15. Februar 2013 15:02 Jeremy Irons auf der Berlinale In Schnallenstiefeln mitten im Leben

Von Paul Katzenberger, Berlin

Manchmal entsteht durchaus der Eindruck, dass Schauspieler nur sich selbst auf der Leinwand darstellen. Bei Jeremy Irons ist das nicht so - den Briten umgibt im realen Leben ein Hauch von Exzentrik, auch wenn er in seinem neuen Film einen Normalo auf Sinnsuche mimt.

Manchmal entsteht durchaus der Eindruck, dass Schauspieler nur sich selbst auf der Leinwand darstellen. Bei Jeremy Irons ist das nicht so - den Briten umgibt im realen Leben ein Hauch von Exzentrik, auch wenn er in seinem neuen Film einen Normalo auf Sinnsuche mimt.

Für internationale Stars ist der Kontakt zu deutschen Journalisten eher eine Pflichtaufgabe als eine Herzensangelegenheit. Zwar wird ihnen von den PR-Firmen der Verleiher dringend ans Herz gelegt, ihren Film auf dem großen deutschen Markt zu bewerben, doch das führt in den seltensten Fällen dazu, dass Leute wie Jude Law, Shia LaBeouf oder Matt Damon sofort in jedes hingehaltene deutsche Mikrofon reinquatschen wie ein Rainer Brüderle.

Interviews werden gewährt, aber nur in kleinsten Happen. Bei der Berlinale dürfen deutsche Journalisten internationale Stars in der Regel nur gruppenweise und das auch nur für wenige Minuten interviewen.

Konkret hieß das für mich, dass ich nach meiner Anfrage für ein Interview mit Jeremy Irons gemeinsam mit drei weiteren Kollegen für 15 Minuten bei dem britischen Starschauspieler vorgelassen wurde. Dem ging es in erster Linie darum, die PR-Maschinerie für seinen neuen Film "Nachtzug nach Lissabon", der am 7. März in Deutschland anläuft, langsam mal anzuschmeißen.

Bei diesen kurzen Begegnungen sind tiefgehende Gespräche, wie sie ja auch immer wieder möglich sind (meistens mit deutschsprachigen Filmemachern), allein auf Grund der Rahmenbedingungen nicht hinzubekommen. Allerdings vermittelt auch ein eiliges Zusammentreffen manchmal einen Eindruck darüber, inwieweit sich der Mensch, den man da vor sich hat, von dem Schauspieler unterscheidet, den man aus vielen Filmen kennt - wenn so ein Unterschied überhaupt besteht: Bei einem Interview mit Julie Delpy beschlich mich kürzlich beispielsweise der verdammt starke Eindruck, dass Delpy sich zuletzt vor allem selber gespielt hat.

Julie Delpy bleibt Julie Delpy

Denn die sexuell zügellose "Marion" aus "2 Tage in Paris" und "2 Tage in New York" unterschied sich für mich nur in Nuancen von der leibhaftigen Julie. Dieser Eindruck verstärkte sich nun auf dieser Berlinale, denn die "Celine" aus dem Wettbewerbsfilm "Before Midnight" (außer Konkurrenz) ähnelte wiederum eminent sowohl "Celine" als auch "Julie". Zu Delpys Entlastung muss ich allerdings hinzufügen, dass sie vor vier Jahren mit der Gräfin Erzebet Bathory auch eine gute Figur abgegeben hat, die ganz und gar nicht "Julie" ist.

Und wie weit ist Jeremy Irons von Raimund Gregorius weg, der Hauptfigur in "Nachtzug nach Lissabon", die er mimt? Die Frage stellte sich mir auch, weil den echten Irons mit seinen mittlerweile 64 Jahren ja möglicherweise ganz ähnliche Dinge umtreiben wie den Raimund im Film, der sich als Endfünfziger aus seinem Durchschnittsleben ganz unvermittelt auf die Suche nach dem Lebenssinn begibt. Irons soll die Rolle zumindest sehr schnell angenommen haben - erkannte sich da einer womöglich im Drehbuch selbst wieder?

Doch ich kann Entwarnung geben: Jeremy Irons, der in seinen kniehohen Schnallenstiefeln durchaus einen Hauch von Exzentrik vermittelte, stellte in dem Kurzgespräch glaubhaft dar, dass er kein Normalo wie Raimund ist, den eine Sinnkrise über sein kleines Leben befallen hat. Es habe vor allem an Regisseur Bille August gelegen, dass er die Rolle sofort angenommen habe, denn der Däne sei einer seiner Lieblingsregisseure. Außerdem sei der Film mit weiteren Stars wie Martina Gedeck, Bruno Ganz, Mélanie Laurent und Charlotte Rampling ganz hervorragend besetzt gewesen. Man war also unter sich - so einfach ist das.