Best-of-Plattenkabinett St. Vincent: St. Vincent

Weiß gebleichte Locken, vampirblasse Haut und ein Kleid wie gemacht für eine Weltraum-Gala - so wie Annie Clark auf dem Cover ihres Albums aussieht, klang ihre Musik eigentlich schon immer: widerständig, sehr modern und manchmal einen Tick zu strapaziös, um sie auf Dauer-Repeat stellen zu wollen.

Zwei Drittel dieser Eindrücke stimmen noch, nur der letzte stimmt nicht mehr. Mit "St. Vincent" hat St. Vincent in diesem Jahr alles Wunderbare aus ihrer musikalischen Vergangenheit genommen, es nochmal ganz genau angesehen und dann neu zu etwas noch viel Wunderbarerem zusammengesetzt.

Jetzt noch wunderbarer: St. Vincent.

(Foto: REUTERS)

Da sind die schlichten, klaren Melodien von "Prince Johnny" und "I Prefer Your Love", die schon ihr Debüt "Marry Me" ausmachten. Die verzerrten, schnarrenden Prog-Rock-Gitarren-Teppiche, mit denen sie auf ihrem zweiten Album "Actor" sehr konsequent gegen ihr zart-großäugiges Niedlichkeitsimage anging, sind in den Hintergrund getreten.

Dafür wehen jetzt Jazzklänge durch die Songs und nostalgische Marching-Bläser erden einen Titel über das Menschsein im Social-Media-Zeitalter ("Digital Witness"). Das ist unerwartet und sehr innovativ, aber auch von einer neuen Wärme, so dass man die Verbindung aus ganz und gar ungehört klingender Musik und tief empathischen Texten schon fast weise nennen muss.

Vielleicht beschreiben zwei Liedzeilen aus einem der schönsten Songs auf diesem Album am besten, was für einen Erkenntnisgewinn diese Synthese dem Hörer beschert: "Prince Johnny, you're kind but you're not simple" singt Anni Clark in "Prince Johnny", "But now I think I know the difference". Wer freundlich ist, und auch mal so klingt, ist noch längst nicht einfach gestrickt.

Auf "St.Vincent" kommt beides zusammen: große freundliche Hör-, ja fast Tanzbarkeit - und die Lust am Experiment, die St.Vincent immer schon hatte und die ihr den Ruf einbrachte, ziemlich arty, wenn nicht abgehoben zu sein. Sicher, ihre Rolle als große Außenseiterin des amerikanischen Pop wird St. Vincent nie aufgeben. Aber 2014 war ihr Jahr - und es klang so gut, dass man gern an ein neues, interessanteres Zeitalter der Mainstream-Musik glauben möchte.

Kathleen Hildebrand

  • Das Christkind stopft dieses Album gerne in die Socken von: Menschen, die 2015 Großes vorhaben.
  • Wer dieses Album in zehn Jahren auflegt, denkt: Damals war Beyoncé ja noch berühmter als Annie Clark.

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