Konzerne, die "Menschen mit derselben Kaltblütigkeit behandeln wie die Tiere in ihren Schlachthäusern"; Privatdetektive und Spitzel, die die Patentrechte des Saatgut-Giganten Monsanto unter Farmern mit Stasi-Methoden durchsetzen; Illegale, die rechtlos in den Fleischfabriken ackern, bis sie - sofern es die Produktionsabläufe zulassen - von der Einwanderungsbehörde deportiert werden: all das erinnert fatal an Upton Sinclairs berühmten Roman "The Jungle" von 1906, in dem die horrenden Zustände in den Chicagoer Schlachthöfen dokumentiert sind.
Konzerne, die "Menschen mit derselben Kaltblütigkeit behandeln wie die Tiere in ihren Schlachthäusern": Der Film "Food Inc." stellt die Zustände der Nahrungsmittelinsutrie in den USA in Frage. (© Foto: dpa)
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Sinclairs Beschreibungen der unmenschlichen Arbeitsbedingungen trafen damals auf ebenso taube Ohren wie seine Aufrufe zum sozialistischen Umsturz. Doch seine Berichte über TBC-infiziertes Schlachtvieh und Arbeiter, die zu Corned Beef zermahlen wurden, zwangen Präsident Theodore Roosevelt, eine Reform der Fleischindustrie zu initiieren.
Essen aus der Traumfabrik
Auch Pollan prangert die Allianz von Industrie und Politik auf Kosten ahnungsloser Esser an. Doch die Geschichte ist komplexer, wie er in seinem neuesten Buch "In Defense of Food" ("Lebens-Mittel", Goldmann Verlag München 2009, 7,99 Euro) schreibt. Weil viele Amerikaner ihre Ernährungsgewohnheiten in der Neuen Welt aufgaben, hatte das Land von Anfang an ein unsicheres Verhältnis zum Essen.
Dieser Umstand, gemeinsam mit einem unerschütterlichen Fortschrittsglauben, trug dazu bei, dass statt Müttern und Großmüttern bald Biologen und Mediziner zu den Autoritäten in Sachen Ernährung wurden. Nicht um gute Küche ging es diesen jedoch, sondern um die Gesundheit des Einzelnen und der Nation, und wie sie sich durch die richtige Ernährung verbessern lässt - eine Idee, die natürlich weit in die Tiefen europäischer Humanwissenschaften und ihrer Reform- und Optimierungsutopien zurückreicht.
Essen war nach diesem radikalen Paradigmenwechsels zum bloßen Träger von Nährstoffen reduziert. Doch welche Nahrungsmittel gesund sind, welche schädlich, weiß bis heute niemand so genau. Die Ernährungs-Doktrin galt jeweils ein paar Jahre, dann wurde sie durch eine neue abgelöst. Mal war Fett, mal waren Kohlehydrate Gift. Dann hieß es, zu viel Proteine seien tödlich. Ungesättigte Fettsäuren, Vitamine und Antioxidationsmittel wurden empfohlen, dann wieder vor ihnen gewarnt.
Der Nahrungsmittelindustrie öffnete die nie zur Ruhe kommende Debatte eine willkommene Bresche. Der Bauer war zum bloßen Zulieferer für Rohmaterial degradiert, Ess- und Kochtraditionen gerieten in Vergessenheit, und für jede neue Essmode schuf die Industrie neue Nahrungsmittel: fettfreien Joghurt, Cola ohne Zucker, Corn Flakes, die dünn machen, Schinken aus Mais, Käse aus Soja. Bis das Redesign auch der schlichtesten unter den 40 000 Produkten im durchschnittlichen amerikanischen Supermarkt zur Regel wurde.
"Das meiste von dem, was wir heute konsumieren, lässt sich strenggenommen gar nicht mehr als Essen bezeichnen", so Pollan. Er beschreibt Amerikas Nahrungsindustrie als eine Art zweite Traumfabrik, die mit den richtigen Geschmacks- und Farbstoffen, mit täuschend echter Konsistenz und mit dem Werbezierat aus idyllischen Farmen und Rindern im Präriegras eine Fiktion vom Essen verkauft, die mit der Realität des Produkts nicht das geringste zu tun hat.
