Stufe ins Nichts: Vom wichtigsten Bahnhof zwischen Historismus und Moderne bleibt nur noch ein sinnloser Rest. Der neue Entwurf ersetzt das Alte nicht.
Die monatelangen friedlichen Proteste gegen "Stuttgart 21" haben das politische Klima in Deutschland verändert, doch das bekämpfte Bauprojekt haben sie allenfalls verzögern, nicht aber dauerhaft stoppen können. Was immer in den kommenden Wochen an "Stresstesten" vorgenommen wird - am Ende werden die vorgesehenen Hoch- und Tiefbauten am Stuttgarter Hauptbahnhof und auf dem freigeräumten Bahngelände zwischen Innenstadt und Rosensteinpark wohl genau in jenem Rhythmus und in jenen Grundformen errichtet, die lange vor den Protesten schon festgelegt worden sind. Aus diesem Grund soll hier noch einmal dargelegt werden, was sich die Stadt mit diesen Baumaßnahmen antut.
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Absurde Idee: Um die düstere Niedrighalle zu humanisieren, die unter der bisherigen Haupthalle entsteht, soll der Boden der oberen Halle aus Glas angefertigt werden. (© dpa)
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Als Paul Bonatz im Jahr 1914 mit dem Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs begann, musste er, um die 16 parallel geführten Gleise am abfallenden Talhang auf einheitlichem Niveau in die Bahnsteighalle einlaufen zu lassen, das Gleisbett und die davor quergestellte große Empfangshalle von Norden nach Süden hin so aufsockeln, dass die Halle von Norden her ebenerdig betreten werden konnte.
Auf der Südseite aber musste die Bahnsteig-Ebene sechs Meter hoch über das Niveau des angrenzenden Schlossgartens gehoben und entsprechend massiv abgestützt werden. Um diesen unnatürlichen Geländesprung aufzufangen, hat Bonatz einen langen viergeschossigen Gebäuderiegel mit mächtig vorspringenden risalitartigen Kuben vor diese Kante gestellt. Vor das aufgesockelte südliche Ende der Empfangshalle aber hat er den Bahnhofsturm postiert, der dem horizontal ausladenden Ensemble einen vertikalen Akzent gibt.
Im Zusammenspiel mit dem in Richtung Stadtmitte vorstoßenden hohen Trakt der Schalterhalle formieren sich der Turm und der angehängte Südflügel des Bahnhofs zu einem kraftvoll rhythmisierten Ensemble, das sich wie ein in den kubischen Formen der frühen Moderne gebauter Eisenbahnzug am Schlossgarten entlangzieht. Von diesem architektonisch eindrucksvollen Monument des Eisenbahnzeitalters, dieser baukünstlerischen Antwort auf die Lokomotiv- und Wagenfolge eines Zugs, werden nach der Beseitigung des Südflügels nur die abgehängte, nutzlos gewordene "Lokomotive" an der Spitze - also Schalterhalle und Turm - übrigbleiben. Direkt am Fuß des Turms aber wird der gewaltige Baukörper des quergelegten, zur Hälfte in die Erde versenkten künftigen Durchgangsbahnhofs hervorschießen und den angrenzenden Schlossgarten bis zur gegenüberliegenden Talseite zerschneiden.
Ebenerdiger Zugang
In diesem neuen Bahnhof werden die Besucher, die aus der Innenstadt kommen, nicht mehr zu den Bahnsteigen hinaufsteigen müssen; sie werden die Brücken und Rolltreppen, die sie zu den abgesenkten, querverlaufenden Bahnsteigen bringen, zu ebener Erde und von mehreren Seiten aus erreichen, was den Zugang zu den Zügen entschieden erleichtern wird. Auch die in der Nachbarschaft anlegenden Nahverkehrsmittel S und U werden künftig sehr viel direkter mit dem Fernverkehr verknüpft sein.
