Literatur Wie unabhängige Buchgeschäfte gegen den Online-Handel kämpfen

"Ich liebe Bücher", sagt John Browner, Buchhändler aus New York, der in München heimisch geworden ist.

(Foto: Stephan Rumpf)

Italienische Literatur, amerikanische Raritäten und gelegentlich ein original englischer Snack: Als Buchhändler muss man heutzutage kreativ sein.

Von Xenia Schmeizl

Jeder Lesefreund liebt das Aussuchen eines Buches: vorsichtig den Buchrücken aufschlagen, über die Seiten streichen, an Papier und Druckerschwärze riechen. Auch John Browner mag dieses Ritual. Bücher sind seine große Leidenschaft. Und sein Lebensunterhalt: "Manche Menschen empfinden etwas Besonderes, wenn sie Musik hören oder Kunst betrachten. Mir geht es so bei Literatur. Wenn ich einen schönen Satz lese, geht mir das Herz auf." Der gebürtige New Yorker ist schon seit mehr als 40 Jahren im Buchhandel tätig und hat sich in München zusammen mit seiner Frau einen Traum erfüllt: eine eigene englische Secondhand-Buchhandlung, die "Munich Readery".

Mit welcher Hingabe und Liebe Buchfan Browner sein Geschäft führt, spürt man schon beim ersten Schritt in seinen Laden, der so gar nicht aussieht wie eine normale Buchhandlung. Gedämpftes Licht, gemütliche Atmosphäre, es ist fast, als säße man in John Browners Wohnzimmer. Die dunkelbraunen Bücherregale stehen nicht akkurat an der Wand, sie machen aus dem Raum ein Labyrinth der Weisheit. Den Besucher umfängt diese Stimmung, wenn er ein Buch nimmt, sich auf einen der vielen bequemen Sessel zurückzieht und zu lesen beginnt. Die Zeit wird jetzt unwichtig.

Browner kauft bis zu zwei Tonnen Bücher in Amerika

John Browner verkauft nicht nur die Bücher, die an der Spitze der Bestsellerlisten stehen. Es sind vor allem seine Lieblinge, die er im Laden anbietet - Science-Fiction-Romane, Krimis, Kinder- und Sachbücher, klassische Literatur und Gedichtbände. Und jedes dieser Bücher hat eine lange Reise hinter sich. Von der Ostküste der USA kommen sie per Schiff über den Atlantik. "Ein- bis zweimal im Jahr fahren meine Frau und ich nach Amerika und kaufen bis zu zwei Tonnen Bücher", erzählt Browner. Zwei Tonnen, das sind 5000 Bände. Sie stammen aus Trödelläden, Wohnungs- und Büchereiauflösungen.

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Als John Browner und seine Frau Lisa während eines Sabbaticals 2003 ein Jahr in München lebten, kam ihnen die Idee zu diesem Laden. Sie wussten, dass man im Zeitalter von Amazon & Co ein neues Konzept braucht. Doch dass es in München einen Markt für englische Literatur gibt, davon waren die beiden überzeugt: "In den Wohnungen unserer deutschen Freunde standen ein bis zwei Regale voll mit englischsprachigen Büchern." Das alles ist nun zehn Jahre her. Von North Carolina waren sie nach München gezogen, in der Augustenstraße 104 öffnete die "Munich Readery" ihre Pforten.

Den Entschluss von damals hat das Ehepaar bis heute nicht bereut: "Wir leben hier sehr zufrieden und lieben den Münchner Lifestyle", sagt der Buchhändler und lächelt. Mit dem Verkauf englischer Bücher aus zweiter Hand hat Browner eine Marktlücke entdeckt. Die Konkurrenz ist gering, der Preis der Bücher unschlagbar niedrig. Das gefällt den Kunden, die sich von dem erfahrenen Buchhändler auch gerne beraten lassen. Doch wer nun glaubt, es suchten in Browners Laden nur englische Muttersprachler nach Büchern, irrt. Die meisten sind Deutsche. Unlängst hat er Bücher an Flüchtlingseinrichtungen verschenkt. Vielleicht eine neue Kundschaft?

Das Geschäft in der italienischen Buchhandlung "Ital-Libri" läuft schleppend

Das würde in der Nordendstraße 19 wohl nicht funktionieren. Dort ist die italienische Buchhandlung "Ital-Libri" beheimatet. Und sie hat schwere Zeiten hinter sich. Weil es sie ärgerte, dass italienische Literatur in München nur schwer zu bekommen war, machte Elisabetta Cavani-Halling 1990 diesen Laden auf. Und schon in den Neunzigerjahren baute sie einen erfolgreichen Onlineshop auf, der schnell fünfzig Prozent des Umsatzes einspielte.

