Lena beim Eurovision Song Contest So überraschend wie Fußball

Die Halbwertzeit des klassischen Entertainers sinkt rapide. Sein Ende kann nur durch ein dramatisch hoch gehaltenes Erregungsniveau hinausgezögert werden. Die Idee, Lena beim Eurovision Song Contest erneut antreten zu lassen, war ein Coup. Es wird ihr letzter großer Auftritt sein.

Von Jens-Christian Rabe

Als die heute 19-jährige Sängerin Lena Meyer-Landrut im Herbst 2009 bei der Casting-Show "Unser Star für Oslo" zum ersten Mal aufgetreten war, war sich die Jury sofort sicher, etwas Besonderes gesehen zu haben. Der Juror Marius Müller-Westernhagen sagte zu ihr: "Du hast Star-Appeal, die Menschen werden dich lieben." Aber das Lob hatte einen Haken: Westernhagen bat die junge Sängerin auch, bitte gleich wieder zu vergessen, was er gesagt habe. Er hielt ihre Naivität für einen wesentlichen Teil ihrer Faszination, und befürchtete nun, dass sie eben diese im Rummel des Ruhms schnell wieder verlieren könnte.

"Sei einfach ganz du selbst" - das ist eigentlich eine unmöglich zu erfüllende Forderung, wenn man noch gar nicht ganz genau weiß, wer man ist. Besonders schwer ist es, wenn es alle anderen plötzlich ganz genau zu wissen meinen.

Zu Stars erstarrte Prominente klagen gern darüber, manche zerbrechen auch daran. Ganz man selbst sein kann man nur so lange, wie man noch nicht der sein muss, für den einen alle halten. Das eigentliche Kunststück, dass Lena dann vollbrachte, ist nicht ihr riesiger Erfolg, sondern die Konservierung der Bedingung der Möglichkeit ihres Erfolgs.

Sie hatte den Kleistschen Spiegel vor die Nase gehalten bekommen und doch der Versuchung widerstanden, einen prüfenden Blick auf die eigene Einzigartigkeit zu werfen. Sie spielte keine Rolle und bewahrte sich so eine Fähigkeit, die der Goldstandard zeitgemäßen Massenentertainments geworden ist: Sie konnte sich auch auf der Bühne weiter selbst überraschen. Das klingt selbstverständlicher, als es ist, denn es steckt ein Moment absoluter Unvorhersehbarkeit darin.

Unterhaltung ist jedoch von Beginn an ein Geschäft gewesen. Und Geschäftsmänner müssen das Unvorhergesehene hassen, weil es sich nicht planbar zu Geld machen lässt. Sie verwandelten daher das Unvorhergesehene in ein Spektakel auf Dauer. Das ist eine enorme Herausforderung, weshalb die Geschichte des Entertainments eine Geschichte des Drills ist. Ein Zuschauer, der den Eindruck hat, dass er das Unerwartete erwarten kann, gibt sein Geld einfach leichter aus der Hand.

Der Blick in den Spiegel

Nur so erklärt sich die Brisanz eines der berühmtesten Berichte aus dem Showgeschäft, dem 1966 in der Zeitschrift Esquire veröffentlichten Porträt "Frank Sinatra ist erkältet" von Gay Talese, das den Superstar in einer seltenen Phase der Schwäche zeigte.

Es ist kein Wunder, dass sich viele Entertainer nie scheuten, ihren Beruf als quasi-militärische Profession zu beschreiben. Als penible Vorbereitung auf einen Ernstfall, in dem man unter keinen Umständen Schwäche zeigen sollte, weil es um Leben und Tod geht. Der Vergleich ist keineswegs überzogen, denn ein Entertainer, dem es nicht gelingt, zu unterhalten, ist für das Publikum gestorben.

Entertainer wie der im Februar verstorbene Österreicher Peter Alexander verstanden sich deshalb als "Showmaster" und hatten ein durch und durch autoritäres Rollenverständnis. Ebenso konsequent ist allerdings, dass mit Thomas Gottschalk in diesem Sommer der letzte dieser klassischen Kontrollfreaks des Showgeschäfts zurücktreten wird. Wenn er nämlich als Showmaster eines nicht konnte, dann sich selbst auf der Bühne überraschen. Gottschalk war immer souverän, und genau so sollte er sein. Nur eben jetzt nicht mehr.

In einer Zeit, die weiß, dass der beste Actionfilm natürlich der ist, den Präsident Obama und seine Berater sahen, als die Navy Seals Osama bin Ladens Versteck in Pakistan stürmten - in einer solchen Zeit wird ausgestellte Souveränität als Unterhaltung nicht mehr allzu hoch geschätzt.

Als das Unterhaltungsspektakel, auf das sich alle einigen können, hat sich dagegen inzwischen fast auf der ganzen Welt der Fußball etabliert. Aus gutem Grund. Nirgends gibt es einen besseren, also erfahrungsgemäß zuverlässigeren Rahmen dafür, dass sich die Protagonisten selbst überraschen können: Ein riesiges Spielfeld ist taghell erleuchtet, in eindrucksvollen Stadien sitzen hunderttausend gespannte Menschen drumherum, aber die Spielregeln sind so konzipiert, dass sogar Lionel Messi, der derzeit mit Abstand beste Spieler Welt, es so schwer hat, seine Brillanz zu beweisen, dass sein haltloser Jubel nach einem großen Tor oder Sieg unzweifelhaft echt ist.

Die Halbwertzeit des klassischen Entertainers sinkt im Angesicht dieses Aufwands zu einer zeitgemäßen Befriedigung des allgemeinen Unterhaltungsbedürfnisses natürlich rapide. Seine Mittel sind ungleich geringer. Das Ende kann allenfalls durch ein dramatisch hoch gehaltenes Erregungsniveau eine Weile hinausgezögert werden.

Die Idee, Lena beim diesjährigen Eurovision Song Contest als Verteidigerin ihres vor einem Jahr errungenen Titels antreten zu lassen, war ein Coup. Es wird ihr letzter großer Auftritt sein.

In Kleists "Marionettentheater" dauert es genau ein Jahr, bis an dem unschuldig anmutigen Jüngling "keine Spur mehr von der Lieblichkeit (...) zu entdecken (war), die die Augen der Menschen sonst, die ihn umringten, ergötzt hatte". Niemand kann ewig dem Blick in den Spiegel widerstehen. Außer der Fußball.

Rivalen für Lena

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