Kommentierte Fassung von Hitlers Hetzschrift Historiker arbeiten weiter an "Mein Kampf"

Das Münchner IfZ setzt seine Arbeit an einer "Mein Kampf"-Edition fort.

Kommt sie nun oder kommt sie nicht, die geplante Edition von Hitlers "Mein Kampf"? Bayerns Staatsregierung hatte ein entsprechendes Projekt des Münchner Instituts für Zeitgeschichte überraschend gekippt. Die Historiker jedoch wollen sich dem Beschluss nicht fügen.

Das Münchner Institut für Zeitgeschichte arbeitet trotz der Absage der bayerischen Staatsregierung weiter an einer wissenschaftlich kommentierten Ausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf". "Hitler-Texte sind in der Bundesrepublik Deutschland in großer Zahl als zeitgeschichtlich bedeutsame Quellen publiziert worden", sagte der Direktor des IfZ, Andreas Wirsching. Auch "Mein Kampf" sei eine zentrale Quelle zur Geschichte des Nationalsozialismus. Das Institut wolle die von Historikern kommentierte Ausgabe nun in eigener Verantwortung fertigstellen und zum Ablauf der urheberrechtlichen Sperrfrist Ende 2015 veröffentlichen.

Inhaber der Urheberrechte ist seit Kriegsende der Freistaat Bayern, der bisher jede Neuveröffentlichung verhindert hat. Wirsching sagte, die bisher nicht erfolgte wissenschaftliche Erschließung von "Mein Kampf" sei ein starker Wunsch zeithistorischer Forschung. Dem IfZ sei bewusst, dass sich die Arbeit in einem sensiblen gesellschaftlichen Umfeld bewege. "Insbesondere die Perspektive von Überlebenden des Holocaust ist für uns ein wichtiger Leitfaden."

Der Mann, der mit "Mein Kampf" kämpft

Der propagandistische Untext soll entmystifiziert werden, deswegen arbeitet Historiker Christian Hartmann an einer wissenschaftlichen Edition von Hitlers "Mein Kampf". Das Projekt ist prestigeträchtig. Doch Hartmann hat seine Probleme damit: "Je tiefer man hineinsteigt, umso tiefer sind die Abgründe." Katja Riedel mehr ...

Gerade deshalb halten die Wissenschaftler die seit Jahren geplante von Historikern kommentierte Neuausgabe für einen wichtigen Beitrag auch zur Entmystifizierung des Werkes. Schon jetzt sei es im Ausland, in Antiquariaten und im Internet leicht zugänglich. "Aus unserer Sicht muss der nicht kontrollierbaren Verbreitung des Textes dringend eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe mit kritisch-aufklärerischem Standpunkt entgegengehalten werden", sagte Wirsching.

Der bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU) hatte die Arbeit des renommierten IfZ angeregt, sie wurde bisher mit etwa einer halben Million Euro von der Staatsregierung subventioniert. Jetzt kündigte die Staatsregierung überraschend an, die Veröffentlichung nicht mehr zu unterstützen: Das Buch sei volksverhetzend.

Der Deutsche Anwaltverein kritisierte diese Haltung und warnte vor einer unkommentierten Verbreitung. Wenn die urheberrechtliche Bindung Ende 2015 auslaufe, sollte man überlegen, wie eine Verfügbarkeit des unkommentierten Textes eingegrenzt werden könnte. Eine kommentierte Veröffentlichung, wie sie das Institut für Zeitgeschichte plane, trage zur Aufklärung bei, erklärte der Anwaltverein.

Kritik aus dem Landtag

Die Absage der Staatsregierung stieß auch im Bayerischen Landtag auf Kritik. Die Regierung setze sich damit über einen einstimmigen Beschluss des Landtags hinweg. "Das ist kein guter Stil", sagte der Würzburger Abgeordnete und Vorsitzende des Hochschulausschusses, Oliver Jörg (CSU). Auch die SPD-Hochschulpolitikerin Isabell Zacharias reagierte verärgert: "Das ist ein Rückschritt." Der Grünen-Abgeordnete Sepp Dürr hatte das Vorgehen der Regierung schon zuvor eine "Unverschämtheit erster Güte" genannt.

Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagte, es spreche nichts gegen die wissenschaftliche Auseinandersetzung. Aber unters Volk bringen will Seehofer das Hitler-Buch nicht: "Die Verbreitung ist vom Tisch." Kabinettsmitglieder sagten am Rande der Landtagssitzung, eine offizielle Hitler-Ausgabe quasi mit bayerischem Staatswappen könne seltsam wirken.

Die frühere Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, begrüßte die Entscheidung der Staatsregierung: "Hitlers Machwerk ist von Hass und Menschenverachtung durchdrungen und erfüllt Experten zufolge den Tatbestand der Volksverhetzung." Knobloch hatte am Rande von Seehofers Israel-Reise 2012 mit KZ-Überlebenden gesprochen, die den Veröffentlichungsplan scharf kritisierten.