"Francofonia" im Kino Von der Sehnsucht nach der Mumie

Marianne, das fleischgewordene Frankreich, und Napoleon persönlich spuken kunstkritisch durchs Museum.

(Foto: dpa)

In seinem wilden Filmtrip "Francofonia" lässt Alexander Sokurov Napoleon durch den Louvre wandeln, vertreibt Nazis aus dem Museum und verneigt sich vor der Kunstwelt.

Filmkritik von David Steinitz

Wirklich ganz gefährlich ist: zu erzählen, man wolle einen Film über ein Museum drehen. "Da schnarchen die Leute schon, bevor du überhaupt erklären kannst, worum es geht!".

So erzählt es mit zufriedenem Grinsen der russische Regisseur Alexander Sokurov im Gespräch. Die Frage: wie er auf die Idee kam, für seinen wilden Museumstrip "Francofonia" Napoleon durch den Louvre des Jahres 2016 marschieren zu lassen, in dem der Kaiser stolz die Gemälde bewundert, auf denen er selbst abgebildet ist: "Das bin ich!"

Mit Putin auf Kriegsfuß

Der 64-jährige Sokurov ist einer der leidenschaftlichsten Filmemacher Russlands, und er macht es sich gerne so unbequem wie möglich. 2011 gewann er mit seiner opulenten "Faust"-Adaption den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig. Und muss sich bis heute vom entsetzten Wladimir Putin, mit dem er sowieso auf Kriegsfuß steht, fragen lassen, warum er Russland bei einem so glamourösen und prestigeträchtigen Festival ausgerechnet mit einem urdeutschen Stoff habe vertreten müssen. Seine Goethe-Variation ist auch komplett auf Deutsch gedreht, obwohl er kein Deutsch spricht.

Die Leute erschrecken, wenn sie das Wort "Museum" hören

Die Nazis feiern im Louvre die Eroberung von Paris - eine Episode aus "Francofonia", die den heutigen Museumsverantwortlichen eher ungelegen kam.

(Foto: Piffl)

Wenn also ein Regisseur wie Sokurov, den schon immer faszinierte, dass die Menschen einen ausgeprägten Hang zum Einbalsamieren, Konservieren und Mumifizieren ihrer Kunst und Kultur haben, sich anschickt, dem Louvre ein filmisches Denkmal zu setzen - dann amüsieren ihn natürlich die daraus resultierenden Erwartungen. "Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Leute schon erschrecken, wenn sie nur das Wort Museum hören. Und wenn ich sage: ein Film über ein Museum - dann sind sie wirklich fix und fertig."

Dabei hat sein Projekt "Francofonia", das man am besten als Spiel- und Dokumentarfilm mit einer Nuance Experimentalfilm beschreibt, natürlich nicht das Geringste mit verstaubten Museumsvorhängen und Tourguide-Didaktik für Touristen zu tun.

Sokurov hat sich bereits ausführlich mit den großen Museen dieser Welt beschäftigt. 2001 drehte er zum Beispiel den rauschhaften Zeitreisetrip "Russian Ark" über die Eremitage in Sankt Petersburg. In einer einzigen, gut 90-minütigen Plansequenz jagt er sowohl durch das Gebäude als auch durch die letzten Jahrhunderte russischer Geschichte.

Francofonia

In "Francofonia" lässt Regisseur Alexander Sokurov illustre Gestalten der Vergangenheit und der Fiktion durch den Louvre spazieren. Auch er selbst tritt in Erscheinung. mehr ...

Hitler inspiziert die Straßen von Paris, während sein Kunstexperte mit den Franzosen paktiert

Wie man aber dem berühmtesten Museum der Welt, dem Louvre mit seinen jährlich mehr als zehn Millionen Besuchern, im Kino am besten beikommen könnte, das wollte ihm nicht recht einfallen. "Zumindest, bis ich von Franziskus Graf Wolff-Metternich hörte."

Sokurov ist studierter Historiker und überzeugter Bücherwurm, alles, was er über den Zweiten Weltkrieg in die Finger bekommt, verschlingt er sofort. Und so stieß er auf jenen Grafen, der damals, als die Nazis Paris okkupierten, Leiter des "Kunstschutzes" der Wehrmacht war. Der Louvre fiel unter seine Verwaltungshoheit.

Um die Schätze des Museums vor den eigenen Leuten zu retten, paktierte Wolff-Metternich im Frühjahr 1940, während Hitler stolz die Champs-Élysées inspizierte, mit dem damaligen Louvre-Direktor Jacques Jaujard. Die beiden standen sich zunächst als Feinde gegenüber, entwickelten über ihre gemeinsame Liebe zur Kunst und zum glitzernden Paris aber einen großen Respekt füreinander, es entstand fast so etwas wie eine Freundschaft.

