Mit The Hurt Locker gewinnt eine Frau den Regie-Oscar für den machohaftesten Film der letzten Jahre. Die Siegerinnen der 82. Oscarnacht stehen für einen neuen Geist - nur welchen?
Die Zeit ist gekommen, sagt Barbra Streisand. In die Stille hinein. Da hat sie den Umschlag geöffnet, aber den Namen noch nicht ausgesprochen. Man hört Befriedigung in diesem Satz, auch einen Hauch von Erschöpfung. Hat eben doch eine halbe Ewigkeit gedauert, dieser Kampf für den gleichen Respekt.
Bild vergrößern
Der Größenunterschied stammt nicht allein von den Absätzen: Die 58-jährige Kathryn Bigelow nimmt ihre Oscars von Steve Martin and Alec Baldwin entgegen. (© Foto: afp)
Anzeige
Dann sagt sie den Namen des ersten weiblichen Wesens, das in diesem Moment - endlich! - den Oscar für die Beste Regie gewinnt: Kathryn Bigelow.
Auf der Bühne sieht Bigelow, 58 Jahre alt, dann so strahlend und glamourös und unbezwingbar wie Mitte dreißig aus, dass man sagen muss: Kämpfen kann jung halten. Also doch.
Ein Hauch von Fortschritt weht durch den Saal des Kodak Theatre in Los Angeles gegen Ende der 82. Oscarverleihung. Frau schlägt Mann, aber nicht irgendeinen Mann, sondern James Cameron.
Den König der Welt, der auch mal ihr Ehemann war, und der sie ziehen ließ, lang ist's her. Jetzt sitzt er da mit seinem Milliarden und seinem säuerlichen Grinsen und seinem New-Age-Öko-Monstrum namens "Avatar". Der Narr.
Die neue Härte am Horizont
Frau schlägt den Mann, und ein kleiner, harter, beunruhigender Kriegsfilm namens "The Hurt Locker" schlägt gleich danach auch noch das New-Age-Öko-Monstrum selbst. Als Produzentin bekommt Bigelow einen zweiten Oscar in die Hand gedrückt.
Neben ihr steht Mark Boal, ihr Autor und Mitproduzent, der Stunden vorher schon für sein Drehbuch gewonnen hat. Ein weiterer Co-Produzent fehlt, weil er wegen unerlaubter Werbemails schon Tage vorher aus der Zeremonie verbannt wurde. Längst vergessen jetzt, diese kleinen Pannen.
Die Mitglieder der Oscar-Academy, die den Ausgang des Abend so und nicht anders gewollt haben, senden eine Botschaft aus: Vielen Dank, James Cameron. Für deine nie gesehenen 3-D-Welten und dein untrügliches Zeitgeistgefühl, mit dem du die Massen in ein neues, wunderbares Kinojahrzehnt hineinlockst und die Zukunft des Films vorantreibst.
Aber zu der Frage, was eine wirklich starke Geschichte ist - lautet die Botschaft weiter - möchten wir dann doch eine eigene Meinung entwickeln. Wenn das für die Verhältnisse Hollywoods nicht fortschrittlich ist - was dann?
Man sollte aber, Party hin, Frauenpower her, doch genauer hinsehen. "Hurt Locker" ist schließlich der Film, den praktisch keiner kennt. Hierzulande zum Beispiel lief er im letzten August, 55.000 Besucher kauften eine Karte. "Avatar" steuert, nur zum Vergleich, gerade auf zehn Millionen deutsche Tickets zu.
Deshalb hier eine nicht ganz unwichtige Zusatzinformation: Mit "Hurt Locker" gewinnt eine Frau erstmals den Oscar für Regie, die den machohaftesten Film der letzten Jahre gedreht hat.
Wir sind schon weiter
Es geht, kurz gesagt, um einen Bombenentschärfer des US-Militärs in Bagdad, der mehr Sprengfallen unschädlich gemacht hat als jeder andere Sprengmeister in jedem anderen Krieg. Diesen Oberfeldwebel gibt es. Er ist so real, dass er jetzt sogar auf Gewinnbeteiligung klagt.
