Geschichte der polnischen Juden Ein Werk, das einen neuen Standard setzt

Hier fanden die aus Deutschland und Frankreich zugewanderten aschkenasischen Juden Zuflucht, und hier entstand der legendäre Kosmos der Schtetl, jener ländlichen Siedlungen, in denen die Juden ein Drittel oder mehr der Bevölkerung stellten und ganz den Regeln ihrer Religion hingegeben lebten. Es waren die größten und geschlossensten jüdischen Gemeinden Europas, ihre Mitglieder sprachen Jiddisch, ein Amalgam aus importiertem Mittelhochdeutsch und Hebräisch mit slawischen Einsprengseln.

Im neuen Museum nimmt dieses Universum, das das NS-Regime auslöschte, eine der acht Abteilungen ein. Zusammen mit Freiwilligen bauten Handwerker bei Workshops in den Synagogen acht polnischer Städte mehrere hölzerne Häuschen eines Schtetl nach. Das Prunkstück des Ensembles und des gesamten Museums ist die detailgetreue Kopie von Teilen einer barocken Synagoge, die 1650 in Gwoździec erbaut wurde, einem Ort in Galizien, der damals zu Polen gehörte und heute ukrainisch ist. Ihre farbenprächtige Holzdecke, mit Tier- und Pflanzensymbolen üppig bemalt, gibt eine Ahnung vom kulturellen Reichtum dieser untergegangenen Welt.

Kampf um die Menschenwürde

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Souverän wird hier mit hergebrachten wie mit den allerneuesten Ausdrucksmitteln der Museumskunst operiert - 170 historische Originalstücke konkurrieren mit 73 interaktiven und 120 passiven Multimedia-Positionen. Nie entsteht der Eindruck technologischer oder emotionaler Schaueffekte, alles steht im Dienste einer großen Erzählung, die Schautafeln, die Wandgemälde und die reproduzierten Faksimiles, das überglitzerte Krakauer Stadtrelief, die Geräuschkulisse oder der Touchscreen, der Alltagsszenen aus einem Schtetl reproduziert. Die Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts wird in einer nachgebauten Warschauer Geschäftsstraße präsentiert.

So ergibt sich ein markanter Unterschied zum Jüdischen Museum in Berlin; dieses steht ganz im Zeichen des vom Architekten Daniel Libeskind inszenierten gewaltsamen Bruches, den der Holocaust darstellt. Die Ansprache ist intellektuell, die entstandene Leerstelle stets gegenwärtig. Hingegen legt man es in Warschau darauf an, den Besucher erst einmal in jede der sechs Vorläufer-Epochen hineinzulocken. "Wir erschaffen ein Theater der Geschichte", sagt Barbara Kirshenblatt-Gimblett.

Umso stärker wirkt dann der Schrecken des Holocaust, wenn man nach den Jahr-hunderten des kreativen Miteinanders, das freilich schon im 17. Jahrhundert durch Massaker unterbrochen wurde, mit der Vernichtungsmaschinerie der Nazis konfrontiert wird, den Gaskammern und Mördergruben. Sie befanden sich nicht zufällig in jener europäischen Schicksalslandschaft zwischen Weichsel und Dnjepr, die im Mittelalter zum polnisch-litauischen Commonwealth und von 1795 bis 1918 zum zaristischen Russland gehörte, das hier für die Juden eigens einen Ansiedlungsrayon auswies. Er umfasste nicht nur den Osten Polens, sondern eben auch weite Teile Litauens, Weißrusslands, der Ukraine und Moldawiens. Es war kein Zufall, dass 1939 in diesem dann wieder überwiegend polnischen Gebiet wohl um die 80 Prozent aller europäischen Juden lebten, die sogenannten Ost-Juden, und dass gerade hier die Deutschen ihre Todeslager errichteten.

Heute gibt es in Polen nur noch 20 000 Juden

Das neue Warschauer Museum reicht deshalb über das heutige Polen weit hin-aus, es wird hier ein zentraler Strang der europäischen Geschichte und des Weltjudentums erfasst. Die Holocaust-Abteilung evoziert natürlich auch das Warschauer Ghetto, auf dessen Terrain das Museum ja steht, gleich neben dem Denkmal für die Helden des Ghettoaufstands von 1943. Man schöpft aus dem Geheimarchiv des Ghetto-Häftlings Emanuel Ringelblum, zeigt die Judenretter im Untergrund genauso wie andere, die Juden an die Deutschen verrieten oder bei Massakern mittaten, so in Jedwabne 1941. Auch die Hetzkampagnen der Nachkriegszeit fehlen nicht, sie trieben viele Holocaust-Überlebende fort. Heute gibt es in Polen nur noch etwa 20 000 Juden - 1939 waren es 3,3 Millionen, von denen 1945 nur noch 300 000 am Leben waren.

Die seit Jahren laufende Auseinandersetzung der Polen mit ihrer jüdischen Geschichte erreicht mit diesem Museum ihr höchstes Niveau, was auch den vielen internationalen Spendern zu verdanken ist, darunter die deutsche Regierung, und vor allem den Trägern des Projekts: der Vereinigung des Jüdischen Historischen Instituts in Polen, der Stadt Warschau und dem polnischen Kulturministerium.

Es ist ein Werk gelungen, das einen neuen Standard setzt und das ebenso wie andere Museen in Warschau, Krakau oder Danzig das neue, befreite Polen als eine Heimstatt ungeheurer Kreativität enthüllt. Vor allem aber wird mit diesem Haus und mit seiner Ausstellung den Opfern der Geschichte eine besondere Ehre erwiesen. Sie sind nicht vergessen.