TV: "Die Bombe" mit Claus Kleber 8835,30 Euro pro Minute

Solche Dokumentationen sind Ausflüge in die große Welt. Heute Besuch mit Steinmeier bei Putin, morgen verspricht der ehemalige Chef des pakistanischen Nachrichtendienstes, dass Nuklearwaffen nicht in die falschen Hände geraten werden, und dann sagt Obama den Interviewtermin wirklich nur aus Zeitgründen ab. Sorry. Und Helmut Schmidt erklärt die Zusammenhänge überhaupt. Guter Stoff, gute Regie, ungewöhnliche Drehorte und ein ewig wichtiges Thema, das dank Obamas frischer Initiative zur Begrenzung von Atomwaffen auch nicht so erratisch aus dem Programm herausragt. Niemand kann auf die Idee kommen, beim ZDF hätte einer gedacht, der Kleber müsse jetzt unbedingt mal was ganz Großes machen.

Die Macht der Nacht

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Dabei war es ja genau so, als ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender im Herbst 2007 nächtens mit dem Moderator zusammenhockte und mit ihm an Filmideen bastelte. Brender, der selbst mal Korrespondent war, findet, dass Moderatoren immer wieder ins Weite müssen, damit ihnen die Enge nicht zu eng wird und sie besser verstehen, worüber sie reden. "Strategie 21" war der dröge Arbeitstitel. Daraus wurde "Die Bombe".

Mit dem Produzenten, der NDR-Tochter Cinecentrum GmbH in Hamburg, hat das ZDF für die "Bombe Teil 1-3" einen Vertrag über 1 192 765,20 Euro plus einiger Extras geschlossen. Das ist ein Minutenpreis von mindestens 8835,30 Euro, also wirklich de luxe, und samt der vereinbarten Beistellungen hat das Projekt eine außergewöhnlich exklusive und privilegierte Behandlung erfahren. Aufwendungen für Dokumentationen können nicht nach Minutenpreisen verglichen werden, aber "Die Bombe" liegt vereinfacht gesagt, ganz weit oben. Im Umkehrschluss heißt das: Dokumentationen werden in der Regel zu schlecht bezahlt.

Kleber verdient fast dreimal so viel wie Buhrow

Das Projekt ist auch ein Zeichen der ganz besonderen Wertschätzung, die Kleber mittlerweile beim ZDF genießt, der rote Teppich gewissermaßen. Als er 2003 nach 15 Jahren Korrespondententätigkeit für Das Erste in den USA und nach ein paar Monaten in London auf den Moderatorensessel beim Zweiten wechselte, fragten sich die Experten, warum er nicht mal Ulrich Wickert bei den "Tagesthemen" nachfolgen würde. Der NDR-Korrespondent galt als natürlicher Nachfolger, aber die ARD konnte ihm nicht zusichern, dass er in den Jahren bis zum Wechsel Filme aus der weiten Welt machen dürfe. Die ARD ist ein föderalistisches Monstrum mit vielen angeblich naturwüchsigen Zuständigkeiten. Kleber ging zum ZDF, obwohl ein Töchterchen aus Protest ein Blatt Papier nahm, darauf eine Kuh malte und durchstrich: Wir gehen nicht in das Kuhdorf Mainz, sollte das heißen. So rückte WDR-Mitarbeiter Tom Buhrow auf Wickerts Platz. Es wäre unfair, bei dieser Gelegenheit Buhrow und Kleber miteinander zu vergleichen. Nur so viel: Kleber hat fast das Dreifache des Gehalts von Buhrow.

Merkwürdigerweise haben Moderatoren, egal wie viel sie verdienen, fast immer ein tolles Image, obwohl das Publikum normale Medienleute bei Umfragen ganz unten ansiedelt - bei den Wirten, den Politikern und neuerdings auch den Managern. Dabei ist laut Duden das Synonym für Moderator der Conferencier. In der Regel lesen Moderatoren selbstgeschriebene knappe Texte möglichst fehlerfrei von einem Gerät ab, das Teleprompter heißt, aber wegen der Überleitungssätze gelten die ganz Großen dieser Zunft, also Männer wie Hanns Joachim Friedrichs, Wolf von Lojewski oder Uli Wickert, bei ihren jeweiligen Gemeinden als Weltendeuter.