Für den verbleibenden Rest des Bahnhofgebäudes freilich ist die neue Verkehrsführung schlicht fatal. Man könnte den Bonatz-Bau mit seiner hochgelegenen Empfangshalle, mit den beiden aus der Stadt auf sie zuführenden Querschiffen und der zum Bahnhofsvorplatz sich öffnenden hohen Pfeilerhalle als die architektonisch monumentale Ummantelung einer nach oben führenden Stufe beschreiben, einer Stufe, die beim Umbau jeden Sinn verliert, weil die Wege aus der Stadt zu den Zügen nicht mehr nach oben, sondern vom Erdgeschoss aus nach unten führen.
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Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Ihr etwas laxer Umgang mit den Begriffen Bau- und Kulturdenkmal zeigt schon die Art und Weise, in der die von Ihnen benannte "evidente Menge" an Gegenargumenten Und wie anders soll man einen demokratischen Disskurs fühen, als Argument vs. Argument. Mit Ihrer Behauptung der "evidenten Menge" enziehen Sie sich dieser Diskussion und verhalten sich diktatorisch und undemokratisch.
Den im Gegenzug kann ich behaupten, so wenig wie man am Stuttgarter Bahnhof von einem Kulturdenkmal sprechen kann und so wenig man dessen historische Aussage durch das Projekt S21 zerstört, so wenig ist das Grundwasser oder irgendwelche Mineralquellen signifikant gefährdet, die öffentlichen Kassen werden durch S21 nicht anders belastet als durch K21, das S21 die Stadt Stuttgart mehr verschandelt als der derzeitige Bahnhof ist kein Argument sondern eine ästhetische Verirrung, es zerstört keinerlei wertvolle Bausubstanz und es dient der Verbesserung des ÖPNV und dessen Vernetzung. Es steigert die Geschwindigkeit zwischen Stuttgart Ulm und München und ist infolge seiner Investitionskraft Teil des notwendigen Wirtschaftswachstums in der Region.
Damit wäre Ihre "signifikante Menge" auf Null reduziert.
Wir sollten also doch lieber Argument für Argument wichten.
Und ich meine belastbare Aussagen dafür gebracht zu haben, dass die im Artikel behauptete bauhistorische Sonderstellung des Stuttgarter Bahnhofes nicht haltbar und der im Projket geplante Umgang dem Werk angemessen ist.
Die unwiederbringliche Zerstörung eines Baudenkmales (welches in weitaus kleinerem Maßstab einem Privatbürger NIEMALSNICHT gestattet werden würde), ist nur EINES von DUZENDEN sachlichen Gegenargumenten, die gegen das Projekt Stuttgart-21 sprechen. Im Grunde ist es unsinnig jedes einzelne Argument entkräften zu wollen, weil alleine die Summe und Übermächtigkeit aller Gegenargumente so evident ist. Mir ist völlig unverständlich wie man überhaupt für S21 sein kann. Es verschandelt Stuttgart, es zerstört wertvolle Bausubstanz, es bringt keinerlei Geschwindigkeitsvorteil, es verschlechtert den öffentlichen Nahverkehr, es belastet die öffentlichen Haushalte, es birgt unkalkulierbare Risiken für das Grundwasser und ja, es zerstört AUCH ein Kulturdenkmal. Ob das nun Nazi-Architektur ist, oder nicht ist zweitrangig. Es ist schlich ein Verbrechen an der Geschichte, genauso wie es auch ein Fehler war den Palast der Republik abzureißen. Er mag nicht schön gewesen sein und er war auch ein Symbol der vergangenen DDR. ABER eben darum hätte er erhalten werden müssen. Geschichte darf nicht ausradiert werden, denn sonst wird sie vergessen!
4. Umgang mit Geschichte
Natürlich braucht es Zeitzeugen – aber braucht es deswegen jedes alte Haus. Die Freiburger Innenstadt ist ein tolles Beispiel, wie Denkmalschutz einen Stadtkern in eine Art historische Puppenstube verwandelt. Gralshütter der „guten alten Zeit“ wehren sich gegen jedwede Veränderung die sie mit dem Totschlagargument des völligen Verlustes unserer Identität verschleiern.
