"Django Unchained" im Kino Wer hat Angst vorm weißen Mann?

Von schwer zu ertragender Brutalität, aber nicht so grausam wie die Realität der Sklaverei: Quentin Tarantino betreibt filmischen Exorzismus mit seinem "Django Unchained" und jagt den Typus "white American male" in die Luft.

Von Tobias Kniebe

Etwa in der Mitte des Films wird ein entflohener, wieder eingefangener Sklave seinem Besitzer vorgeführt. Er hat fünfhundert Dollar gekostet, er hört auf den Namen D'Artagnan, jetzt ist er halb blind, voller Wunden und Narben, und bettelt um sein Leben. Die Sklavenjäger, die ihn aufgespürt haben, führen drei riesige, geifernde Hunde mit. Die Leithündin heißt Marsha. Der Sklavenbesitzer hält eine kleine Ansprache, warum er als Geschäftsmann jetzt eindeutige, auch abschreckende Maßnahmen ergreifen muss. "Lassen Sie Marsha und ihre Bitches los", sagt er dann. "Schicken Sie ihn in den Niggerhimmel."

Und so geschieht es. Ein Mensch, der in der Ökonomie der Sklaverei nichts mehr wert ist, wird von deutschen Schäferhunden zerfleischt. Wie das eben so passiert, wenn man einen Filmemacher wie Quentin Tarantino, der seine künstlerischen Medien in Wort, Bild und Gewalt findet, auf das Thema Sklaverei loslässt. Und wie es, niemand leugnet das, im alten Süden der USA reale historische Praxis war. Noch grausamere Dinge sind dort täglich geschehen.

In der Tat, muss man also sagen, ist "Django Unchained" ein Film voll schwer zu ertragender, manchmal fast lachhaft überzeichneter Brutalität. Die Story ist simpel: Django (Jamie Foxx) wird von dem Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) freigekauft, weil dieser seine Hilfe braucht - beim Aufspüren und Töten weißer Verbrecher, die tot oder lebendig hübsche Summen einbringen. Bald reitet und schießt Django wie ein Westernheld, um schließlich sein Ziel ins Auge fassen: Seine geliebte Frau Broomhilda (Kerry Washington), die irgendwo im Süden auf einer Plantage schuftet, zu befreien und in den Norden zu führen.

Debatte über die Verbrechen der Geschichte

Man kann eine solche Phantasiestory ablehnen, gerade bei diesem Thema, und den Film gar nicht ansehen. Wie der schwarze Filmemacher Spike Lee der damit Respekt gegenüber seinen Vorfahren ausdrücken will. Man kann die Gewalt darin verurteilen. Und doch muss man festhalten: Der Film ist nicht annähernd so gewalttätig wie die Zeit, in der er spielt. Es beginnt, im Vorspann angezeigt, im Jahr 1859. Zwei Jahre vor dem Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs, zwei Jahre bevor dann ein bis dahin unvorstellbares Blutvergießen nötig wird, um die Praxis der Sklaverei nicht einmal zu rächen, sondern einfach nur zu beenden.

Die Hundeszene spielt also im Rahmen des Erwartbaren. Sie weicht aber auch von Tarantinos üblichen, kunstblutspritzenden, eher comicartigen Gewaltdarstellungen ab. Wenn man wissen will, warum dieser Film in den USA so kontrovers diskutiert wird, warum er eine Debatte über die Verbrechen der Geschichte in Gang brachte, wie sie Amerika seit Jahren nicht mehr geführt hat - dann gilt es, gerade diese Unterschiede zu betrachten.