Bestseller-Autor und Moderator Roger Willemsen ist tot

Roger Willemsen wurde 60 Jahre alt

(Foto: imago/Horst Galuschka)

Er gehörte zu den großen Intellektuellen des Landes: Roger Willemsen verstand es, im Fernsehen auf hohem Niveau unterhaltsam zu diskutieren.

Der Bestsellerautor und frühere Fernsehmoderator Roger Willemsen ist tot. Dies bestätigten sein Büro in Hamburg und sein Frankfurter Verlag S. Fischer.

Willemsen gehörte zu den bekanntesten deutschen Intellektuellen und wurde vor allem mit essayistischen Reisebüchern ("Die Enden der Welt", "Deutschlandreise") bekannt. Zuletzt landete er 2014 mit seinem Buch "Das Hohe Haus" einen Bestseller. Er hatte ein Jahr lang das Geschehen im Bundestag von der Tribüne als Zuhörer verfolgt. Die taz bewertete das Werk als "eine sprachlich präzise verfasste Ernüchterung", die dem Lesepublikum einen "erkenntnisbringenden Blick in unser politisches System" verschaffe.

Seine Fernsehkarriere startete Willemsen 1991 beim Bezahlsender Premiere. Dort moderierte er im Wechsel mit Sandra Maischberger zwei Jahre lang die Interviewreihe "0137", die nach der Telefonvorwahl benannt war, unter der sich Zuschauer an der montags bis freitags ausgestrahlten Live-Sendung beteiligen konnten.

Roger Willemsen - Schwebender mit Bodenhaftung

Roger Willemsen war ein Intellektueller, wie sie Deutschland zu selten hat: Er brachte seinen Kenntnisreichtum in die Öffentlichkeit. Nachruf von Lothar Müller mehr ...

Mit dem "0137"-Sendekonzept in der Spannweite von "Politik bis Boulevard" und "Talk ohne Tabu"-Magazin avancierte Willemsen zum Shootingstar unter den TV-Moderatoren. Mehr als 600 Interviews führte er in einem Jahr mit Prominenten und Unbekannten.

Seine Gästeliste reichte von der Schauspielerin Audrey Hepburn bis zu Palästinenserführer Arafat und schloss einen leibhaftigen "Menschenfresser" ebenso ein wie einen entflohenen Bankräuber. Selbst die Vergewaltigung eines jungen Mannes durch seine Mutter war für Willemsen kein Tabu.

Muster für intelligente Unterhaltung

Sein Anspruch, "genau zu sein", und seine unverwechselbare Gesprächsführung machten den Rekordinterviewer und sein Magazin preiswürdig: 1992 wurde er von einer unabhängigen Kritiker-Jury mit dem "Goldenen Kabel" für die "innovativste Sendung" und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. 1993 erhielt er den Grimme-Preis in Gold.

1994 wechselte der Autor zum ZDF und moderierte dort bis 1998 die Talksendung "Willemsens Woche", die nicht nur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1996) "als Muster für intelligente, wenn nicht gar intellektuelle Unterhaltung" galt. Im Schweizer Fernsehen moderierte er den "Literaturclub".

Seit Beginn der Neunzigerjahre trat Willemsen auch als Produzent von Dokumentationen, Interviews, Themenabenden und Preisverleihungen in Erscheinung. Daneben moderierte er immer wieder Fernsehsendungen, etwa die neunteilige ZDF-Porträt-Reihe "Willemsens Zeitgenossen" oder renommierte Kulturveranstaltungen wie die "Echo-Klassik-Gala", eine Brecht-Hommage zum 100. Geburtstag des Dramatikers, die "Romy-Schneider-Nacht" oder die "Casanova-Nacht".

Filme über Gerhard Schröder und Bordelle

Sein Debüt als Regisseur gab Willemsen 1996 mit dem Dokumentarfilm "Non Stop - Eine Reise mit Michel Petrucciani" über den französischen Jazz-Pianisten. Weitere Dokus unter seiner Regie trugen Titel wie "Gerhard Schröder - vom Kandidaten zum Kanzler" und "Bordelle der Welt" oder "Das Geschäft mit der Lust".

Daneben blieb er als schreibender Beobachter aktiv: Als Kolumnist des Zeit-Magazins und der inzwischen eingestellten Wochenzeitung Die Woche machte sich Willemsen mit kulturkritischen Beiträgen einen Namen und veröffentlichte auch in anderen renommierten Blättern.

Er stellte für den Deutschen Pavillon der Expo 2000 aus Gesprächen mit 55 Künstlern eine zehnstündige Videoinstallation mit dem Titel "Welcome Home. Künstler sehen Deutschland" her, bat ab der Spielzeit 2000/2001 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg im Rahmen des "Bühnengesprächs" prominente Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zum Gespräch.

Belletristisches Debüt im Jahr 2005

Kleine Filmrollen übernahm er in "Kai Rabe und die Vatikankiller" (1998), "St. Pauli Nacht" (1999) und der TV-Comedy "Anke" (2000).

Zwiespältig reagierte die Literaturkritik auf Willemsens spätes belletristisches Debüt im Jahr 2005, die Erzählung "Kleine Lichter". Das Buch beschreibt den Monolog einer Frau über die Liebe als Botschaft an ihren im Koma liegenden Freund. Für die Verfilmung, die 2010 unter dem Titel "Valerie" mit Franka Potente in der Hauptrolle in die Kinos kam, schrieb er das Drehbuch.

Als Willemsen für die Kampagne "Helfen steckt an" der UN-Flüchtlingshilfe und von Care International im Februar 2005 erstmals nach Afghanistan reiste, sammelte er dort Material für sein Buch "Afghanische Reise" (2006), in dem er sich als Chronist subjektiver Stimmungen auf die Spuren seines geistigen Wegbereiters Robert Byron und dessen in den 1930er Jahren geschriebenem "Weg nach Oxiana" begab.

Gespräche mit Guantánamo-Häftlingen

Ergebnis dieser Recherchereise war auch das politisch brisante Buch "Hier spricht Guantánamo" (2006), in dem Gespräche mit fünf ehemaligen Häftlingen des umstrittenen US-Gefangenenlagers dokumentiert sind. "Ein Dokument der Zeitgeschichte, eine Mahnung, wie schnell Rechtsstaatlichkeit und somit auch menschliche Würde demontiert werden kann", meinte Die Zeit damals.

Willemsen war unverheiratet und lebte in Hamburg. Im August vergangenen Jahres wurde seine Krebserkrankung bekannt. Er wurde 60 Jahre alt.

Er konnte alles besser als alle

Eigentlich wollte er nie zum Fernsehen, sondern schreiben. Zum Glück tat er beides. Zum Tod von Roger Willemsen. Von Willi Winkler mehr ...