Debakel um neuen Konzertsaal Gute Nacht, München!

Wenn die herrschenden Bürokraten auch schon früher verhindert hätten, gäbe es keine Pinakothek der Moderne, keine Ludwigstraße, keine Bayern-Arena, kein Maximilianeum, keinen Olympiapark und keine Frauentürme.

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Nach zehn Jahren Debatte um einen neuen Münchner Konzertsaal macht das Ergebnis fassungslos. Wären öffentliche Bauherren schon immer so mutlos gewesen, die Stadt wäre für alle Zeiten ein Dorf geblieben.

Von Gerhard Matzig

Der letzte übriggebliebene Traum: Das ist ein Turm mitten in München, der vom Marienplatz bis zum Mond reicht. Mindestens. Er bestünde, würde man ihn wahr werden lassen, inmitten dieser tendenziell irren Münchner Tage, aus Gutachten, Memos, E-Mails, Plänen, Kostenaufstellungen, Sitzungsprotokollen, Gegengutachten, Standortanalysen und Gegengegengutachten. Und aus etlichen Millionen Euro, die all dies gekostet hat. Bekrönt aber wäre der Turm von zwei Titanen, die in Wahrheit Münchner Faschingsprinzen sind. Der eine stammt aus der Staatskanzlei, der andere aus dem Rathaus.

Nach einem langen Jahrzehnt, in dem sich Hunderte von Experten darum bemüht haben, den besten Plan für einen neuen Konzertsaal in der Musikmetropole München hervorzubringen, haben jetzt Horst Seehofer und Dieter Reiter den allerbesten Plan der erst ohnmächtig staunenden und mittlerweile fassungslosen Welt präsentiert: Der bayerische Ministerpräsident Seehofer (CSU) und der Münchner Oberbürgermeister Reiter (SPD) sind der Meinung, die beste Idee in der Musikweltstadt München bestehe darin, gar keine Idee zu haben.

Der dringend benötigte neue Konzertsaal soll demnach endgültig nicht gebaut werden. Verkündet wurde eine bizarre Minimallösung. Nämlich die Sanierung des 30 Jahre alten Gasteigsaales, der unrettbar verkorkst ist seit 30 Jahren. Dazu kommt noch eine Nanolösung. Nämlich das Aufmöbeln des Herkulessaales, der auch in Zukunft das sein wird, was er schon immer war: zu klein.

Die Große Koalition der Kleingeistigkeit

Verkauft aber werden diese Minitaten als Maximalvisionen beherzter Männer der Macht. In München herrscht somit die Große Koalition der Kleingeistigkeit. An Absurdität ist dieser Schildbürgerstreich der kulturpolitischen, stadträumlichen und architektonischen Ignoranz nicht mehr zu überbieten. Wenn man an der Isar noch ein nun wirklich allerletztes Gutachten benötigen würde, dann eines über den Geisteszustand jener, die sich das ausgedacht haben - und dafür mehr als zehn Jahre gebraucht haben.

Man fragt sich, wie München aussähe, wenn die herrschenden Bürokraten, die so gerne Titanen wären, aber doch nur vom Zwergendasein, von Ideenlosigkeit und Visionsarmut, von Blutleere und vom Kleinkarierten erzählen können, auch schon früher gewirkt hätten. Beziehungsweise: Wenn sie auch schon früher verhindert hätten. Dann gäbe es keine Pinakothek, keine Ludwigstraße, keine Residenz und kein Maximilianeum. Keine Frauenkirche. Keinen Flughafen. Kein Olympiastadion. Keine Universitäten.

München wäre für alle Zeiten ein Dorf an der Isar geblieben. Quer durch alle bauhistorischen Schichten kündet München ausweislich seiner prägenden Bauten, die immer auch Motoren des kulturellen Selbstverständnisses waren, von einem Auftrag im Sinne seiner Bürger. Dieser Auftrag wurde nun durch die Politik aufgekündigt.

