Aufregung um TTIP in Kulturszene Wir nehmen die Rücklichter, ihr kriegt die Kunst

Inspiration aus Amerika für die Münchner Opernfestspiele? Warum nicht, so der Tenor der Diskussionsteilnehmer.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Freihandelsabkommen TTIP wird nirgends so entschieden abgelehnt wie in der deutschen Kulturszene. Theater-Intendant Christian Stückl, Hanser-Chef Jo Lendle und der Soziologe Dieter Haselbach diskutieren über Subventionskultur und antiamerikanische Vorurteile.

Von Carolin Gasteiger und Matthias Kolb

Die Verhandlungen über die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) zwischen der Europäischen Union und den USA könnten die größte Freihandelszone der Welt schaffen. TTIP betrifft alle Lebensbereiche: von Umweltschutz bis hin zu Urheberrecht. Auch in der deutschen Kulturszene ist die Aufregung groß. Zwar sind die audiovisuellen Medien nach einer Initiative Frankreichs von den Verhandlungen ausgenommen. Trotzdem fürchten Kritiker, dass die hierzulande geltende Buchpreisbindung wie alle anderen Handelshemmnisse fallen wird, und Theatersubventionen dem Investitionsschutz geopfert werden. Die Versicherungen mehrerer Politiker, die Kultur sei von den Verhandlungen ausgenommen, wollen sie nicht nur in der Präambel des TTIP-Abkommens, sondern am liebsten in jedem einzelnen Paragrafen lesen. Sind diese Sorgen berechtigt? Oder dient das Getöse nur dazu, Neuerungen zu verhindern? Darüber diskutieren im Münchner Volkstheater auf Einladung der Süddeutschen Zeitung Dieter Haselbach, Mitautor der Streitschrift "Der Kulturinfarkt", Jo Lendle, Chef des Hanser Verlags und Christian Stückl, Intendant des Volkstheaters und Leiter der Passionsspiele Oberammergau.

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"Hoffnung oder Hysterie: Was bedeutet das Freihandelsabkommen TTIP für uns?" Diese Frage hat unsere Leser in der sechsten Abstimmungsrunde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alles zur TTIP-Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

SZ: Klaus Staeck, der Präsident der Akademie der Künste in Berlin, befürchtet den "Ausverkauf unserer Kultur", der Deutsche Kulturrat fordert "Stoppt TTIP". Verstehen Sie diese Aufregung?

Jo Lendle: Absolut. Zwar behaupten - von Kulturstaatsministerin Monika Grütters bis Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel - alle, dass die Kultur ausgeklammert sein wird wie in allen anderen Handelsabkommen, die Deutschland bislang geschlossen hat. Aber es wäre schön, wenn das irgendwo festgeschrieben wäre. Die Gefahr ist groß, dass die einheitlichen BMW-Rücklichter gegen die Buchpreisbindung eingetauscht werden.

Dieter Haselbach, Jo Lendle, Christian Stückl (v.l.n.r.)

(Foto: SZ)

Christian Stückl: Auch wenn die Kulturstaatsministerin beteuert, dass die kulturelle Ausnahme in der Präambel stehen wird, frage ich mich: Was genau steht in der Präambel? Noch ist es sehr unklar, in welcher Form Kultur tatsächlich in TTIP vorkommt. Wo verläuft die Grenze zwischen Kulturgut und Wirtschaftsgut?

Dieter Haselbach: Eigentlich hätte man mit der ganzen Aufregung aufhören können, als im Frühjahr dieses Jahres das vorher geheime Verhandlungsmandat der Europäischen Kommission öffentlich wurde (hier als PDF-Download). Es enthält alles, was die deutsche Kulturszene fordert. Aber trotzdem wurde die Debatte schärfer - weil an TTIP exemplarisch der deutsche Subventionsbetrieb diskutiert wird. Nur so lässt sich diese Aufregung mit all den Appellen und Unterschriftenlisten erklären.

Ist es denn verwerflich, darüber nachzudenken, wie man sein eigenes Werk am besten vermarktet? Ergeben sich da durch TTIP nicht ganz neue Chancen?

Stückl: Wie sich das auswirkt, sieht man an Oberammergau. Irgendwann hat der Reiseveranstalter Thomas Cook die Passionsspiele entdeckt und Touristen hergebracht. Es ging nur noch um möglichst viele Vorstellungen und möglichst hohe Preise - plötzlich waren die Passionsspiele ein Handelsgut. Inzwischen kommen mehr als 70 Prozent unserer Besucher aus Amerika. Mit dem Münchner Volkstheater will ich gar nicht auf einem anderen Markt konkurrieren. Ich will kein Theater für Berlin machen, sondern für die Leute, die hier sind.

Kultur als Ware

Was halten Kulturschaffende vom Freihandelsabkommen TTIP? Jo Lendle, Chef des Hanser Verlags, und Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters, über Kultur als Handelsgut. mehr ... Video

Haselbach: Aber Sie müssen trotzdem jeden Abend genügend Zuschauer in Ihr Theater locken.

Stückl: Aber nicht aus Berlin. Es ist ein hohes Gut, dass wir nur mit anderen Häusern in München konkurrieren müssen. Diese Vielfalt darf nicht zerstört werden. Auf dem Weltmarkt müsste ich ständig nach einem privaten Sponsor suchen, dem am Ende mein Bühnenbild vielleicht zu modern ist. Aber das muss ich in unserem System zum Glück nicht.