"Generation Kunduz" im Kino Blinder Fleck

Seit Jahren sprechen alle über Afghanistan, und doch bleibt das Leben im Land ein Rätsel: Martin Gerner gewährt nun in seiner mutigen Dokumentation "Generation Kunduz" authentische Einblicke in den Alltag von Menschen, die in einem Krieg leben, den andere für sie führen.

Eilig schlurft Mirwais über die schlammigen Fußwege der Stadt Kundus. Mit kleinen, bestimmten Schritten, in zu großen Gummistiefeln, schlängelt er sich über einen Markt. Am Himmel über dem Zehnjährigen und dem alltäglichen Treiben der umkämpften Stadt liegt das unheilvolle Dröhnen eines Kampfjets. "Wenn eines dieser Flugzeuge abstürzt", sagt der kleine, ernste Junge, "sterben vier Amerikaner und fünfzehn meiner Landsleute."

Martin Gerners "Generation Kunduz" zeigt, wie wenig wir wissen über dieses Land - jenseits von Taliban und Isaf-Einsatz. Sein Dokumentarfilm zeichnet ein Bild von jenen Menschen, die seit zehn Jahren in einem Krieg leben, den andere für sie führen. Längst ist Kundus zum Symbol geworden für militärische Ausweglosigkeit und für den sinnlosen Tod von Zivilisten.

Neben dem Elend des Krieges erzählt Gerners Film aber vor allem von einer Generation junger Afghanen, die in einer von Angst bestimmten Gesellschaft um ein selbstbestimmtes Leben ringt. Die mit der "neuen Welt", mit Fortschritt und Gleichberechtigung gleichermaßen hadert und sie herbeisehnt. Beispielsweise Radioreporterin Nazanin - sie lebt in zwei Welten: Selbstbewusst spricht sie ins Studiomikrofon, auf der Straße aber versteckt sie sich unter einer weiten Burka.

Martin Gerners Dokumentation ist dank der Einblicke, die die Protagonisten in ihr Leben gewähren, ein überraschend mutiges und in der tristen Kargheit seiner Bilder authentisches Porträt einer Gesellschaft zwischen Hoffnung und Furcht. "Der Himmel ist zu weit, die Erde zu hart", wird ein graubärtiger Mann am Ende sagen. Wohin dieses Volk unterwegs sein könnte, lässt der Film offen. Eben darin liegt seine Stärke. ansc

GENERATION KUNDUZ, D 2011 - Regie und Buch: Martin Gerner. Kamera: Resa Asarshahab, Aziz Deldar, Martin Gerner. Eigenverleih, 80 Minuten.