"Hotel Ruanda"-Held in der Kritik Zynisches Geschäft mit dem Völkermord

Geld, Autos und Häuser gegen Essen und Trinken: Im Film "Hotel Ruanda" wird ein Geschäftsmann als Held und Menschenretter gefeiert, weil er 1268 Menschen in seinem Hotel Zuflucht gewährt. Doch nun mehren sich Stimmen, die ihn für alles andere als einen Held halten. Paul Rusesabagina soll am Völkermord in Ruanda vor allem gut verdient haben.

Von Leo Lagercrantz

Helden, gibt's die? Der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg, der ungarische Juden vor dem Holocaust rettete, wäre in diesem Jahr hundert geworden, wenn er noch lebte (und man muss wohl davon ausgehen, dass er nicht mehr am Leben ist). Er wird in Schweden auf jede nur erdenkliche Weise geehrt werden, mit Tagungen, mit neuen Büchern - und offiziell mit der Regierungsinitiative "100 Jahre Raoul Wallenberg".

Denn wir brauchen sie, die Helden, die sich dem Völkermord entgegenstellten. Doch genauso stark ist anscheinend unser Bedürfnis, sie zu entzaubern - wenn die Zeit reif ist. Oskar Schindler und Elie Wiesel sind Beispiele dafür. Aber auch der ehemalige Hotelmanager Paul Rusesabagina. Durch den Hollywoodstreifen "Hotel Ruanda" (mit Don Cheadle in der Hauptrolle) ging er als Superheld der ruandischen Völkermord-Ära in die Geschichte ein: Er wird dafür verehrt, dass er 1268 Menschen das Leben gerettet hat, indem er ihnen in dem Hotel, das er damals leitete, Zuflucht gewährte.

Ich sitze am Swimmingpool im "Hôtel des Mille Collines", wie das "Hotel Ruanda" in Wirklichkeit heißt. Neben mir erholt sich eine schwedische Familie von ihrem Safari-Abenteuer. Das Übermaß an Personal im Verhältnis zu den wenigen Gästen trägt zur kolonialen Atmosphäre bei.

Vor knapp 18 Jahren ging es hier anders zu. Granaten schlugen im Poolbereich ein, und die Fensterscheiben des Hotels zersplitterten - aber die gut 1200 Menschen, die hier Schutz gesucht hatten, überlebten. Dank dem Hotelmanager, der mit seinem Mut und seiner Cleverness die Mordpatrouillen auf Abstand hielt. So wurde es uns jedenfalls erzählt. Bisher.

"Als Erstes kassierte er Geld von den Flüchtlingen"

Neuerdings aber zeichnet sich ein anderes Bild ab. Rusesabagina soll ganz und gar kein Held gewesen sein, sondern ein zynischer Geschäftemacher, der aus dem Genozid sein Kapital schlug.

Ich treffe Pasa Mwenenganuka, der an der Rezeption des "Mille Collines" arbeitet und in jenen dramatischen Monaten zu denen gehörte, die hier Zuflucht gefunden hatten. Im Film wird er als widerspenstiger Angestellter porträtiert, der Rusesabaginas heldenhafte Anstrengungen hintertreibt.

"Nachdem der damalige Hoteldirektor das Land verlassen hatte, ließ Rusesabagina sich von dem belgischen Eigentümer zum Chef ernennen", berichtet Mwenenganuka. "Als Erstes kassierte er Geld von den Flüchtlingen, als wären sie Hotelgäste. Wer nicht zahlen konnte, bekam weder Wasser noch Essen und wurde aus den Hotelzimmern ausgesperrt. Und als die Leute kein Geld mehr hatten, zwang er sie, ihm ihre Autos und Häuser zu überschreiben. Wie kann man einen solchen Menschen als Helden bezeichnen?"

Ich besuche Freddy Mutanguha, den Leiter des Kigali Memorial Center, in seinem Büro. Auch er reagiert aufgebracht: "Der größte Skandal besteht darin, dass Rusesabagina immer noch mit Preisen und Medaillen belohnt wird - am schlimmsten ist, dass er die Raoul-Wallenberg-Medaille bekommen hat." Und, wie man hinzufügen darf, den Lantos Foundation Prize, eine der nobelsten Ehrungen, die für Heldentaten zur Verfügung stehen - benannt nach dem amerikanischen Politiker Tom Lantos, der von ebenjenem Raoul Wallenberg vor dem Holocaust bewahrt wurde.

Was hat nun der "Held", den zumindest die Elite von Kigali so verabscheut, selbst dazu zu sagen? Ich erreiche ihn in Belgien, wo er seit Jahren lebt. Als er hört, dass ich ihn aus seinem früheren Hotel anrufe, klingt seine Antwort etwas erschöpft, aber rhetorisch versiert.

"Bisher hat niemand solche Sachen behauptet. Erst jetzt, nachdem ich mich politisch geäußert habe und Präsident Paul Kagame sich bedroht fühlt. Fragen Sie doch die Leute, die mich kritisieren, warum sie das gerade jetzt tun." Es gehe vor allem darum, dass er den Flüchtlingen Geld abgenötigt habe, sage ich. Er versucht nicht, den Vorwurf zu widerlegen.