"Star Wars: Die letzten Jedi" im Kino Das Universum ist zu klein für männliche Egotrips

Schießwütiger Flieger-Junge: Rebellenpilot Poe Dameron (Oscar Isaac).

(Foto: Jonathan Olley; Lucasfilm Ltd. & ™, All Rights Reserved / Jonathan Olley)

"Star Wars: Die letzten Jedi" ist der mutigste "Star Wars"-Film. Weil er mit den Sehgewohnheiten einer ganzen Generation bricht.

Von Julian Dörr

Achtung, dieser Text verrät Details aus der Handlung von "Star Wars: Episode VIII - Die letzten Jedi".

Es gibt da diesen einen Satz in der neuen "Star Wars"-Episode "Die letzten Jedi", er fällt ungefähr in der Mitte des Films, es steht da gerade sehr arg um die eh schon in großer Bedrängnis befindliche Flotte der Rebellen, weshalb man diesen einen Satz tatsächlich leicht überhören könnte. Was sehr schade wäre, man würde dann doch eine Zeitenwende im modernen Blockbuster-Kino verpassen. Der Satz geht so: "Ich kenne schießwütige Flieger-Jungs wie dich - und du bist das Letzte, was wir jetzt gerade gebrauchen können." Der schießwütige Flieger-Junge, das ist der Rebellenpilot Poe Dameron, herrlich markig-süß gespielt von Oscar Isaac, Berufsheißsporn und so etwas wie der Ersatz-Han-Solo der neuen "Star Wars"-Filme. Dieser Dameron hat zu Beginn des Films eigenmächtig einen Angriff auf ein Riesenraumschiff der fiesen "First Order" geflogen. Das Riesenraumschiff wurde zerstört. Aber nur unter größten Verlusten.

Nun stürmt Poe Dameron also in der dunkelsten Stunde in der Mitte des Films auf die Brücke, um Admiral Holdo (Laura Dern) zu konfrontieren, die gerade das Kommando von der im Kampf verwundeten Prinzessin Leia übernommen hat. Dameron will Taten sehen, kämpfen, zurückschlagen, irgendwas. Hauptsache Action. Und Admiral Holdo? Wirft ihm diesen einen Satz zurück. Dieser großartige Satz, der eigentlich sagt: Junge, du bist nicht Teil der Lösung. Du bist das Problem.

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Seit gut einer Woche läuft "Star Wars: Die letzten Jedi" in den Kinos, es zeichnet sich ab: ein Riesenerfolg. Verdient. Denn "Die letzten Jedi" ist ein mutiger Film, mutiger als der große Neustart "Das Erwachen der Macht". Mutiger vielleicht als jeder andere Film dieses Giganten-Franchise. "Das Erwachen der Macht" wurde vor zwei Jahren sehr gelobt für seine starke weibliche Protagonistin, dafür, dass er als erster "Star Wars"-Film überhaupt den Bechdel-Test bestand, der beurteilt, wie stereotypisch Frauen-Charaktere in Filmen dargestellt werden. "Die letzten Jedi" geht nun noch einen großen Schritt weiter. Und bricht ganz radikal mit einer der vertrautesten und bedeutendsten Figuren der Filmgeschichte: dem männlichen Springinsfeld-Helden.

Ja, "Die letzten Jedi" ist ein feministischer Film

Poe Dameron steht sinnbildlich für diesen Archetypus. Er ist mutig und impulsiv. Er löst Konflikte, indem er sie anpackt. Er ist ein Macher, kein Zweifler. Poe Dameron ist das männliche Alt-Ideal, ein liebenswerter Draufgänger. "Die letzten Jedi" dekonstruiert diesen Actionhelden, indem er ihn erst aufbaut - und dann kläglich scheitern lässt. Ein großartiger dramaturgischer Kniff, der die Zuschauer bei ihren Sehgewohnheiten packt und auf die falsche Fährte führt. Denn die Denkrichtung ist klar: Da hat diese Frau das Kommando geerbt, die mit dieser Position völlig überfordert ist. Die zu schwach ist, um eine Entscheidung zu treffen. Es braucht einen starken Mann. Weil es bislang eben immer einen starken Mann gebraucht hat. Und dann nimmt der starke Mann die Dinge selbst in die Hand, verstößt gegen direkte Befehle - und verkackt es so richtig. Und die schwache Frau, so stellt sich auf einmal heraus, verfolgt schon die ganze Zeit einen großartigen Plan.

Der Konflikt zwischen Admiral Holdo und Poe Dameron, er steht zwar nicht im Zentrum der Geschichte, aber in ihm erreicht die "Star Wars"-Saga ihren feministischen Höhepunkt. Ja, "Die letzten Jedi" ist ein feministischer Film, er erzählt von einem Universum, in dem Männer und Frauen gleichberechtigt Seite an Seite stehen. Seite an Seite kämpfen. Und auch Seite an Seite sterben. Der Film selbst vollführt diesen Akt der Gleichberechtigung ganz beiläufig und ganz selbstverständlich.

Der Schock des Betrachters rührt vor allem daher, dass man das ja jahrzehntelang anders gesehen hat in den großen Filmen Hollywoods. Weshalb es nun so eine herzerwärmende Freude ist, zu sehen, wie Frauen die Führungsriege der "Resistance" dominieren. Wie eine Frau die Fliegerstaffel der Rebellen anführt. Wie eine Frau die Bomben zündet, die den riesigen Sternenkreuzer der "First Order" zerbersten lassen - und dabei selbst zerfetzt wird.

Regisseur Rian Johnson hat aus "Die letzten Jedi" einen radikal demokratischen Film gemacht. Sicherlich, "Star Wars" erzählte schon immer die Geschichte einer idealistischen Rebellenallianz, die sich gegen ein faschistisches Imperium auflehnt. Dieser Konflikt wurde aber immer wieder zur Staffage einer großen Familientragödie degradiert. Nun hat sich der Fokus verschoben. Es geht in "Star Wars" nicht mehr um die Skywalkers. "Die letzten Jedi" ist eine Geschichte über den Widerstand, über den Kampf der Unterdrückten (selbst über Tierrechte denkt dieser Film nach!) und über die Macht des Kollektivs. Männliche Ego-Einzelgänger haben darin keinen Platz mehr.

Die "Star Wars"-Saga in ihrer dritten Leinwandinkarnation erlebt gerade ihre dritte Teenager-Generation. Und man muss an dieser Stelle auch das einmal würdigen: Welch mutige und progressive Narrationen diese Blockbuster einem Heranwachsenden bieten. "Das Erwachen der Macht" hat starke, vielschichtige Frauencharaktere geschaffen, mit denen sich Mädchen und ja, auch Jungs, identifizieren können. "Die letzten Jedi" arbeitet sich nun an überholten Vorstellungen von Männlichkeit und alten Rollenmustern ab. Und zeigt gerade seinen jungen männlichen Zuschauern, dass eine Sache noch heldenhafter ist als sich alleine durchzuboxen: sich zusammen durchboxen.

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