"Not that Kind of Girl" von Lena Dunham Die moderne "Queen of Angst"

Doch, sie ist diese Art von Mädchen - kein perfekter Körper, kein perfektes Gesicht, aber jede Menge Witz und Wahrheit: Lena Dunham, hier bei der Vorstellung ihres Buchs in New York.

(Foto: AP)

Vier Mädchen in ihren Zwanzigern, miese Wohnungen, schlecht bezahlte Jobs, kein Geld: Mit ihrer HBO-Serie "Girls" hat Lena Dunham sich selbst erklärt und eine ganze Generation befreit. Nun ist ihr Buch "Not that Kind of Girl" erschienen, eine Art Ratgeber für die "Millenials".

Von Anne Philippi

Als ich Lena Dunham zum ersten Mal mal auf einer HBO-Party im September 2012 sah, sprachen wir für ein paar Minuten über die Tattoos auf ihrem Rücken. Zwei windschiefe Häuser, limonengrün. Lena setzte gerade an, ihren tieferen Sinn zu erklären - und warum sie keine Sanskritbuchstaben auf dem Arm trug, wie etwa neunzig Prozent der Mädchen in Hollywood, oder das Wort "vegan" über den Pulsadern.

Doch dann zog sie ein gut aussehender Mittfünfziger mit schwarzer Intellektuellenbrille weg. Die beiden gaben an diesem Abend ein merkwürdiges Bild ab - solange man noch nicht wusste, dass der Kerl ihr Vater Carrol Dunham war.

Lena, die Emmy-Gewinnerin, versuchte unauffällig auf dem orange-gelben Partyteppich zu wandeln. Für ihr schwarzes, riesig wirkendes Spitzenkleid schien sie etwa zwanzig Jahre zu jung zu sein. Dunham wusste nicht, wie man sich in so einem Kleid und mit einem Mann im Smoking am Arm bewegt. Neben ihr huschten all diese Los-Angeles-Körper vorbei. Yoga-Arme, Wespentaillen, Honigtonhaar, Zähne so hell, dass sie im Dunkeln leuchteten.

Mein Leben und ich

Lena Dunham teilt in der großartigen HBO-Serie "Girls" unverblümt die Ängste ihrer Generation mit dem Fernsehpublikum. Ein gruppentherapeutisches Gespräch in London über die unglamourösen Seiten des 20-Seins. Von Katharina Riehl mehr ...

Wie eine Statue, ein Gebilde, ja ein Tier

Innerhalb von Sekunden aber hatte sich eine dicke, unentwirrbare Traube um Lena Dunham gebildet. Es war, als wollte sie jeder anfassen. Wie eine Statue, ein Gebilde, ja ein Tier, von dem man nicht weiß, ob es wirklich existiert - oder ob man sich seine Existenz nur einbildet. Hier, auf dieser Superkörperparty. Ein Mädchen mit Paris-Hilton-Look quatschte Lena Dunham irgendwann von der Seite an, um ihr betrunken zu gestehen, wie sehr es Lena verehre, ja liebe. Der Freund des Mädchens wollte damit nichts zu tun haben, er drückte sich hinter dem Tisch herum, ihm gefiel die Sache nicht. Schließlich riss er seine Freundin an ihrem Ärmchen von der Lenatraube weg. Das war das Interessante an dieser HBO-Nacht: Gegen die Faszination für Lenas Hintern, für die grünen Häuser auf ihrer Haut und das, was sie für Amerika getan hatte, kamen die ganzen Spitzenkörper des Abends nicht an.

Aber was hat Lena Dunham für Amerika getan? Sie hat die Serie "Girls" geschrieben. Und dabei sich selbst erklärt. Sogar die große Meryl Streep spricht von einem "Public Service", einem Dienst an der Öffentlichkeit, den Lena damit geleistet habe. Doch worum geht es? Um die Seele von vier Mädchen in ihren Zwanzigern, geprägt von "08", der letzten Wirtschaftskrise, und von der Erkenntnis, dass ein Leben in New York nicht mehr unbedingt glamourös sein muss - miese Wohnungen, schlecht bezahlte Jobs.

Die vier gehören nicht mehr zur "Sex and the City"- Generation, die nach Erfolg gierte. Geld hat irgendwie keiner, nicht mal die Eltern. Oder die behalten es lieber für sich selbst. Hannah, gespielt von Dunham selbst, hat kein Glück mit ihrer Mutter, die sich lieber das "verdammte Landhaus" kaufen will, als der Tochter mit 21 noch Geld zu geben. Einzige Kritik an "Girls": Lenas regelmäßiger Einsatz ihres Körpers beim Sex. Und dass "Girls" alles zeigt, was mit dem überprivilegierten, nepotistischen und weißen Amerika schiefläuft. Doch Lena spricht für sich selbst. Das ist ihre Qualität.

Lenas Ängstekatalog

Dunhams eigene Geschichte klingt nicht nach Versagertum. Ihre Eltern, zwei erfolgreiche New Yorker Künstler, bringen Dunham keine Sekunde von ihrem Weg ab. Dunham besucht das Kreativ-College Oberlin und findet dort ihre Berufung als Autorin und Regisseurin. Einziges Hindernis und gleichzeitig größter Stofflieferant für ihr Schreiben: Lenas ganzer Ängstekatalog, der mit Psychopharmaka behandelt werden muss.

Mit "Tiny Funiture" aus dem Jahr 2010 landet Lena ihren ersten Indie-Hit. Es folgt "Girls", produziert mit Judd Apatow. Dunham revolutioniert die Art, wie man einen normalen bis dicken Körper nackt im Fernsehen zeigen kann. Sie führt vor, wie eine bestimmte Spezies neuer New Yorkerinnen denkt und wie man sein gesamtes Leben mit nur einer Textmessage unnötig dramatisiert oder in Schutt und Asche legt. Nora Ephron wird großer Dunham-Fan - und als sie stirbt, schreibt Dunham ihren Nachruf. Dunhams Namen fällt ab sofort im Zusammenhang mit Woody Allen. Warum? Weil der Witz am Ende siegt, egal wie grässlich die Umstände sind. Seit ein paar Tagen liegt jetzt Lenas Buch "Not that Kind of Girl" in den Läden, ein Ratgeber für ihre Generation der "Millenials", wenn man so will.