Man wird sich angesichts des aktuellen Debakels dankbar an den jungen Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel erinnern, der die Olympischen Spiele 1972 nach München geholt hat. Schon zuvor, seit den frühen Sechzigerjahren, haben er und andere im Wortsinn Verantwortliche den U-Bahn-Bau in München als damals technologische und finanzielle Utopie so umsichtig wie mutig wahr werden lassen. Eine große Leistung war das.

Und die Olympia-Anlagen? Man baute mit einem völlig unbekannten Architekturbüro (Günter Behnisch und viele Kollegen), kannte die Kosten nicht exakt (und irrte sich um etwa 1800 Prozent) - und die Ingenieure konnten nicht völlig sicher die Standfestigkeit garantieren, da die gesamte Zeltkonstruktion in diesem Maßstab konstruktives Neuland war. Es war verwegen, das alles zu wagen. Es war beherzt. Es war richtig - wie wir heute wissen. Nun amtieren Furcht und ein Kleinmut, der sich als Tatkraft brüstet.

Deutschland leidet - an sich selbst

Was ist eigentlich los in Städten wie München? Denn an der Unfähigkeit, Großes hervorzubringen, leiden ja auch andere Gemeinwesen. Große wie kleine. Auch Bonn traute sich, nach Plänen von Zaha Hadid, keinen neuen Konzertsaal zu. Überall ist die gleiche Gemengelage aus Bauherren-Inkompetenz und Angst vor wutbürgerlichen Reaktionen zu diagnostizieren. Dazu ein gravierender Mangel an baukultureller Bildung. Das Ergebnis: Visionslosigkeit. Deutschland steht still. Es will nichts mehr. Kann nichts mehr. Deutschland leidet an sich selbst - wie sich das kein anderes Land in dieser Weinerlichkeit zumuten würde. Deutschland: ein Oberjammergau.

Fehlt Deutschland die Entschlossenheit, um Großprojekte umzusetzen?

Zehn Jahre hat München gebraucht, um zu einer Entscheidung zu kommen: Der neue Konzertsaal wird nicht gebaut. Spiegelt die Münchner Debatte den deutschen Umgang mit Großprojekten wider? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Es ist nicht so, dass uns die Architekten und Ingenieure abhandengekommen wären. Die Pläne und Ideen. Sondern es mangelt uns an öffentlichen Bauherren, die etwas anderes sind als Bauherrchen. Wie auch an einer Öffentlichkeit, die etwas anderes ist als eine wutbürgerliche Nein-danke-Gesellschaft, die in ihrer Überalterung und Perspektivlosigkeit Gefallen daran findet, den Status quo zu verteidigen gegen Veränderungen und Risiken aller Art.

Jedes Land verwirklicht seine Sehnsüchte in seinen Bauten. Darin beweist es Haltung und findet zu sich selbst. Was Deutschland will, findet sich in all den Schubladen, wo die Gutachten und Gegengutachten aufbewahrt werden: Es will das große Ach-lieber-doch-nicht.

Die Angst macht aus Bauherren Bauherrchen

Die Bauherren, zumal solche aus der Politik, sind inkompetent und mutlos. Nur wenige haben einen Begriff von jener Baukultur, in der früher sogar die Könige unterrichtet wurden. Das lässt sich in der Baugeschichte nachlesen. Kaiser Joseph I. ging beim älteren Fischer von Erlach in die Lehre ("architectura civili et militari"); Chambers unterrichtete König Georg III. Klengel ließ August den Starken Fassaden entwerfen - und Klenze brachte dem bayerischen Kronprinzen und späteren König Ludwig I. die Kunst des Bauens bei.

Bauherren waren mächtig - aber auch verantwortlich. Nicht alle. Doch heute sind es fast alle nicht - und zwar gerade dort, wo es um öffentliche Gelder geht. Die Bauherren haben Angst vor der Wut einer offensichtlich baumüden Öffentlichkeit und davor, Fehler zu begehen, für die sie einstehen müssten.

"Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind!" Das dichtete einst Bert Brecht, der Augsbuger. Er fand damals, dass das Beste an Augsburg der Zug nach München sei. Bald wird das Beste an München der Zug nach Augsburg sein. Und in München bleibt zurück: ein angemessenes Denkmal hiesiger Kultur. Es ist das turmhohe Nichts.