Türkische Chronik (VIII) "Bedauerlich, dass wir Journalisten das Hauptthema der Nachrichten sind"

Yavuz Baydar wird oft gefragt, warum er vorwiegend über Journalisten wie Can Dündar (l.) oder Erdem Gül berichtet. Seine Antwort: weil sie das Hauptziel sind.

(Foto: dpa)

Aber sie sind in der Türkei nun mal das Haupthindernis auf dem Weg zu einer autokratischen Herrschaft. Ist die EU sich bewusst, dass bald eine hohe Mauer das Land von der Außenwelt trennen wird?

Gastbeitrag von Yavuz Baydar

Konnte Ayşe Yıldırım spüren, dass ihre Prophezeiung sich gegen sie wenden würde? "Der Reisepass in deinen Händen ist vielleicht schon ungültig", hatte meine Kollegin vor zwei Wochen in der Tageszeitung Cumhuriyet geschrieben und warnte damit vor der Einschränkung der Reisefreiheit.

"Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Doktorandenstipendium im Ausland erhalten. Sie haben die Möglichkeit auf eine bessere Ausbildung und können Ihr Leben ändern. Sie kaufen eine Fahrkarte, verabschieden sich von Ihrer Familie und fahren zum Flughafen. Sie stellen sich für die Passkontrolle an, Zukunftspläne wirbeln in Ihrem Kopf herum. Sie geben dem Polizeibeamten Ihren Pass. Er gibt Ihren Namen in den Computer ein und sagt: 'Tut mir leid, Ihr Pass wurde für ungültig erklärt. Wir müssen ihn konfiszieren.'"

Zur Person

Yavuz Baydar ist kein Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, sondern ein türkischer Gastautor. Er wurde 1956 geboren und ist Journalist, Blogger und Mitgründer von P 24, einer unabhängigen Medienplattform in Istanbul. Für seine Arbeit wurde er 2014 mit dem European Press Prize ausgezeichnet. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Für die SZ schreibt regelmäßig Gastbeiträge. Deutsch von Jonathan Horstmann.

Leider gibt es solche Szenen fast täglich, Szenen, die deutlich machen, wie die Türkei seit dem Putschversuch im Juli zu einer "Republik der Angst" wurde und nicht auf dem Rückweg zur Demokratie ist, wie Erdoğans Gefolgsmänner behaupten.

In Berufung auf Interviews mit zwei Vertretern der Opposition führte Yıldırım weitere Beispiele für die schiere Absurdität der Konfiszierung von Reisepässen an, die sich ausschließlich gegen türkische Dissidenten richtet. Sie zitierte Filiz Kerestecioğlu, einen Vertreter der pro-kurdischen HDP, der von einer Wissenschaftlerin berichtet, die ihren Reisepass vorzeigt und vom Beamten folgende Antwort bekommt: "Es tut mir leid, aber Ihr Reisepass ist als verloren gemeldet." Sie entgegnet verblüfft: "Aber ich habe Ihnen meinen Pass doch gerade gegeben und ihn auch nicht als verloren gemeldet." Der Beamte antwortet: "Ich muss das Dokument konfiszieren" und fügt mit einem Lächeln hinzu: "Sie können jederzeit einen neuen beantragen."

Yıldırım weiter: "Die AKP-Regierung versteckt sich hinter dem Ausnahmezustand und bricht das Gesetz. Sie kappt die Reisefreiheit von Personen, gegen die ermittelt wird und Gerichtsverfahren anhängig sind. Das Gesetz ist in der Türkei außer Kraft, oder sagen wir so: Die Türkei ist ein Land, in dem nicht Reisepässe verloren gehen, sondern die Rechtsstaatlichkeit."

Meine Kollegin konnte das vor ein paar Tagen selbst erfahren und zeigen, wie genau ihre Beschreibung dieses kafkaesken Problems war. Ayşe und ihr Ehemann Celal Başlangıç, ein erfahrener Redakteur im Bereich des Kurdenkonflikts, wurden auf dem Weg zu einer Konferenz in Brüssel am Flughafen Istanbul abgefangen, ihre Reisepässe wurden ohne Erklärung konfisziert.

Berichte über Zensur fallen - ebenso wie andere regierungskritische Seiten - der Zensur zum Opfer

Ich werde manchmal gefragt, warum meine Geschichten aus der Türkei sich immer um Journalisten und Wissenschaftler drehen. Was mit ihnen in diesen dunklen Zeiten passiert, verdeutlicht wie die freien und unabhängigen Köpfe in der Türkei gesehen und behandelt werden. Es ist bedauerlich, dass wir Journalisten das Hauptthema der Nachrichten sind, aber es führt kein Weg daran vorbei. Der Grund? Sie sind das Hauptziel. Denn wenn man versucht, eine autokratische Herrschaft einzurichten, muss zuerst denjenigen, denen daran gelegen ist, die Wahrheit zu erzählen, die Zunge herausgeschnitten und Augen und Ohren verschlossen werden.

Wie kafkaesk das dann endet, kann man etwa anhand der unabhängigen Nachrichtenwebseite Diken sehen.In meiner letzten Chronik hatte ich vom Hackerangriff auf den Mailaccount des türkischen Energieministers, Berat Albayrak, erzählt, Erdoğans Schwiegersohn. Während die obrigkeitshörigen Medien sich selbst zensierte, veröffentlichte Diken Teile der Emails, in denen es um Ölgeschäfte des Ministers mit dem Irak geht. Das Stück wurde innerhalb von Stunden zensiert. Diken postete daraufhin einen Bericht über die Zensur. Auch dieser wurde zensiert.

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