Filmfest München 2013 Auf der Spur des neuen Mannes

Und zum Beispiel Hausmann werden. Während Caroline Link in "Exit Marrakesch" von einem Theaterregisseur erzählt, der große Karriere gemacht hat, als Vater nicht verfügbar war und vom Schicksal gezwungen werden muss, sich zu seinem Vatersein zu bekennen, findet sich in Robert Thalheims "Eltern" ein Theaterregisseur, der einige Jahre den Beruf vernachlässigt hat, um für die Kinder (zwei Mädchen mittlerweile im Alter von zehn und fünf Jahren) da zu sein und seiner Frau, die als Klinikärztin beruflich reüssieren will, den Rücken frei zu halten.

Ein Hausmann, der seine Erziehungsaufgabe mit Bravour meistert und dabei an seiner Maskulinität doch keinen Schaden genommen hat. Jetzt aber will er wieder in seinen Beruf einsteigen, und das führt zu Problemen. Noch nie wurde in einem deutschen Kinofilm dieses Dilemma aus männlicher Sicht herausgefiltert und mit komödiantischem Elan versehen.

Das bisschen Erziehungsarbeit

Ein Familienfilm der neuen Art, bei dem im Grunde die Kinder die Hauptrollen spielen. Was den Eltern gar nicht so klar ist. Sie organisieren die Dinge an der Oberfläche, subtextuell aber hält die zehnjährige Tochter die Fäden in der Hand. Und die Versorger-Mutter übernimmt Entwertungs-Denkweisen - in nadelstichfeinen giftigen Bemerkungen (sie ist Anästhesistin!) gibt sie dem Ehemann zu verstehen, dass die Erziehungsarbeit doch nichts Besonderes sei, und dass er die Hausmannrolle wohl nur deshalb übernommen habe, weil es ihm beruflich an Talent mangele.

Die Filmfestreihe "Neues deutsches Kino" überrascht mit einer erfreulichen Vielfalt an Sujets, Genres und Arbeiten, die auch stilistisch Neuland suchen. Thematisch werden einige Dinge aufgegriffen, die offenbar in der Luft liegen: Neugierde auf das Leben in der Provinz, Milieus jenseits der großstädtischen Mittelklasse, es gibt jede Menge Exkursionen in Wald- und Wiesenlandschaften - aber das Neue-Männer-Thema hinterlässt doch die deutlichste Spur.

Olli Dittrich als Prototyp des Normalos

Axel Ranischs "Ich fühl mich Disco" präsentiert nicht einfach die handelsübliche Geschichte eines Schwulen-Outings, sondern bezaubert durch eine eigenwillige Mischung aus Home-Movie-Charme, tragikomischem Burlesk-Ton und Phantasieüberschwang. Eine autobiografische, dem Vater gewidmete Erzählung, die noch in ihren Traumsequenzen die Wahrhaftigkeit von Tagebuchbekenntnissen durchscheinen lässt.

David Dietl hat sich für seine Gesellschaftssatire "König von Deutschland" eine tolle Story ausgedacht und Olli Dittrich mit einer Glanzrolle beschenkt: Dittrich als Prototyp des deutschen Normalo-Mannes, der von Marketing-Strategen als Versuchskaninchen missbraucht wird. Auch wenn Ton und Rhythmus der Erzählung schwanken, gelingt Dietl ein cooler, schwarzhumoriger Hyperrealismus.

Die vorsätzliche Blindheit der Politik gegenüber rechtsradikalem Terror attackiert Daniel Harrich in seinem mit besonderer Spannung erwarteten "Der blinde Fleck". Ein Münchner Rundfunkjournalist, Ulrich Chaussy (Benno Fürmann), gibt sich nicht damit zufrieden, dass das Oktoberfestattentat von 1980 - der schwerste Terroranschlag in der BRD-Geschichte mit 13 Toten und über 200 Verletzten - zur Aktion eines verwirrten Einzelnen erklärt wird. Er findet offensichtliche Hinweise, dass der Täter Hintermänner in der rechtsradikalen Szene hatte. Er stößt auf Vertuschungen und haarsträubende Manipulationen und lässt über drei Jahrzehnte hinweg nicht locker mit seinen Nachforschungen.

Aus der Genre-Perspektive betrachtet ein Polit-Thriller, es finden auch nächtliche Treffen mit dem Insider-Informanten und eine Action-Verfolgungsjagd in klassischer Manier statt - aber Daniel Harrich meidet in seinem souveränen Spielfilmdebüt alles Formelhafte des Genres. Weder bemüht er Verschwörungstheorien, noch stilisiert er Chaussy zum Helden des investigativen Journalismus. So gelingt es ihm, seiner penibel recherchierten Geschichte Nähe, aufwühlende Evidenz und Aktualität zu verleihen.