Francofonia

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Nazis im Louvre, dem französischen Nationalstolz?

Diese Geschichte steht im Mittelpunkt der Spielfilmhandlung von "Francofonia", die Sokurov im echten Louvre nachgestellt hat, und die sein Kameramann Bruno Delbonnel, der schon für Tim Burton und die Coen-Brüder gearbeitet hat, als opulentes Historiendrama in satten Farben filmt.

Diese Geschichte war allerdings auch der Grund, warum die heutigen Louvre-Verantwortlichen zunächst nur bedingt begeistert waren, als Sokurov sie um eine Drehgenehmigung ersuchte. Der französische Nationalstolz und Nazis im Louvre? Nun ja, es gibt einfachere Kombinationen.

Sokurov sagt dazu: "Ich habe in vielen Museen der Welt gedreht, aber solche Zurückhaltung wie im Louvre habe ich nirgendwo auf der Welt erlebt. Wir durften leider nicht überall drehen, wo wir wollten, auch zeitlich waren wir sehr begrenzt, sodass wir manche Sachen, die im Drehbuch standen, gar nicht gemacht haben. Aber letzten Endes bin ich dankbar, dass die Louvre-Leute überhaupt mitgemacht haben, auch wenn es für die Franzosen ein schmerzhaftes Thema ist."

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Das fleischgewordene Frankreich und Napoleon treffen den Regisseur

Dabei ist dies nur eine Episode des Films, die Sokurov mit originalen Wochenschauaufnahmen und anderen Archivaufnahmen einrahmt. Neben dem Erzählstrang lässt er in sehr komischen Sequenzen die französische Nationalfigur Marianne und eben Napoléon Bonaparte, von Schauspielern nachgestellt, durch die Flure des heutigen Louvre spuken, in denen auch der Regisseur selbst vor dem ein oder anderen Gemälde steht und mit den beiden ins Gespräch kommt.

Gemeinsam philosophieren sie über die Bedeutung von Kunst und über die Bildnisse, die sich die Menschheit im Lauf der Jahrhunderte von sich selbst gemacht hat. Was wäre Europa schon ohne die Porträtmalerei? Wie anders würden wir Menschen uns selbst sehen, wenn wir nicht die Augen derjenigen betrachten könnten, die vor uns gelebt haben? Und das Dauerthema von Sokurov: Beeinflussen oder verhindern Kunst und Politik sich gegenseitig?

Das Museum ist Konservierung - so wie das Kino

Durch die Geister und die Spielfilmhandlung, die alten Archivbilder und die aktuellen Dokumentarfilmaufnahmen verschwimmen in "Francofonia" die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, formal und inhaltlich zugleich. Sie werden zu einem neuen zeitlichen Flickenteppich zusammengesetzt, der Geschichtsschreibungsprozesse genauso reflektiert wie die merkwürdige Dialektik von manischer Konservierungslust und natürlichem Verfall, die in der Institution Museum zwangsläufig aufeinandertreffen.

Um diese Überlegungen in sein wildes Essay einzuweben, schloss Sokurov von Anfang an aus, mit Nachbauten oder Kulissen des Louvre zu arbeiten. "Natürlich ist der Drehprozess komplizierter, wenn man im Museum dreht. Aber wenn man sich dort befindet, spürt man die Realität, die Ausstrahlung, die Aura - und kann dieses Gefühl hoffentlich auf den Zuschauer übertragen."

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Für jedes Kunstobjekt, das im Film gezeigt wird, haben Sokurov und sein Kameramann eine individuelle Beleuchtung ausgetüftelt und eine jeweils ganz subjektive Kameraansicht gewählt, was die Sehnsucht nach Mumifizierung, um die es in dieser Geschichte geht, nochmals verstärkt. Denn das Kino mit seinen künstlichen Stilmitteln zur Konservierung ist seit seiner Erfindung natürlich die Königsdisziplin aller Archivierungsversessenen und Mumifizierungssehnsüchtigen. Der Regisseur Sokurov behauptet zwar etwas anderes, er sagt: "Ich liebe die Literatur viel mehr als die Filmkunst." Aber diese Aussage kann man nach dem Bilderrausch "Francofonia" getrost als sympathische Lüge abhaken.

Francofonia, F/D/NL 2015 - Regie und Buch: Alexander Sokurov. Kamera: Bruno Delbonnel. Mit: Louis-Do de Lencquesaing, Benjamin Utzerath, Vincent Nemeth, Johanna Korthals Altes. Piffl Medien, 88 Minuten.

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