Digitales Zeitalter Die total technisierte Gesellschaft braucht Romantik

Schon längst wundert sich niemand mehr über all die Menschen, deren Blick im Sekundentakt aufs kleine Display in ihren Händen geht.

(Foto: REUTERS)

Mit Algorithmen und Apps wollen wir unser Leben verbessern. Doch dieser Optimierungswahn entzaubert unsere Welt.

Ein Gastbeitrag von Tim Leberecht

Die Quantifizierung des Lebens war ein großes Versprechen. Alles sollte besser werden. Die Arbeit, die Gesundheit und letztlich der Mensch. Apps und Programme können die Leistung, den Blutdruck und den Schlaf kontrollieren. Doch die Datafizierung des Arbeitsplatzes geht inzwischen weit über alles hinaus, was man mit herkömmlichen Techniken hatte messen können.

Soziometrische Applikationen wie der "Meeting Mediator" zeichnen auf, wer in Konferenzen das Gespräch dominiert, und sogenannte Mood oder Sentiment Analytics messen emotionale Schwingungen im Laufe des Arbeitstages. Das mag als digitaler Taylorismus anmuten, mit Datenanalysten als den Bürokraten der Netzökonomie, aber letztlich ist es eine konsequente Erweiterung der Maxime des modernen Managements: "Man kann nur managen, was man misst."

Algorithmen können alles. Aber sie kennen kein Mitgefühl

Der Widerstand allerdings wächst. Nicht nur, weil Geheimdienste die Messbarkeit zur Totalüberwachung benutzen. Auch Unternehmen wecken mit ihren Kontrollmechanismen Ängste und Zorn. Während des Geiseldramas in Sydney im letzten Winter erhöhte der Taxidienst Uber aufgrund gestiegener Nachfrage kurzfristig seine Preise in der Stadt. Die australische Öffentlichkeit war empört.

Ähnlichen Unmut erregte Facebook mit seinem personalisierten Jahresrückblick. Für jeden Nutzer stellt das soziale Netzwerk jedes Jahr eine Art "Best of" an Updates zusammen und präsentiert sie als farbenfrohes und fröhliches Album. Als der Amerikaner Eric Meyer seine persönlichen 2014-Highlights öffnete, sah er sich dabei plötzlich mit einem Foto seiner im vergangenen Jahr verstorbenen Tochter konfrontiert. Wie bei Ubers Fehler steckte auch hinter Facebooks unglücklicher Entscheidung ein Algorithmus. Der kann alles, nur kein Mitgefühl, und in einem Blog-Eintrag sprach Meyer daraufhin von "versehentlicher algorithmischer Grausamkeit".

Algorithmen sind die kleinen Katalysatoren der großen Datafizierung. Gemeinsam mit Big Data sind sie die Gestaltungsmittel unserer Zeit. Sie helfen, die Welt zu vermessen, zu begreifen und zu verwerten. Amazon und andere Online-Händler reduzieren uns auf eine Serie von Klicks in immer enger werdenden "Filterblasen", in denen intelligente "Empfehlungsmaschinen" uns das zu sehen geben, was wir schon einmal gesehen haben. Google beansprucht für sich die absolute algorithmische Wahrheit und beginnt Suchergebnisse nicht nur nach Popularität, sondern auch nach "Wahrhaftigkeit" zu ranken.

Die Applewatch markiert den Beginn einer neuen Ära

Und selbst Apple, unter Steve Jobs noch umgeben von der Aura des Geheimnisvollen Genius, zeichnet sich unter seinem Nachfolger Tim Cook vor allem durch Effizienzmaschinen aus. Die Apple Watch markiert den Beginn einer neuen Ära: Sie bedient das "quantifizierbare Selbst", die Idee der totalen Datafizierung aller Lebensbereiche und der permanenten datenbasierten Selbstoptimierung.

Eine Armbanduhr, die alles misst und uns ständig auf dem Laufenden hält. Die Apple Watch steht für das "quantifizierbare Selbst".

(Foto: AFP)

Wir sind wieder an einem Punkt der Entzauberung angekommen, der alle hundert Jahre eintritt. Angesichts der Rationalisierungs- und Normierungszwänge des Industriezeitalters beklagte Max Weber bereits im Jahre 1919 die "Entzauberung der Welt". Und er war damit nicht der Erste. Im späten 18. Jahrhundert hatte sich zuvor die romantische Bewegung in England und Deutschland gegen das Regime der empirischen Vernunft und Aufklärung gewandt, gegen eine von der Rationalität vorangetriebene Entzauberung.

Eine neue Form der Romantik könnte auch heute eine Gegenbewegung zur drohenden Total-Quantifizierung unseres Lebens werden. Lange war sie ein Unwort, verdächtig, weil sie eine übertriebene Gefühligkeit symbolisiert, die man in der Liebe, aber nicht im Leben zulassen will. Doch nun braucht die technisierte Gesellschaft sie mehr denn je.

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Es ist eine uralte Frage der Menschheit und bedeutet für jeden etwas anderes. Trotzdem scheint eine klare Antwort in unserer Gegenwart schwieriger denn je. Von Bernd Graff mehr ... Essay

Von den romantischen Dichtern der Vergangenheit bis zu den romantischen Helden der Pop-Kultur sind die entscheidenden Merkmale des Romantikers über die Jahrhunderte hinweg mehr oder weniger dieselben geblieben: eine Emanzipation der Gefühle und der Sinne vom Intellekt. Dazu kommen Interesse am Fremden und an (Welt-)Fremdheit, die Pose des Widerspruchs, eine Wertschätzung für das Erhabene, Geheimnisvolle und Heimliche und der Glaube an Vorstellungskraft und Schönheit als Wege zu spiritueller Wahrheit. All diesen Charakterzügen ist das Streben nach einem erfüllteren Leben gemeinsam, das die Grenzen der Rationalität, der sozialen Normen und der kognitiven und emotionalen Kohärenz hinter sich lässt.