Wir wissen nicht, ob er auch genauso radikal alle Befehle, Prozeduren und Vorschriften des Militärs missachtet wie sein filmisches Alter Ego. Ob er genauso süchtig ist nach dem Ticken der Bomben in der Todeszone. Genauso unfähig, den Frieden zuhause mit seinem süßen, zweijährigen Sohn auszuhalten.
So aber zeigt - und feiert - ihn aber Kathryn Bigelow. Zu behaupten, dass sie auch den Krieg selbst feiern würde, ginge zu weit - dazu ist das Geschehen dann doch einen Tick zu sinnlos. Aber die Männer, die dort unten durchkommen, überhöht sie als Renegaten und als naturgeborene Killer, die jede Gesellschaft braucht, die es mit Gotteskriegern aufnehmen will. Gegen Bombenattentäter hilft am Ende keine Rationalität, sondern nur die eigene, hausgemachte Todessehnsucht des Westens.
So kriegerisch fühlt Hollywood gerade? Offensichtlich. Sorry, James Cameron. Aber dieses Ding mit Naturmystik und gewaltfreiem weiblichen Urprinzip - erzähl das den weinerlichen Massen da draußen. Wir sind schon weiter. Wir sehen die neue Härte am Horizont. Und wenn die Männer es nicht mehr kapieren, kapieren es jetzt eben die Frauen.
Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum Christoph Waltz die Ausnahme ist.
Im Video: Der Österreicher Christoph Waltz hat den Oscar als bester Nebendarsteller gewonnen. Der 53-Jährige erhielt die Auszeichnung in der Nacht zum Montag für seine Rolle als charmantzynischer SS-Offizier in Quentin Tarantinos Nazi-Satire "Inglourious Basterds".
Weitere Videos finden Sie hier
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Oscar 2010 Ein Rosenkrieg mit James Cameron als Verlierer 08.03.2010
- Oscar 2010 Waltz, der Goldjunge 08.03.2010
- Ein Treffen mit Jeff Bridges Der Dude, der aus der Sonne kam 08.03.2010
- Oscarverleihung 2010 Eine Frage der Ehrung 07.03.2010
- Interview mit Michael Haneke "Ich will nicht für blöd verkauft werden" 06.03.2010
- Studenten-Oscar Fröhliche Weihnachten 07.05.2010
- Im Kino: The Blind Side Sei ein Gewinner 25.03.2010
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
Hurt Locker ist kein Machofilm, und Avatar kein Softiefilm - sein Protagonist lernt nur von den Eingeborenen, ein noch besserer Krieger zu werden und zieht am Ende als Führer in die Schlacht und killt alles, was sich ihm in den Weg stellt. Avatar ist der kriegslüsterne, wehrsportertüchtigende und eindimensionale Mackerfilm, Hurt Locker dagegen zeigt weinende, angeschlagene, kriegssüchtige, an ihrer Mission verzweifelnde, komplexe Männerfiguren. Hier hat ein Autor einen auf den ersten Blick verblüffenden Aufhänger gefunden - Frauen sind die neuen Machos - und dann mit der Brechstange versucht, sich die Belege dafür zurechtzubiegen. Maximal misslungen.
