Raubkunst von Max Pechstein Es geht um mehr als um Kunstgegenstände

"Der Tanz" war Teil der Heymann-Sammlung, der wohl größten und wichtigsten Privatsammlung von Pechstein-Gemälden überhaupt.

(Foto: Privat / VG-Bildkunst, Bonn 2018)

Als die Familie Heymann vor den Nazis fliehen musste, ließ sie eine große Sammlung von Werken des Künstlers Max Pechstein zurück. Auf der Suche nach den Bildern entstand eine einzigartige Freundschaft.

Von Nicolas Richter

Das Gemälde "Der Tanz", ein wandfüllendes Werk des Expressionisten Max Pechstein, ist seit mehr als 70 Jahren verschollen. In den 1930er Jahren hing es im Musikzimmer der jüdischen Berliner Familie Heymann. Als die Heymanns vor den Nazis fliehen mussten und nach Amerika emigrierten, ließen sie das Werk in einem Lagerhaus zurück. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs machte sich Hans Heymann Senior von den USA aus auf die Suche nach seinen verlorenen Kunstschätzen. Seiner damals angefertigten Liste zufolge handelt es sich um 41 Gemälde und 120 Aquarelle und Zeichnungen Pechsteins. Die Kunstexpertin Aya Soika nennt es die "größte und wichtigste Privatsammlung von Pechstein-Gemälden" überhaupt. Die Suche danach dauert bis heute an - mittlerweile in der dritten Generation.

Kendra Sagoff, die amerikanische Enkeltochter des damals ausgewanderten Hans Heymann Senior, geht mit ihrer Geschichte nun zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Sie lebt in der Nähe von Washington und beschreibt, wie zunächst ihr Großvater, dann ihr Vater und schließlich sie selbst nach der spektakulären Sammlung gesucht haben - und bis heute ohne Erfolg geblieben sind.

Die prominentesten Bilder und Zeichnungen der Sammlung Heymann

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Immerhin ist dabei eine enge Freundschaft zur Familie Pechstein entstanden, die einzige Brücke der Heymanns zu ihrer früheren Heimat Deutschland: Zunächst wandte sich Hans Heymann Senior im Jahr 1948 von Amerika aus an den Maler Pechstein, mit der Bitte, ihm bei der Suche zu helfen. Ende der 1970er Jahre dann setzten deren Söhne, Hans Heymann Junior und Max K. Pechstein, diese Suche gemeinsam fort. Heute versuchen wiederum deren Töchter, Kendra Sagoff und Julia Pechstein, die Werke zu finden.

Den Familien geht es um mehr als bloß um Kunstgegenstände

Die Erfolgschancen gelten Experten zufolge nach dieser langen Zeit als gering. Allerdings möchte das für Raubkunst zuständige "Holocaust Claims Processing Office" des Staates New York, das in diesen Fall eingebunden ist, die fehlenden Gemälde noch nicht verloren geben. Aus Sicht der Raubkunstjäger bleibt es zwar ein "Mysterium", was mit den Gemälden passiert ist. "Ob sie den Krieg überlebt haben, ist unklar, aber wir suchen eifrig weiter", erklärt das Amt und fügt hinzu: "Es ist ermutigend, dass mehrere Zeichnungen aus der Sammlung wieder aufgetaucht sind." So ist unlängst ein Pastellbild des Künstlers Max Liebermann aufgetaucht, das einst zu Heymanns Kunstschätzen gehörte. Es ist also zumindest möglich, dass Teile der Sammlung den Krieg überstanden haben.

Aus Sicht des Holocaust Claims Processing Office ist die Geschichte einzigartig. "Das Ungewöhnliche an diesem Fall", erklärt das Amt, "ist die enge persönliche Verbindung der Familien Heymann und Pechstein über drei Generationen, und wie unermüdlich sie daran gearbeitet haben, diese Kunstwerke zu finden".

In ihrer Erzählung verdeutlicht Kendra Sagoff, dass es den beiden Familien immer um viel mehr ging als bloß um Kunstgegenstände. Ihr Großvater Hans Senior hatte seine Sammlung nach seinem gefallenen Bruder getauft, ihr Vater Hans Junior wiederum hatte das Gemälde "Der Tanz" als Kind ins Herz geschlossen. Später entstand die enge Freundschaft zu den Pechsteins. Und als Kendra Sagoff schließlich Julia Pechstein kontaktierte, machten beide eine überraschende Entdeckung...

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Die Brücke

Seit sie in der NS-Zeit verloren gingen, forschen zwei Familien nach 41 Bildern des Expressionisten Max Pechstein, die einst in ihrem Besitz waren. Die eine in Amerika, die andere in Deutschland. Sie wissen: Es geht längst um mehr als um Kunst. Von Nicolas Richter mehr...