Kleber, der zuweilen erklärt, er sei "kein Politikjournalist", er spiele lediglich einen im Fernsehen", ist derzeit der bedeutendste deutsche TV-Weltendeuter, was schon daran zu erkennen ist, dass zwar seine Sakkos oft erbärmlich schlecht sitzen, aber dieser Umstand nichts an seiner Beliebtheit ändert. Es kann auch passieren, wie neulich in einem Café, dass sich eine Dame an seinen Tisch bewegt und sagt: "Nehmen Sie mir's nicht übel, aber ich wollte mal in diese Augen gucken." Die sind echt blau. Wenn Wickert der Nation keine geruhsame Nacht wünschte, erhielt er einst sogar von Professoren Beschwerden. Niemand ist so merkwürdig wie der Zuschauer.

Talent, Begabung und blaue Augen

Kleber ist der geworden, der er ist, aufgrund seiner Begabung, seiner Tüchtigkeit, seines Blaus und seiner immer wieder mal aufflackernden Arroganz. Und weil er ein lukratives Angebot abgelehnt hat. Im Herbst 2007 bekam er die Offerte, Chefredakteur des Spiegel zu werden. Beim Bewerbungsgespräch hatte er Spiegel-Artikel dabei, die ihm nicht gefallen hatten. Nachvollziehbar und besser strukturiert müssten die Geschichten sein. Welche Interessen hinter welcher Geschichte stünden, müsse der Leser erfahren. Er empfahl das Ende der Debatte, wie das Magazin wieder Leitmedium werden könne und riet, es mal mit besserem Journalismus zu versuchen.

Kurz darauf wurde gemeldet, Kleber werde Spiegel-Chefredakteur. Beim ZDF haben sie sich dann überschlagen, um diesen Weggang zu verhindern. Kleber blieb. Das war vermutlich gut für ihn, fürs ZDF und wohl auch für den Spiegel, der nach Klebers Beobachtung mit der neuen Führung "handwerklich deutlich besser geworden ist".

Kleber wurde Erster Moderator des ZDF und bekam einen neuen Vertrag. Damit er deutlich mehr verdienen und in die Nähe des Gehalts eines Spiegel-Chefredakteurs gelangen konnte, musste er freier Mitarbeiter werden. Er erhält heute rund 480 000 Euro jährlich. Nur zum Vergleich: Buhrow wird auf etwa 180 000 Euro geschätzt. Klebers Kollegin Slomka soll angeblich gut 280 000 Euro bekommen. Kleber ist der bestbezahlte Moderator in der Geschichte deutscher Nachrichtensendungen und verdient mehr als der ZDF-Intendant.

Verglichen mit den Gehältern bei der BBC, deren Top-Star Jonathan Ross circa 6,9 Millionen Euro pro Jahr kassiert oder auch dem Gehalt des Generaldirektors der BBC, das bei etwa 970 000 Euro im Jahr liegt, ist Klebers Verdienst unspektakulär. ZDF-Unterhalter wie Thomas Gottschalk bringen es auf rund vier Millionen Euro pro Jahr.

Kleber, der Erste Moderator, ist der Gottschalk des Informationsprogramms, und dennoch ist seine Rolle etwas kurios: Als Freier darf er die Redaktion nicht mehr leiten, er kann beispielsweise laut Verwaltungsordnung des ZDF keine Spesenabrechnung der Kollegen mehr unterzeichnen. Kleber, Vater zweier Töchter, hat formal nichts mehr zu sagen und doch dreht sich alles um ihn. Der opulente Vertrag für den dreiteiligen Bomben-Film enthält keinen Passus über Zahlungen an Kleber. Angeblich soll über die Honorierung der Sonderschicht erst in den kommenden Wochen, nach Ausstrahlung , verhandelt werden. Für frühere Dokumentationen hat er zwischen 10 000 und 20 000 Euro kassiert. Ein bisschen mehr wird es schon werden, aber viel mehr auf keinen Fall, beteuern mehrere Quellen. Die Ehre, der Spaß.

Gibt es so etwas wirklich? Der alte Fuhrmann Scholl-Latour, dessen Dasein echtes Dortsein war, ist in Geldgeschichten zupackender gewesen. Er weiß noch heute, wie man die Kasse zum Brummen bringt.

Die Bombe, Teil 1, "Rückkehr der atomaren Bedrohung", ZDF, 22.45 Uhr. - Teil 2 ("Atomwaffen außer Kontrolle") an diesem Donnerstag, 22.45 Uhr. - Teil 3 ("Wege aus dem Wahnsinn") an diesem Sonntag, 23.30 Uhr.