Wie Geiseln in monströsen Körpern
Die Folgen lassen sich an Millionen von Amerikanern beobachten, die intellektuell damit überfordert sind, die Täuschungs- und Verführungsstrategien zu durchschauen, oder sich die gesünderen Alternativen nicht leisten können. Sie leben wie Geiseln in ihren monströsen Körpern. Doch auch die Dünnen sind betroffen - zumindest psychologisch. Essen ist nirgends so sehr wie in den USA zu einem Feld der Verwirrung, Neurosen und Konflikte geworden.
Die positive Konsequenz daraus ist ein phänomenaler Boom der Biobranche in den USA, den auch "Food Inc." euphorisch feiert: Farmer aus Pennsylvania verkaufen in Manhattan Äpfel, Quark und Eier. "Locavores" eröffnen Restaurants, die ausschließlich Essen aus einem Umkreis von 150 Meilen verwenden; und Bio-Supermarktketten wie Whole Foods oder Trader Joe's (letztere gehört den deutschen Aldi-Brüdern) expandieren mit atemberaubender Geschwindigkeit.
Innerhalb der Biobewegung toben die auch in Europa bekannten Konflikte um die richtige Mischung aus Pragmatik und Orthodoxie nur um so heftiger. Auch dieser Weg führt also nicht zu der Entspanntheit, mit der in Ländern wie Frankreich oder Italien oft noch heute gut und gesund gegessen wird. Michael Pollan versucht deshalb, mit dem denkbar einfachsten Rat auszuhelfen: "Iss Essen", schreibt er. Also keine der gentechnisch oder chemisch erzeugten Ersatzprodukte. "Nicht zu viel. Vor allem Pflanzen."
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(SZ vom 25.6.2009/rus)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
Typisch deutsch. Nehmt doch das Leben etwas leichter. Schon vergessen?
"Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht."
Ach es ist doch immer toll, zu lesen, wie schlecht es doch in der Ferne ist. Dabei vergisst mancher gern, was hier los ist.
Natürlich gibt es an der Kernaussage des Berichts nichts auszusetzen. Aber stilistisch ist er schon ein starkes Stück:
" Die Folgen lassen sich an Millionen von Amerikanern beobachten, die intellektuell damit überfordert sind, die Täuschungs- und Verführungsstrategien zu durchschauen, oder sich die gesünderen Alternativen nicht leisten können. Sie leben wie Geiseln in ihren monströsen Körpern."
In einem Satz: Amis sind dumm und fett. So etwas liest man gern im kulturell ja so überlegenen Europa, nicht war, besonders in Deutschland.
Glaubt der Autor etwas es handele sich um ein rein US-amerikanisches Phänomen? Gammelfleisch, BSE schon vergessen?
Zum Vergleich: Der deutsche Durchschnittshaushalt gibt 11% für Essen und Trinken aus, der amerikanische 13%. Daraus folgt: die Kultur des Billigessens kennt keine Grenzen.
Ja, leider.
Ja. Es ist möglich. Aber wer klärt die Menschen darüber auf? Wer zeigt es ihnen? Ich ziehe selbst Gemüse usw., aber viele haben die Möglichkeiten oder die Kenntnisse darüber nicht. Im Fernsehen sieht man Sendungen in denen Warenkörbe zusammengestellt werden, aber die Auswahlkriterien dabei sind andere als ihre. Ich habe bisher noch keine Sendung gesehen in der es darum ging, billig UND gesund zu leben. Den Menschen wird suggeriert BIO = gesund = teuer, der Rest = ungesund = billig. Und nachdem letztens die EU die Grenzwerte für "konventionelle" Lebensmittel raufgesetzt hat, schleicht sich bei mir das Gefühl ein, man arbeitet hier auf eine zwei Klassen Ernährung hin. Mag sein dass ich mich irre, aber der Eindruck kann dabei entstehen.
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