Audioguides in Museen Weltenerklärer im Taschenformat

Audioguides sind in vielen europäischen Museen zur festen Größe geworden. In so gut wie allen bedeutenden Häusern hat man mittlerweile die Option, sich so die Sammlungen erklären zu lassen. Vor allem die Londoner Kunsthäuser treiben die technische Entwicklung voran - und müssen vermeiden, dass alle nur noch auf kleine Bildschirme starren.

Von Alexander Menden

Vormittags im Britischen Museum, in der Mesopotamien-Abteilung haben sich ein Dutzend Besucher um eine Vitrine geschart. Ein grauhaariger Herr, dessen Blazer und Lesebrille Expertentum signalisieren, deutet auf ein steinernes Löwenrelief: "Die Babylonier errichteten das größte Imperium, das der Nahe Osten bis dahin gesehen hatte. Dieser Löwe war ein Symbol ihrer Macht und. . .". Seine Erläuterungen verlieren sich im Hintergrund, während man sich beim Weitergehen ein Paar Kopfhörer aufsetzt.

Erste akustische Touren gab es schon Mitte der 1970er Jahre. Damals mussten die Besucher noch mit einem Kasettenrekorder durch das Museum laufen. Hier sitzt ein Besucher im Museum of Contemporary Art in Sydney - mit einem modernen Audioguide im Taschenformat.

(Foto: REUTERS)

An einer Vitrine am anderen Ende des Raums, die das Basaltrelief einer bärtigen Figur enthält, ist eine dreistellige Zahl angebracht. Man gibt die Nummer in das kleine Gerät ein, in das die Kopfhörer eingestöpselt sind, und Donnergrollen übertönt das Grundrauschen der Besuchermassen. Vor die Gewitteraufnahme schiebt sich eine kultivierte Männerstimme. Sie erklärt, dass es hierbei um Teshub handele, den hetitischen Sturmgott (daher die Untermalung). Während die Stimme Details zu den Hetitern und ihrer Kultur liefert, wandert der Blick hinüber zu der Besuchergruppe und ihrem bebrillten Führer, die sich mittlerweile zu einem anderen Ausstellungsstück bewegt haben. Wäre es interessanter, sich ihnen anzuschließen, Fragen zu stellen, sich mit den anderen Besuchern zu unterhalten? Oder würde man die Autonomie vermissen, die der Audioguide mit sich bringt?

Audioguides sind in vielen europäischen Museen zur festen Größe geworden. In so gut wie allen bedeutenden Häusern hat man mittlerweile die Option, sich ein solches Gerät auszuleihen und sich von ihm die Sammlungen erklären zu lassen. Es gibt sie in verwirrender Vielfalt, mit und ohne Tastatur, mit und ohne Bildschirm, als Audiogerät oder Interaktivbegleiter.

Das Grundkonzept der simpelsten, rein akustischen Variante, ist verführerisch einfach: Man durchstreift das Museum, tippt an markierten Stellen die entsprechende Nummer ein und bekommt eine Beschreibung des Werkes, oft angereichert mit Musik aus der Entstehungszeit, Zitaten des Künstlers oder der Kuratoren.

"Unsere ersten akustischen Touren gab es schon in den siebziger Jahren", sagt Matthew Cock, Leiter der Internetabteilung des Britischen Museums. "Damals ging man mit einem Kassettenrekorder herum, das war alles sehr linear." Erst die Umstellung auf Digitaltechnik um das Jahr 2000, ermöglicht durch das mp3-Format, habe jene flexible Nutzung erlaubt, die inzwischen für viele Museumsbesucher zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Speziell bei Sonderausstellungen haben sich die Audioguides als beliebt erwiesen. Bis zu 20 Prozent der Besucher besonders erfolgreicher Schauen mieten sich auch einen digitalen Führer.

Von der Audio-Tour bis zur totalen Interaktivität

Nebenbei hat Matthew Cock eine interessante Beobachtung gemacht: "Wenn die Besucher Eintritt für eine Ausstellung bezahlen, sind sie anscheinend eher bereit, auch noch Geld für den Audioguide auszugeben. Der Eintritt zu unserer permanenten Sammlung ist gratis, und der Prozentsatz der Besucher, die fünf Pfund für die Digitaltour investieren, ist deutlich geringer als bei den Sonderausstellungen." Beim Leonardo-Blockbuster in der National Gallery hingegen sind derzeit stets 500 Geräte gleichzeitig im Einsatz.

Die Londoner Museen sind wegweisend, wenn es um technische Neuerungen bei den Audioguides geht. Im Britischen Museum etwa birgt die robuste Plastikhülle einen Touchscreen, der weit mehr liefert als reine akustische Erläuterungen zu mehr als 200 Ausstellungsstücken: Eine interaktive Karte hilft bei der Navigation des riesigen Gebäudes. Man kann es in Eigenregie oder anhand mehrerer geführter Touren (darunter "Altes Ägypten", "Klassisches Altertum", und "Frühes Mittelalter") erkunden. Zudem gestattet der kleine Bildschirm Einblicke, die sonst nicht möglich wären.

Der Deckel der sogenannten "Royal Gold Cup" aus dem 14. Jahrhundert etwa ist stets geschlossen. Wer die reiche Emaille-Arbeit im Innern des Kelches sehen möchte, kann dies auf dem Bildschirm des Audioguides tun. Die Erklärungen lenken die Aufmerksamkeit auf Details, die das ungeübte Auge kaum entdeckt hätte: Die Frau, die sich auf dem Fries des antiken Nereiden-Monuments vor Verzweiflung die Haare rauft, oder die geflügelten Geländerstangen an der Balustrade der "Enlightenment Library".

An den Audioguides lässt sich unter anderem auch ablesen, wie sich die Zusammensetzung des Londoner Museumspublikums gewandelt hat: Die gefragteste Sprache nach Englisch ist Mandarin. "Es ist, als habe man einen Kurator im Taschenformat dabei", findet Matthew Cock.

Mit dieser Rolle des Audioguides als tragbarer Kunsthistoriker hat sich der dänische Medienforscher Jørgen Christensen befasst. Nutzer interaktiver Digitalguides haben nach seiner Untersuchung zwangsläufig einen anderen Zugang zu den Ausstellungsstücken als Besucher, die ein Museum ungeleitet durchstreifen. Der Audioguide sei, so Christensen, der verlängerte Arm einer Institution, welche "die Vergangenheit für den Besucher formt". All das, könnte man einwenden, tun allerdings bereits Aufteilung und Auswahl der Ausstellung. Und auch gedruckte Führer oder der Herr mit Brille und Blazer monopolisieren ja die Interpretation.