolge gehen die Ausleihen gedruckter Bücher in deutschen Bibliotheken kontinuierlich zurück (von 219 Millionen Mal im Jahr 2010 auf 193 Millionen Mal 2016). Die Ausleihe von E-Books steigt dagegen kontinuierlich. Allerdings braucht es für E-Books keine meterhohen Regale mehr.

Menschen suchen etwas anderes in der Bibliothek: einen Ort, an dem sie nicht nur Wissen finden, sondern auch Unterhaltung, Orientierung, Austausch. Sie wollen kostenlos im Internet surfen, sich verabreden, vielleicht eine Lesung besuchen, Diskussionsrunden verfolgen oder einfach nur Zeit totschlagen. Freiberufler können in Bibliotheken Arbeitsplätze finden, Geflüchtete kostenloses WLan und einen Aufenthaltsort, für den in überfüllten Notunterkünften oft kein Platz ist. Aber nicht nur Geflüchtete brauchen so einen Raum. Die Soziologie kennt den Begriff des "Dritten Ortes". Öffentliche Plätze, die neben der eigenen Wohnung (erster Ort) und dem Arbeitsplatz (zweiter Ort) aufgesucht werden. Cafés, Vereine, Konzertsäle. Und Bibliotheken.

Ray Oldenburg, auf den der Begriff zurückgeht, definiert "Dritte Orte" als "homes away from home' where unrelated people relate", ein Zuhause fern der eigenen Wohnung, an dem nicht verwandte Menschen zueinander in Beziehung treten. Unverbindliche Stätten der Begegnung also. Dritte Orte seien wichtig, um dem schwindenden Gemeinsinn in den modernen Gesellschaften entgegenzuarbeiten, erläutert Michael Knoche im Deutschlandfunk. Allerdings bezieht Oldenburg seine Definition ausschließlich auf kommerzielle Orte - Friseursalons, Pubs, Cafés.

Apple hat das schon erkannt. Natürlich. Deshalb kündigte der Konzern kürzlich an, seine Läden zu sogenannten "town squares" auszubauen, in denen Menschen nicht nur konsumieren, sondern sich auch aufhalten sollen. Manager können dort Workshops abhalten, Interessierte können deren Vorträge verfolgen. Eine Art Parallelöffentlichkeit technikaffiner Apple-Jünger, die sich auch bald in Europa etablieren könnte. Anders gesagt: Volksaustausch unter einem Markenlogo.