Kultur im Koalitionsvertrag Und plötzlich ist auch von "Künstlerinnen" die Rede

So vielen Menschen wie möglich den Zugang zur Kultur eröffnen: Graffiti-Aktion in München

(Foto: Catherina Hess)

Ob Integration oder der Kampf gegen rechts: Der Koalitionsvertrag fasst den Kulturbegriff deutlich weiter als bisher. Auch die Me-Too-Debatte schlägt sich nieder.

Von Jörg Häntzschel

Dass der auswärtigen Kulturpolitik in Zukunft neue Aufgaben zufallen, ist bekannt: Sie soll Deutschland im "Wettbewerb der Narrative" mit Ländern wie China und Russland unterstützen, soll weltweit Demokratie, Menschenrechte und kulturelle Infrastruktur fördern und globale Debatten nach Deutschland tragen (SZ vom 5. Februar).

Doch auch im Inland wird die Kultur unter der großen Koalition, so sie denn kommt, eine größere Rolle spielen. Zwar konnte sich die SPD mit ihrem Wunsch nicht durchsetzen, Kultur als Staatsziel ins Grundgesetz aufzunehmen. Vergleicht man aber das Kapitel "Kunst, Kultur und Medien" im Koalitionsvertrag mit dem Text von 2013, sind die Unterschiede offenkundig. Damals war fast ausschließlich von Kulturinstitutionen die Rede, jetzt ist nicht nur die Kreativwirtschaft ins Kulturkapitel gewandert, auch gesellschaftliche Fragen werden dort verhandelt. Geschlechterkrieg, Integration oder Rechtsruck sind nun Angelegenheit der Kultur und sollen mit kulturellen Mitteln gelöst werden. Ein traditioneller ästhetischer Kulturbegriff wurde von einem sozialen und wirtschaftlichen abgelöst.

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Es ist der ursozialdemokratische Gedanke einer "Kultur für alle": So vielen Menschen wie möglich will man den Zugang zur Kultur eröffnen, auch fernab der Großstädte. Deshalb soll nicht nur im Humboldt-Forum in Berlin, sondern auch in anderen vom Bund geförderten Häusern "vermehrt und regelmäßig" der Eintritt frei sein.

Erstaunlich ist, wie unmittelbar sich die Debatten der letzten Jahre hier niedergeschlagen haben. Mit Verve - wenn auch ohne Quote - gibt die Koalition die Geschlechtergerechtigkeit als Ziel aus, bei der Besetzung von Jurys oder der Vergabe von Stipendien. Auch die "Me Too"-Debatte ist berücksichtigt: "Wir unterstützen Maßnahmen für ein diskriminierungs- und gewaltfreies Arbeitsumfeld für Künstlerinnen und Künstler." (Im bisherigen Koalitionsvertrag war übrigens noch ausschließlich von "Künstlern" die Rede.)