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Doch das Aufkommen der großen Onlinebuchhändler in den Nullerjahren machte diese Geschäftsidee fast perdu. Schweren Herzens musste sie einige Mitarbeiter entlassen. Auch konnte sie kaum mehr Autorenlesungen veranstalten. Doch aufgeben kam für die 57-jährige lebensfrohe Italienerin nicht infrage. Sie nahm einfach spanische und französische Bücher in ihr Sortiment mit auf und konnte so den Verlust einigermaßen ausgleichen.

So richtig gut aber läuft es immer noch nicht. Man hört es der Stimme von Elisabetta Cavani-Halling an, wie schwer es ihr fällt, über eine Schließung nachzudenken. "Es ist Potenzial da. Doch sich so lange Zeit über das Geldverdienen Gedanken machen zu müssen, ist für die Nerven nicht gut", sagt sie. Dabei lebt Cavani-Halling, wie John Browner, für ihre Bücher. Auch für sie ist Lesen etwas Besonderes: "Normalerweise lebt man nur ein Leben. Wenn man Bücher liest, lebt man mehrere. Mit dem Lesen bereist man andere Epochen und Länder."

Englische Neubücher sind nicht preisgebunden

Die Krise des Buchhandels tangiert Browners Secondhand-Laden im Gegensatz zu "Ital-Libri" weniger. Stolz erzählt er: "Jedes Jahr steigt unser Umsatz. Der Internetbuchhandel hat auf unser Geschäft kaum Auswirkungen." So gut wie der "Munich Readery" geht es den meisten anderen fremdsprachigen Buchhandlungen jedoch nicht. Viele kleine, unabhängige Buchgeschäfte mussten schließen.

Auch Barbara Goldschmit, die in der Schellingstraße 3 mit Günther Knust und Claus Melchior die englische Buchhandlung "Words' Worth" betreibt, hat "schwierige Jahre" hinter sich. Der Onlinebuchmarkt habe ihrem Geschäft "fast das Genick gebrochen". Das Problem: Englische Neubücher sind im Gegensatz zu deutschen nicht preisgebunden. Barbara Goldschmit: "Amazon verkauft Bücher zum Teil unter unserem Einkaufspreis. Wahrscheinlich, um Kunden zu locken."

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Heute aber habe sich die Situation gebessert, und mit dem Umsatz gehe es leicht bergauf. Ein Grund hierfür sei, dass "alte Stammkunden zurückkommen. Gerade junge Leute unterstützen wieder bewusst kleinere Buchhandlungen", berichtet die 54-Jährige, die sicherlich auch mit ihrer fröhlichen Freundlichkeit Kunden gewinnt.

Vor allem fremdsprachige Buchhandlungen haben es schwer

Und sie vermutet, dass auch die negativen Schlagzeilen über Amazon in den letzten Jahren zu einem Umdenken geführt hätten. Dazu kommt, dass sie mit ihren Kollegen die Produktpalette erweitert hat. Jetzt liegen auch DVDs, Hörbücher und Geschenkartikel im Laden aus. Und um die Weihnachtszeit gab es sogar Christmas Pudding und Brandy Butter, die Goldschmit extra in England organisierte.

Doch nicht nur im Winter füttert die Münchnerin ihre Leseratten mit englischen Snacks. Bei Studenten sind gerade während der Prüfungsphasen die "Flapjacks" beliebt, Haferriegel, die besonders nahrhaft sind. Auch Literaturtipps gibt sie immer gerne. Ihr derzeitiges Lieblingsbuch zum Beispiel ist der Reisebericht von Bill Bryson, "The Road to Little Dribbling", Erfahrungen eines Amerikaners auf der britischen Insel.

Eine Buchhandlung zu führen, ist in der heutigen Zeit nicht einfach. Gerade die Geschäfte, die auf fremdsprachige Bücher spezialisiert sind und damit nur eine kleine Kundengruppe bedienen, haben es schwer. "Reich wird man im Buchhandel nicht", sagt Goldschmit, wie immer lächelnd. Trotzdem möchte sie keinen anderen Beruf. Vielleicht ist es dieses besondere Gefühl, ein Buch zu entdecken. Es aufzuschlagen, über die Seiten zu streichen, am Papier und der Druckerschwärze zu riechen und die ersten Sätze zu lesen.