Vorweg: Ob den Film "Hurt Locker" hierzulande niemand kennt, spielt nun wirklich überhaupt keine Rolle bei der Frage, ob er preiswürdig ist oder nicht. Wie der Autor des Artikel daraus eine Entscheidung im Sinne der Emanzipation, zugunsten einer Quotenfrau machen möchte, grenzt schlicht an Sexismus. Zudem ist die Interpretation von "The Hurt Locker" hanebüchen und schlicht falsch. Wer in diesem Film gefeierte Helden zu erkennen meint, liegt meilenweit daneben: Sämtliche Protagonisten sind kaputte Charaktere ohne jegliche Macht oder Einfluss auf die Wirren des Krieges, in dem sie sich befinden. Bestenfalls dürfen sie den explosiven Müll eines aussichtslosen Konflikts beseitigen. Hierin liegt ihre Bestimmung, die sie mangels Alternativen bis zum Exzess perfektionieren und ähnlich einem Drogensüchtigen zum Mittelpunkt ihrer Existenz machen. Die hier im Artikel als Oberfeldwebel bezeichnete Hauptfigur findet am Ende keine Erfüllung im normalen Leben mehr. Das ist weniger heldenhaft als zutiefst tragisch. Hier werden weder Helden glorifiziert, noch wird eine "neue Härte" propagiert - hier werden klischeehafte Heldenfiguren entzaubert und die Folgen von sinnlosen Kriegswirren verdeutlicht. Kein guter Artikel, den uns das Feuilleton der Süddeutschen hier zur Nachbereitung der Oscar-Nacht anbietet.
...nicht etwa, weil sich noch was besseres findet (das auch), sondern weil einem anscheinend eine Ehe für den Rest des Lebens anhängt, wenn der Ex-Gatte in irgendeiner Form berühmt ist.
Warum kann man den Sieg der Oscar-Gewinnerin denn nicht einfach auf Talent und Leistung zurückführen, wie dies regelmäßig bei ihren männlichen Kollegen geschieht?
NEIN, bei ihr, die ja eben doch "nur" eine Frau ist, können Talent und Leistung nicht der Grund sein - hier muss man(n) betonen, dass sie James Cameron den Oscar weggeschnappt hat, "mit dem sie auch mal verheiratet war, und der sie ziehen ließ". DER SIE ZIEHEN LIESS?? Großmütiger James, oder wie?? Wer hier mit wem liiert war und wer wen verlassen hat, tut doch nun wahrhaftig nichts zur Sache!! Und überhaupt: warum wird in allen Artikeln immer wieder betont, dass James Cameron ihr "Ex-Mann" ist - das klingt doch tatsächlich so, als habe er während der Ehe genügend auf sie "abgefärbt", damit sie jetzt einen tollen Film gedreht hat. Nur diese Verbindung hat sie zur fähigen Regisseurin gemacht? Glaube ich nicht!
Wir haben es hier mal wieder mit typischem Sexismus zu tun - denn hätte James Cameron den Oscar bekommen, hätte man mit Sicherheit nichts über seine Ex-Frau gelesen, sondern nur sein visionäres Talent gelobt... Männer, packt ein, jetzt sind wir dran. Yes, we can!
Da gewinnt also zum ersten Mal in der Geschichte der Academy Awards eine Frau den Regie-Oscar. Und der Süddeutschen Zeitung fällt nichts Besseres ein, als kollektiv-männliche Suprematsverlustängste in die Überschrift Frauen, die Männer schlagen zu packen. Am 8. März, dem Internationalen Frauentag. Wie ironisch!
Man hätte dieses Ereignis auf jede nur erdenkliche Art feiern oder meinetwegen auch kritisch hinterfragen können, z. B. warum es nun ausgerechnet dieser Actionstreifen sein mußte (was Autor Tobias Kniebe ja ansatzweise tut, wobei sein Erklärungsmuster der neuen Härte denn doch wenig überzeugend ausfällt), oder warum es so lange dauerte, ehe eine Frau die Beste Regie gewann, oder welche von Frauen gedrehte Filme hätten vielleicht früher gewinnen müssen.
Aber an einem Tag, der unter anderem auch dazu dient, auf die Frauen in aller Welt täglich widerfahrende Gewalt hinzuweisen, ausgerechnet an so einem Tag so ein sprachliches Bild zu wählen, ist mindestens taktlos, wenn nicht gar hämisch.
Deutsche und Österreicher haben Aussicht auf den Oscar, wenn sie Nazis spielen. Das können wir nach Auffassung der Jury halt doch am besten.
Paging