Polanskis "Gott des Gemetzels" im Kino Böses kleines Drama

Zwei Paare, ein fieser Streit: "Der Gott des Gemetzels" ist der Theater-Blockbuster der vergangenen Jahre. Roman Polanski hat den Stoff nun verfilmt und inszeniert mit Foster, Winslet, Waltz und Reilly ein brilliantes Scheinheiligenquartett. Es geht um die dünne, sehr dünne Schicht der Zivilisation - und wann sie bricht.

Von Susan Vahabzadeh

Menschenversuche sind auch in der Kunst heikel, und wenn einer ein Szenario anlegt wie ein Laborexperiment, geht das selten gut. Yasmina Rezas Stück "Der Gott des Gemetzels" folgt so einer Versuchsanordnung, einer ganz schlichten gar: Man setze vier Menschen in ein Zimmer und hetze sie aufeinander.

Es beginnt harmlos mit zwei Paaren in einer Wohnung in Brooklyn und der Frage, wieso der Sohn des einen Paares den Jungen des anderen geschlagen hat. Doch sie ist flüchtig, die Zivilisiertheit.

(Foto: dpa)

Es geht um zwei Paare, die sich treffen, um eine Schlägerei zwischen ihren Söhnen zu besprechen, der eine hat dem andern ein paar Zähne ausgeschlagen, und die Schicht Zivilisation, die die Eltern daran hindert, es ihnen gleichzutun, ist recht dünn. Das Resultat hätte steril wirken und den Charme eines Dreisatzes entwickeln können; das war nicht so, das Stück - einer der größten Broadway-Erfolg des vergangenen Jahrzehnts - ist zwar sehr kalkuliert, aber es ist gut kalkuliert, und es ist, auf eine sehr bösartige Weise, wahnsinnig komisch.

Es hat im Grunde nichts schief gehen können, als Roman Polanski beschloss, das Stück zu verfilmen, und es ging auch nichts schief. Es gibt kaum einen anderen, der so perfekt inszeniert wie er, die meisten Schauspieler wissen das, weswegen seine Besetzungen im allgemeinen grandios sind; und das Stück ist eigentlich die ideale Vorlage für Polanski, auch wenn es einem gerade wegen seiner Einheit von Zeit und Ort auf den ersten Blick eher wie ein typischer Haneke-Plot erscheint, bloß mit Humor.

Immer schon war das Gefangensein, das Huis clos, die Restriktion auf einen Ort, der doch keinen Schutz bietet, eine Spezialität von Polanski, der selbst im Ghetto von Lodz aufgewachsen ist - so erging es Catherine Deneuve in "Ekel", 1965, ihm selbst in "Der Mieter", Ewan McGregor im "Ghostwriter" und vor allen natürlich Mia Farrow in "Rosemary's Baby", dem ultimativen Apartmenthorrorfilm.

Wir begegnen den zwei Paaren, die es diesmal erwischt, in einer Wohnung in Brooklyn. Penelope Longstreet (Jodie Foster) reagiert verhalten pikiert, dass die Eltern des kleinen Jungen, der ihren Sohn angegriffen hat, mit ihr um eine Formulierung feilschen. Ihr Kind, finden Nancy (Kate Winslet) und Alan Cowan (Christoph Waltz), sei keineswegs "bewaffnet" gewesen, der Junge habe nur einen Stock dabei gehabt - Alan ist schließlich Anwalt. Klar, pflichten die Longstreets höflich bei, Penelope und ihr Mann Michael (John C.Reilly), und bieten Erfrischungen an. Die Atmosphäre wird trotzdem immer giftiger.

Erst zwischen den Paaren, Alan, ganz arroganter Anwalt, nervt alle mit seinem Handy und seiner Wichtigtuerei und den offensichtlichen legalen Tricksereien, die er am Telefon diskutiert, aber vor allem tut sich da ein finanzieller Graben auf - die Cowans haben eindeutig wesentlich mehr Geld. Dafür, findet Penelope, hat sie die Moral auf ihrer Seite: Ihr Kind wurde schließlich geschlagen, und außerdem schreibt sie Bücher über Darfur. Irgendwann wird auch sie zickig. Michael, der nichts zu verlieren hat außer seinen Minderwertigkeitskomplexen, mischt da schon längst mit. Kate Winslets unendlich weiche Nancy fällt als letzte, nach 45 Minuten, aus mütterlichem Stolz, aber alle vier sind viel schlimmere Schlägertypen als ihre Kinder, und so eskaliert die Unterhaltung mehr und mehr, mit wechselnden Fronten, Frauen gegen Männer, Ehestreitigkeiten und einige Drinks zuviel kommen dazu - und irgendwann kotzt Nancy quer durchs Zimmer.