Eröffnung Wer die Bedingungen auf der Baustelle kritisiert, darf nicht mehr einreisen

Weder der Architekt Jean Nouvel noch das Museum noch der Staat Abu Dhabi haben während der Bauzeit ein ernsthaftes Interesse daran gezeigt, die Arbeitsbedingungen all der Bangladeschi, Inder und Pakistani grundlegend zu verbessern, ehe der Bau mit einem gewaltigen Staatsakt am Donnerstagabend gefeiert wurde. Doch gerade diese Bedingungen sind das Fundament für ein Museum, das für Toleranz, Frieden und die Errungenschaften der Globalisierung stehen will.

"Ich bin verantwortlich dafür, ein Gebäude zu bauen ", sagt Jean Nouvel kurzangebunden. Der Architekt hat keine Lust, sich von schmutzigen Arbeitsbedingungen sein weißes Meisterwerk beflecken zu lassen. Wie ein Hohepriester schreitet er durch das Gebäude, nicht einmal die Wüstensonne kann den 72-Jährigen bremsen. Die Kuppelkonstruktion mit einem Durchmesser von 180 Metern und mehreren Schichten erklärt er mit einer Begeisterung, als würde er sie gerade zum ersten Mal sehen: "Es ist der Himmel, ein kosmisches Objekt!"

Doch wer sich wie Nouvel selbst als "kontextualen Architekten" beschreibt, der seinen Entwurf stets an die Bedürfnisse des Ortes anpasst - "Dieses Gebäude hätte nirgendwo anders auf der Welt stehen können!" -, und wer es als moralische Pflicht sieht, nur im Austausch mit der Umgebung zu arbeiten, der muss sich dem Thema stellen. Also noch einmal. Nouvel, der Pritzker-Preisträger, reagiert inzwischen sichtlich genervt: "Wir haben die Ausrüstung und die Sicherheit auf der Baustelle geprüft, daran gab es nichts auszusetzen. Und wir haben die Arbeiterunterkünfte besucht, sie waren neu und total korrekt. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Ich bin kein Politiker und auch kein NGO-Mitarbeiter."

"Es ging den Arbeitern nie um die Unterkünfte", sagt Nicholas McGeehan, der über zehn Jahren in den VAE lebte und 2015 für Human Rights Watch einen Bericht über die Arbeitsbedingungen veröffentlichte. "Sie wollten pünktlich bezahlt werden, mit einem fairen Lohn, und sie wollen das Land verlassen können, wann sie wollten." All das habe sich auch nach dem großen Streik der Bauarbeiter 2013, der sich just an der Baustelle des Louvres entzündete und dann das ganze Land erfasste, nicht verändert. "Die Arbeiter müssen ihren Pass abgeben. Sie müssen horrende Gebühren an Vermittler zahlen, damit sie hier arbeiten dürfen. Und die Arbeitszeiten sind viel zu lang."

Weder der Architekt noch das Museum haben sich je dazu wirklich geäußert, so McGeehan. Und auch nicht dazu, dass Arbeiter, die gestreikt haben, ausgewiesen wurden, obwohl ihnen die Regierung etwas anderes versprach. "Den letzten Aktivisten, der sich traute, öffentlich etwas anzusprechen, haben sie dieses Jahr eingesperrt. Es gibt also niemanden mehr, den wir anrufen können, um zu erfahren, was dort vor sich geht," sagt McGeehan am Telefon. Er selbst darf nicht mehr einreisen - wie alle, die kritisch berichtet haben.

Zum Beispiel Andrew Ross, Professor an der NYU, der wie einige seiner Kollegen nicht mehr in Abu Dhabi lehren kann, weil ihnen die Einreise verwehrt wird. Zusammen mit Künstlern gründete Ross die Aktivisten-Gruppe Gulf Labor, die einen Boykott-Aufruf gegen das Guggenheim ins Leben rief. Viele internationale Künstler haben sich daran beteiligt. "Vom Louvre kam die ganze Zeit ein großes lautloses Nein," sagt Ross. Nie habe das Museum auf ihre Schreiben reagiert. "Als ständen sie unter Immunität, weil der Vertrag zwischen zwei Staaten geschlossen wurde."

Dabei hat sich nach Ansicht unabhängiger Experten kaum etwas an den Arbeitsbedingungen geändert. Neue Gesetze, die wie in Katar das "Kafala"-System abschaffen sollen, eine Art Leibeigenen-System, gebe es bislang nur auf dem Papier, sagt der Journalist und Anwalt Sean O'Driscoll: "Ohne das Recht, eine Gewerkschaft zu gründen oder zumindest eine Gesellschaft, in der die Arbeiter ohne Angst Missstände anprangern können, sehe ich keinen Fortschritt." Das offizielle Argument, die 1971 gegründeten VAE seien noch zu jung für Arbeiterorganisationen, lässt er nicht gelten: "Die Emirate waren sehr schnell darin, den westlichen Lebensstil zu kopieren. Wenn es aber um die Menschenrechte geht, heißt es: Wir sind ein junges Land!"

All das sollte man wissen, bevor man den Louvre betritt und auch, dass kein Aktivist sagt, das Museum hätte nicht gebaut werden dürfen, denn: Wen interessiert schon, wie es den Arbeitern auf den Baustellen von Brücken und Ölfeldern geht?

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