Debatte über Beschneidungen Aufklärung würde heißen, die eigene Weltanschauung zu relativieren

Aber die frappante Verständnislosigkeit für alles, was sich aus anderen als diesseitigen Beweggründen herleitet, ist nicht nur ästhetisch verheerend, insofern sie etwa den Zugang zu weiten Teilen der menschlichen, damit auch abendländischen und noch modernen deutschen Kunst- und Literaturgeschichte verbarrikadiert. Die religiöse Unmusikalität, die in der Regel mit einer Unkenntnis der je eigenen Tradition einhergeht, wirft auch für den Zusammenhalt der Gesellschaft gravierende Probleme auf, solange Gott noch nicht allen Bürgern oder Bevölkerungsteilen gleichgültig ist. Denn was gerne Indifferenz genannt wird, ist es ja gerade nicht, sondern häufig höchst fundamentalistisch gegenüber denen, die die Welt nicht so indifferent sehen. Das Urteil des Kölner Landgerichts, das die Beschneidung von jüdischen und muslimischen Kindern verbietet, weil sie diese ausschließlich für Körperverletzung hält, ist hierfür das jüngste Beispiel.

Natürlich: Wenn man die Wirklichkeit des Glaubens, der Tradition, der für heilig gehaltenen Schriften, des vorgeschichtlichen Rituals und des religiösen Gesetzes einmal außer Acht lässt, die Angelegenheit also rein vom Hier und Jetzt, mit der Ratio jenes Menschenverstandes betrachtet, der sich selbst für gesund hält und dabei auch die Geschichte des Antisemitismus nicht kennt, für die das Verbot der Beschneidung zentral ist, kann man, muss man vielleicht sogar in dem hochheiligen Akt nur eine Körperverletzung und einen unzulässigen Eingriff in die Autonomie eines Kindes sehen.

Eben mal so viertausend Jahre Religionsgeschichte obsolet

Wenn ein Gottesgebot nicht mehr als Hokuspokus ist und jedweder Ritus sich an dem Anspruch des aktuell herrschenden Common Sense messen lassen muss, wird die Anmaßung eines deutschen Landgerichts erklärbar, mal eben so im Handstreich viertausend Jahre Religionsgeschichte für obsolet zu erklären. In einer solchen Logik ist auch die Blasphemie etwa so schlimm wie die Beschimpfung einer Wand. Aufklärung ist etwas anderes.

Aufklärung, wie sie gerade auch die deutsche Philosophie gelehrt hat, würde heißen, die eigene Weltanschauung zu relativieren und also im eigenen Handeln und Reden immer in Rechnung zu stellen, dass andere die Welt ganz anders sehen: Ich mag an keinen Gott glauben, aber ich nehme Rücksicht darauf, dass andere es tun; uns fehlen die Möglichkeiten, letztgültig zu beurteilen, wer im Recht ist. Aufklärung ist nicht nur die Herrschaft der Vernunft, sondern zugleich das Einsehen in deren Begrenztheit.

Der Vulgärrationalismus hingegen, der sich im Urteil des Kölner Landgerichts ausdrückt, setzt den eigenen, also heutigen Verstand absolut. Von dort ist es bekanntlich nicht weit zum Biologismus, der eine rein naturwissenschaftliche Betrachtung der Schöpfung auf die Gesellschaftsanalyse überträgt. Es fällt auf, dass die gleichen rechtsgerichteten Foren, die gegen Martin Mosebach wüten, Thilo Sarrazin am vehementesten unterstützten. Aber auch von jenen Linksintellektuellen, die öffentlich gegen ihren Kollegen Stellung beziehen, ist nicht bekannt, dass sie sich so prompt auch über "Die Abschaffung Deutschlands" erregt hätten. Es hätte allerdings auch Mut erfordert, sich mit den Medienkonzernen anzulegen, von denen man als Schriftsteller abhängig ist.

Der Schriftsteller, Publizist und Orientalist Navid Kermani lebt in Köln. Zuletzt ist von ihm der Roman "Dein Name" erschienen (Carl Hanser Verlag, München 2011). In diesem Jahr wurde er mit dem Kölner Kulturpreis ausgezeichnet.