Danke übrigens für Ihre Putten und Borden – die Nazis hatte solche nie ernsthaft im Repertoire ihrer architektonischen Sprache und die hätten mich, dessen ästhetischen Gral in einem Kiefernwald bei Dessau steht, noch mehr für S21 plädieren lassen.
Und auch Abriss ist ein Zeitzeichen. Die Beschneidung eines Baues der Naziideologie zeigt, wir stehen zu diesem Teil unserer Vergangenheit - wir lassen uns aber von ihr nicht mehr einengen.
Sie selbst bedauern, dass der letzte Zipfel der Stadt mit Mobilität (Starsse oder Schiene ist da wohl egal) zugepflastert ist. Wie nur kann man dann gegen den Rückbau solcher Trassen und gegen die Tieferlegen deren moderner Ausprägung sein?
Warum muss eine Stadt, jeden alten Zeitzeugen behalten? Das hat Stadt nie getan und wird es auch nie auf sich nehmen. Dieses Ansinnen widerspricht dem natürlichen Fluss der Zeit, in der Dinge entstehen und vergehen.
Was ich den Gegnern von S21 und dem Verfasser dieses Artikels insbesondere vorhalte, dass sie sich wenig bis gar nicht damit auseinandersetzen, was vom Bonatzbau stehen bleibt sondern mit den dem Abriss frei gegebene Teilen den Ende des Abendlandes heraufbeschwören und dabei vollkommen außer Acht lassen, dass es eine denkmalpflegerische Beurteilung zu den geplanten Abrissen gegeben hat und die dort vertretenen Leute keine Anfänger ihres Faches waren.
Übrigens – heute „ziert“ das Zeughaus ein ziemlich misslungenes Dach über dem Innenhof. Auch diese Veränderung ist ein Zeichen unserer Zeit – das man mit etwas Gelassenheit weitergeben kann, bis es irgendwann einer wegreißen wird, einen Grund zum Demonstrieren sehe ich darin nicht. Das Leben ist auch try-and-error. Aber – wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Und über die Chance des neuen Gebäudes am Bahnhof Stuttgart, als Zeichen unsere Tage kann ein Gegner natürlich nicht reden – der muss das als „Panzersperre“ und Betonklotz verballhornen. Ggene solche Auslassungen war meine Aufgeregtheit sogar stilvoll.
noch Baudenkmal
Städtebaulich ist dieser Kollos quer zur Stadt eine Freveltat ohne Gleichen. Wer dem auch nur irgendetwas Funktionales oder Ästhetik abringen kann, der hat ein paar städtebauliche Grundlagen nicht verstanden.
Der Kern des Bonatzbaus, sein bitterer Ausspruch, seine negierende Aussage bleiben mit dem, was mit S21 stehe bleibt erhalten. Alles andere steht einer weit humaneren und in die Zukunft gerichteten Planung zur Verfügung.
