"Cerro Torre" im Kino Das Unmögliche wollen müssen

Auf dem Weg zum Gipfel: David Lama in der Steilwand des Cerro Torre, einer aberwitzigen Granitfelsnadel in den südlichen Eisfeldern Patagoniens.

Zeitlupe, Tricktechnik, Hubschrauberflüge und dramatische Musik: In dem Bergdrama "Cerro Torre" demonstriert Thomas Dirnhofer, wie stark der Einfluss von Red Bull den Dokumentarfilm verändert. Immer wieder sieht das Dargestellte zu schön aus, als dass es sich wahr anfühlt.

Von Martina Knoben

Dieser Berg hat Eigenschaften, wie sie sonst nur Menschen haben; er hat was Böses, etwas Mysteriöses, etwas Schreckenerregendes", hat Werner Herzog über den Cerro Torre geraunt. Der Cinemaniac unter den deutschen Regisseuren hat der Felsnadel in den südlichen Eisfeldern Patagoniens den entsprechenden Film gewidmet: "Schrei aus Stein" (1991), nach einer Idee von Reinhold Messner.

Viel Pathos und viel Bergsteigergeschichte umgeben diesen Gipfel und bilden einen hervorragenden Resonanzraum für Thomas Dirnhofers Dokumentarfilm. In seinem Zentrum: David Lama, der Sohn eines Nepalesen und einer Österreicherin. Er ist einer der besten Hallenkletterer der Welt, als er 2009 verkündet, den schönen, schrecklichen Turm aus Granit frei klettern zu wollen. Das Projekt gilt als unmöglich. Lama ist neunzehn damals, ein Kindmann, dem man seine athletischen Fähigkeiten kaum ansieht. Und er ist kein Alpinist. Sein Revier sind die Kletterhallen, dort wurde er Jugend- und Europameister, Erfahrung am Berg hat er kaum.

"Cerro Torre. Nicht den Hauch einer Chance" zeigt Lamas Versuche, den Berg zu bezwingen, drei Jahre wird das dauern. Dabei zeigen Dirnhofer und Lama in diesem eigenartigen, spannenden Film, was alles machbar ist - am Fels wie im Kino. Es wird nämlich nicht nur die sportliche Höchstleistung David Lamas dokumentiert. Der Film selbst ist eine Leistungsschau, führt wie in einem Schaukasten das Instrumentarium vor, über das der Dokumentarfilm mittlerweile verfügt.

In einer fortlaufenden Reihe von Kinofilm-Abenteuern, die vom Getränkehersteller Red Bull initiiert, finanziert und auch ins Kino gebracht werden, markiert "Cerro Torre" einen neuen Höhepunkt. Stets geht es dabei um Extremsportler, die über ihre Grenzen gehen und die Natur herausfordern. Die Möglichkeit, dieses Duell auch zu verlieren - mit durchaus tödlichem Ausgang - ist dabei einkalkuliert, und es passiert auch. Die filmischen Mittel, die zum Einsatz kommen, sind ebenfalls extrem.

War es so, als der Berg noch rief?

Zeitlupe, Tricktechnik, Hubschrauberflüge, dramatische Musik, sogar eine reine Zeichentricksequenz gibt es in dieser Doku. Dazu die klassischen Zutaten des Dokumentarischen - Interview, schwarz-weiße Archivaufnahmen. Damit beweisen die Filmemacher die gleiche Frechheit, Souveränität und Lässigkeit im Umgang mit der Tradition wie David Lama als Bergsteiger. Der nimmt es in einem köstlich ironischen Filmschnitt sogar mit Reinhold Messner auf, der aus dem Off als Übervater des modernen Alpinismus auftaucht und dem jungen Kletterer Hybris vorwirft. Was dieser lässig kontert, mit österreichischem Akzent: "Reinhold, des is a Missverständnis."

Wie sehr die Geschichte des Bergsteigens und des dazugehörigen Bergfilms den Zeitgeist spiegelt, wird schon zu Beginn deutlich, wenn Dirnhofer die legendäre und höchst umstrittene Erstbesteigung des Cerro Torre nacherzählt: Angeblich erreichten Cesare Maestri aus Italien und Toni Egger aus Österreich 1959 den Gipfel.

Beim Abstieg stürzte Egger jedoch ab - und mit ihm die Kamera mit dem angeblichen Gipfelfoto. Dirnhofer präsentiert die Geschichte vom Abstieg im Eis und dem gerissenen Seil als Mini-Bergfilm mit historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen und Schicksalsmusik. War es so, als der Berg noch rief und sich einzelne kühne Männern und ganze Nationen Kriege um die Gipfel lieferten?