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TTIP und die Kultur:Intellektuelle Zumutung

Anna Amalia Bibliothek in Weimar

Die Lebendmaske Goethes (r.) und die Totenmaske Schillers (l.) - Bestandteile deutscher Kultur.

(Foto: Martin Schutt/dpa)

Gegner des Freihandelsabkommens mit den USA fordern pauschal, "die Kultur" müsse unbedingt geschützt werden. Das reicht vom "Tatort" bis zur Bayerischen Staatsoper. Aber was genau verteidigen sie da eigentlich?

Zuletzt meldete sich auch das Goethe-Institut zum Transatlantischen Freihandelsabkommen: Nein, die "Kultur" dürfe nicht Gegenstand eines Vertrags werden, in dem alles, was hergestellt oder geleistet werde, gleichermaßen und ausschließlich als Ware behandelt werde. Die "Eigenständigkeit der Kultur" werde gefährdet, wenn der "kulturellen Vielfalt" der "Schutz" und die "Förderung" entzogen werde.

Zwar ist der Stand der Verhandlungen zwischen den USA und der Europäischen Union noch ungewiss - aber es erscheint den Funktionären der Kultur offenbar schon jetzt als nützlich, von vornherein gesagt zu haben, dass weder der "Tatort" noch das Erlanger Poetenfest noch die Bayerische Staatsoper sich je ökonomisch mit der amerikanischen Konkurrenz werden messen dürfen.

So spricht auch der Deutsche Kulturrat, so redet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, und der Deutsche Bühnenverein erklärt sich ebenfalls gegen eine "Ökonomisierung der Künste", durch die angeblich die "europäische Kultur" ins Wanken gebracht werde. Was das Goethe-Institut fordert, ist weitgehend Konsens unter den "Kulturschaffenden". Sie alle scheinen davon überzeugt zu sein, dass "die Kultur" eine gesellschaftliche Sphäre ganz für sich allein bilde, die nur dann wirklich gedeihen könne, wenn sich niemand einmische, vor allem nicht die Politik und die Wirtschaft.

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Viele Menschen, die sich gerne in einer Welt bewegten, in der es nicht um Effizienzsteigerung und Nützlichkeitserwägungen geht, glauben das auch. Das Dumme ist bloß, dass in dem Wunsch, die "Kultur" möge frei sein, nur eine Negation steckt: Sie soll eben nicht dem Streben nach Gewinn und Macht dienen. Aber was soll sie stattdessen tun? Die großen Institutionen des deutschen Kulturbetriebs wollen einen Bannkreis um die "Kultur" legen, und sie wollen es um so mehr, je weniger sie angeben können oder wollen, was sich innerhalb des Kreises befinden soll. Und weil das so ist, müssen sie sich über Misstrauen nicht wundern.

Die Behauptung, "Kultur" dürfe nicht zur Ware werden, gehorcht einem Muster, das vertraut ist, aber nicht sehr plausibel. Es gibt viele Dinge, die Waren sind, aber nach Ansicht vieler Menschen nicht zu solchen werden dürfen. Das Wasser gehört dazu, die Gesundheit, die Bildung, vielleicht auch (zumindest für die Armen und für die Dritte Welt) das Essen überhaupt. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Zwar verbirgt sich eine Erkenntnis in dieser Forderung: Sie lautet, dass Waren nicht zur Befriedigung von Bedürfnissen hergestellt werden. Das Problem aber besteht darin, dass diese Erkenntnis nicht besonders weit führt, weil sie als Forderung nach einer Ausnahme von einer universal geltenden Regel vorgetragen wird.

Von welcher Ware aber ließe sich demgegenüber sagen, sie sei nichts anderes als eine Ware? Nicht einmal ein Geländewagen wird gebaut, nur um verkauft zu werden. Zudem wird die Forderung nicht einleuchtender angesichts der Tatsache, dass fast alle Dinge, die in der "Kultur" hergestellt oder vertrieben werden, in Gestalt von Waren auftreten: vom Taschenbuch, das zehn Euro kostet, bis hin zur Arbeitskraft eines Theater-Intendanten, für die in einem Jahr durchaus dreihunderttausend Euro verlangt werden dürfen, eigene Regiearbeiten exklusive.