3. Die Nazi-Keule
Ich gehöre zu denen, denen das Schwingen der Nazikeule gehörig auf die Nerven geht. Nur – es gibt nun mal Tatschen, die sind einfach faschistoid und lassen sich auch mit dem Keulen-Argument nicht wegschreibseln. Sie schreiben vollkommen richtig: „ es geht auch um Geisteshaltungen, um den Einfluss der Architektur auf die Gesellschaft, um die Symbolhaftigkeit für geschichtliche Entwicklungen“ Welche Geisteshaltung nahm Bonatz zur Zeit des Bahnhofsbau also ein? Welchen Einfluss wollte er ausüben? Welche Symbol sind dort in Stein geformt? Bonatz war ein Nazi – und kein kleiner, gerade in der Zeit der Erschaffung des Bahnhofes hing er der Ideologie der Nazis an. Das unterscheidet den Mann ganz klar von Leuten wie Gropius (der übrigens nie gezeichnet hat und ein lausiger Konstrukteur war) oder ebend Hubert Ritter – in dessem Rundling ich schon als Student gewohnt habe. Und ich verbitte mir, Ritter und Bonatz in einem Satz zu nennen. Das Nazitum des Bonatz ist ein Faktum. Und daher ist seine Architektur von dem geprägt, was faschistische Ästhetik ausmacht – Spießigkeit, Verherrlichung der Macht, Blut-und-Boden, Gleichmacherei, Kleingeist, Angst all dies prägt sich in Formen, Skulpturen, Materialisierungen etc. aus. Die Dimensionierung der Schalterhallen ist bereder Ausdruck, in welchen Verhältnis Bonatz die Würde des Einzelnen und die Bedeutung des „Ganzen“ gesehen hat. Wer zu einem derart überhöhendem Geschwurbel ansetzt, wie der Verfasser dieses Artikels, muss sich diese historischen Tatschen vorhalten lassen. Die gehören zur Bewertung des ganzen dazu. Unterlässt man dies, argumentiert man unlauter. Man kann dann die Stuttgarter ja fragen, ob sie diese Nazi-Burg weiter behalten wollen – Volksabstimmung dazu – wer doch mal ne Sache.
Was für eine Betroffenheit! Habe ich wohl einen Blattschuss gelandet.
Zu Ihren langen Text
1. Der Architekt
Jeder ist, was er sein will. Der Architekt hat sich aus dem Baumeister entwickelt und seit seiner Zuwendung zum schönen Schein, hat er den Blick für den Kern einer Konstruktion weitestgehend verloren. Das heisst nicht, dass es unter Architekten Könner gibt – stellen sie sich nur Vor, der Behnisch hat das Münchner Olympiastadion ohne Computer entworfen. Für die Herscharen der Praktikantierenden Fenstersprossendesigner, die in Büros wie Legehennen ausgequetscht werden, ist das sicher unvorstellbar. Und da der Architekt die Konstruktion nicht mehr beherrscht, sucht er sich vage Themenfelder, auf denen er dann weiter „Meister“ sein kann. Sie haben aufgeführt, wo der Architekt von Heute sich alles versucht. Meist, infolge mangelhafter Ausbildung sehr dilettantisch, aber dafür gibt es ja Spezialsten.
2. Das Baudenkmal
Einigen wir uns einfach darauf, dass ein Baudenkmal ein Zeitzeichen sein soll. Leider konnte ich Ihren Protest zum Abriss des PdR nicht finden, insofern kann ich ihren Protest alleinig gegen den Teilabriss von Elementen eines Nazibaus nicht ganz ohne Beigeschmack stehen lassen.
Insofern kann man die Bauten Bonatz gern als solches bezeichnen. Die für S21 notwendigen Rückbauten der Flügelbauten haben nichts, aber auch gar nichts mit dem Verweis auf ein Gebäude zwischen Historismus und Moderne zu tun. Der Abriss der Flügelbauten betrifft technische Zweckbauten, die ein stadtplanerischer Graus sind und denen keinerlei Anspruch auf eine Werthaltigkeit als Zeitzeichen implementiert ist. Insofern geht jedwede Assoziation in dieses Richtung einfach ins Leere.
Alles was als Zeitzeichen werthaltig ist, der faschistoide Turm, die bedrückenden Eingangshallen, die grauselige Materialisierung, bleibt.
Schon seit den Wiederaufbauten in den 50er Jahren ist jedoch das Innenleben der Zweckbauten vollständig erneuert wurden, und hat mit Bonatz rein gar nix mehr zu tun. Wer sich jetzt darüber mockiert, dass neue Einbauten „Denkmal entgültig vernichten“ ist daher vollkommener Nonsens. Das Innenleben im Bahnhof ist eine 50-er Jahre Zweckausstattung, wie sie auch im Reichstag, um Preussischen Herrenhaus, in der Münchner Kunsthalle mit Recht wieder entfernt wurden. Warum soll das in Stuttgart nicht möglich sein?
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