Fachkräfte in der IT-Branche "Deutschland fehlen IT-Experten"

Bitkom-Präsident Dieter Kempf sieht gute Chancen für IT-Fachkräfte, auch ohne Studium.

Hohe Abbrecherquoten in technischen Studiengängen, niedriger Frauenanteil unter IT-Fachkräften: Bitkom-Chef Dieter Kempf beklagt den Fachkräftemangel in der IT-Branche - und sieht für Quereinsteiger gute Chancen, "auch ohne Studium".

Von Christine Demmer

Noch ist der Frauenanteil in der ITK (Informatik- und Telekommunikationstechnologie) zu gering, um den Fachkräftemangel aufzufangen. Professor Dieter Kempf, Vorsitzender des Branchenverbandes Bitkom in Berlin, sieht jedoch Licht am Horizont.

SZ: Wie sind die Jobchancen momentan in der Informationstechnologie?

Dieter Kempf: Die Berufschancen sind ausgezeichnet. In den vergangenen vier Jahren sind mehr als 80 000 neue Stellen entstanden, und auch in diesem Jahr gibt es voraussichtlich wieder mehr als 10 000 zusätzliche Jobs. Hinzu kommt: Seit Jahren fehlen in Deutschland IT-Experten. Derzeit gibt es 39 000 offene und schwer zu besetzende Stellen. Was für die Unternehmen eine echte Belastung bedeutet, ist für gut ausgebildete Berufseinsteiger oder Jobwechsler eine hervorragende Chance auf eine interessante Tätigkeit mit ausgezeichneter Perspektive.

Der Fachkräftemangel ließe sich durch einen höheren Frauenanteil mildern. Was tun die Unternehmen dafür?

Der Frauenanteil unter den IT-Fachkräften ist mit rund 14 Prozent definitiv viel zu niedrig. Die Unternehmen können aber auch nur einstellen, wer die entsprechenden Voraussetzungen mitbringt, etwa eine Ausbildung als Fachinformatiker oder einen entsprechenden Hochschul- oder Universitätsabschluss. Der Frauenanteil steigt hier bereits deutlich, zuletzt lag er bei den Erstsemestern in der Informatik bei etwa 22 Prozent. Mit 11 500 Studienanfängerinnen sind das immerhin doppelt so viele wie noch vor sieben Jahren. Entscheidend ist, dass wir schon in der Schule Mädchen für die Informatik interessieren. Mit unserer Initiative "Erlebe IT" versuchen wir genau das.

Der Bitkom beklagt regelmäßig die hohen Abbrecherquoten an den Hochschulen. Lässt sich nichts dagegen tun?

Dagegen muss man etwas tun, und dagegen kann man etwas tun. Fordern und fördern muss an den Hochschulen in eine bessere Balance gebracht werden. Wir müssen weg von der Kultur des Herausprüfens, hin zu einer Kultur des fordernden Förderns. Technische Studiengänge gehören zu den schwierigsten. Zu oft aber werden zum Beispiel in Pflichtnebenfächern künstliche Hürden aufgebaut, an denen so mancher, der das Zeug zu einem guten Informatiker hat, ohne Not scheitert.

Muss es denn immer ein Hochschulstudium sein?

Ein Hochschulstudium ist weiterhin der klassische Weg in die IT. Berufsakademien sind eine sehr gute Alternative, sie stehen aber nur in wenigen Bundesländern zur Verfügung. Das sehen auch die Personalchefs in den Unternehmen so. Ungefähr die Hälfte der ITK-Unternehmen will künftig stärker als bisher auf Master-Absolventen zurückgreifen. 45 Prozent setzen verstärkt auf Duale Studiengänge. Auch mit einem reinen Bachelor-Abschluss sind die Chancen weiterhin gut, allerdings wollen nur 30 Prozent der Unternehmen künftig mehr Bachelor-Absolventen einstellen. Alternativ zum Studium bietet auch eine Berufsausbildung, etwa zum Fachinformatiker, gute Chancen.

In welchen IT-Bereichen - Hardware, Software, Netzwerktechnik - wird am meisten gesucht?

Die ITK-Unternehmen benötigen vor allem Softwareentwickler - drei Viertel der Unternehmen mit freien IT-Stellen suchen mindestens einen Softwareexperten. Jedes dritte Unternehmen sucht Administratoren, jedes vierte Qualitätsmanager. In den Anwenderbranchen sind die gesuchten Profile etwas anders. Hier werden überwiegend Administratoren gesucht, daneben Projektmanager, IT-Berater und auch in jedem zehnten Unternehmen mit freien IT-Stellen Software-Entwickler.

Wie sieht es mit Quereinsteigern aus? Bisher wurden begabte Autodidakten ja erfreulicherweise recht gut absorbiert.

Das stimmt, derzeit ist noch jeder fünfte IT-Experte in den ITK-Unternehmen ein Quereinsteiger. Allerdings haben sie es angesichts der steigenden Komplexität in der IT immer schwerer. Trotzdem muss es für eine Karriere in IT-Berufen nicht zwingend ein Informatik-Studium sein. In Ingenieur- oder naturwissenschaftlichen Fächern wird inzwischen eine Vielzahl von ITK-Inhalten vermittelt. Der echte Seiteneinstieg in die IT wird aber als Karriereweg allmählich zum Auslaufmodell. Ungeachtet dessen: IT-Unternehmen suchen natürlich nicht nur Informatiker, sondern stellen quer durch die Bank auch Marketing- und Vertriebsexperten oder Mitarbeiter für Querschnittsbereiche wie Personal und PR ein.

Hat die Blue Card, eingeführt 2012, zu einer vermehrten Zuwanderung qualifizierter IT-Fachkräfte aus dem Ausland geführt?

Die Statistik lässt leider keine Aussagen darüber zu, wie viele Blue-Card-Empfänger IT-Spezialisten sind. Sicher ist aber: Der große Ansturm blieb bislang aus. Das liegt unter anderem daran, dass vor allem für kleinere Unternehmen die Suche von geeigneten Kandidaten im Ausland schwierig und die Beantragung der Blue Card aufwendig ist. Und wenn ein Spitzeninformatiker, etwa aus Indien, im Ausland sein Glück sucht, ist Deutschland nicht unbedingt seine Wunschdestination.