Architektur von Stuttgart 21 Kalkulierte Abwertung des Bahnhofs?

Um also den querliegenden massig-hohen Gebäuderiegel durchlässig zu machen, muss die gebaute Stufe aufgebrochen, ja durchlöchert werden. In den beiden Zugangshallen werden die Treppen also zu schmalen Aufgängen schrumpfen; die oberen Podeste aber werden wie Emporen wirken, unter denen breite Durchgänge in die bislang lichtlose Kellerzone und unter der Querhalle hindurch bis zu den Zugangsbrücken des neuen Bahnhofs führen. Um die so unter der bisherigen Haupthalle entstehende düstere Niedrighalle zu humanisieren, hat man schon mit der absurden Idee gespielt, den Boden der oberen Halle aus transluzentem Glas zu fertigen.

Doch was immer mit der Substanz des Altbaus angestellt wird - von der lebendig gestaffelten Architekturkomposition, vom wichtigsten Bahnhofsbau zwischen Historismus und Moderne, wird nur ein sinnloser Rest und auch von dem nur die durchlöcherte Hülle übrigbleiben. Warum sollen Pendler, die den künftigen Bahnhof benutzen, oder Stuttgart-Besucher, die es in die Museen oder Theater zieht, in die zwecklos gewordene alte Bahnhofshalle hinaufsteigen: etwa um durch die acht mächtigen Rundbogentore, die früher zu den Gleisen geführt haben, auf den gigantischen Betondeckel des neuen Bahnhofs zu blicken? Nur mit massiven Einbauten lässt sich die offene Wandelhalle in eine Shopping Mall umbauen - aber dann ist das Denkmal endgültig vernichtet.

Die Deutsche Bahn hat in den letzten Jahren in vielen historischen Bahnhofsgebäuden - in Leipzig oder Dresden etwa - vorgeführt, wie sich stilgerecht restaurierte historische Hallen mit neuen Einbauten zu Ensembles von großer Lebendigkeit aufwerten lassen. Beim Stuttgarter Hauptbahnhof hat die Bahn seit Jahrzehnten jede Schönheitsreparatur und jeden sinnvollen Einbau verhindert; sie wollte das Gebäude, das sich seiner Rustica-Bewehrung wegen leicht als Nazibau verunglimpfen lässt, offensichtlich baukünstlerisch weiter abwerten, um so den Befürwortern des Totalumbaus Argumente zu liefern.

Der planmäßigen Beschmutzung des Altbaus entsprechen auf der anderen Seite die Lügen bei der Darstellung der zu errichtenden Bauten. In den offiziellen Werbebroschüren duckt sich der gigantische Sarg des künftigen Querbahnhofs so diskret in die Erde, dass man den Eindruck hat, die beiden durch den Einbau getrennten Parkteile würden an der Oberfläche wieder harmonisch zusammenwachsen. In Wahrheit zieht sich ein 400 Meter langer, 100 Meter breiter und 12 Meter hoher Betonschlauch quer über den gesamten Talboden, also auch quer durch die grüne Schneise des Schlossgartens.

Am alten Bahnhofsturm, wo einer der Hauptdurchgänge durch den neuen Acht-oder-zehn-Gleise-Trakt sein soll, ragt der Riegel immer noch sechs Meter aus der Erde. Nimmt man die über dem Deckel vier Meter hoch aufsteigenden Lichtaugen hinzu, erhebt sich das Bauwerk, auf dessen Betonschale außer Rollrasen nichts gedeihen wird, zehn Meter hoch über das Niveau des Schlossgartens. In den Prospekten aber wird so getan, als könne man künftig über die versenkte Spieleisenbahn bequem ebenerdig hinweg schlendern.

Im offiziellen "Planfeststellungsbeschluss" versteigen sich die Stadtpolitiker sogar zu der Behauptung, dass der dicht mit riesigen Lichtaugen bedeckte Betonwall, der aus der Luft wie eine Panzersperre vor der Innenstadt aussehen wird, die Stadt- und Parklandschaft nicht beeinträchtige.

Pinnwand des Aufstands

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